POLITIK
01/02/2018 17:42 CET | Aktualisiert 01/02/2018 19:26 CET

Wie Rütli von einer Brennpunktschule zum Vorzeigeprojekt wurde

Ein Brandbrief erschütterte 2006 die Republik.

HuffPost / Klockner / Lienhard Schulz
  • Vor zehn Jahren stand die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln beispielhaft für gescheiterte Bildungspolitik – heute ist sie eine Vorzeige-Einrichtung
  • Wie hat sie das geschafft? Ein Ortsbesuch

Der Weg zu Cordula Heckmann führt vorbei an Bauzäunen, Erdhaufen, Schlammwegen und nacktem Stein. Von der Decke hängen Kabel und Putz.

Heckmann ist seit 2009 Rektorin der Rütlischule in Berlin-Neukölln. Der Name ihrer Schule stand in Deutschland lange für eine gescheiterte Bildungspolitik. Heute ist die Schule in Berlin-Neukölln eine gigantische Baustelle und der Name steht für Aufbruch. 

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Wir treffen Rektorin Heckmann vor Ort, um mit ihr über den erstaunlichen Wandel der Schule zu sprechen und herauszufinden: Was können andere Schulen von Rütli lernen? 

Denn vor allem in deutschen Großstädten wird der Graben zwischen Schulen in wohlhabenden Vierteln und in den Brennpunkten immer größer.

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Wer auf eine Brennpunktschule geht, hat im Schnitt sehr viel schlechtere Aussichten auf beruflichen Erfolg als Schüler auf einer Schule in einem wohlhabenden Viertel. So entsteht eine Chancenungleichheit, der die Politik bislang ratlos begegnet.

Der Anfang vom Ende als Brennpunktschule

Der Anfang vom Ende als Brennpunktschule begann für die Rütli-Schule am 27. Februar 2006. Damals war Rütli noch eine Hauptschule, deren Zustände die damalige Leiterin der Schule, Petra Eggebrecht, nicht länger aushielt.

► “Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht und Knallkörper gezündet”, schrieb sie damals in einem Brandbrief. Lehrer seien überfordert, frustriert und “am Ende ihrer Kräfte”.  

► Einige Lehrer gingen “nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können”.

► In dem Brief war auch die Rede von einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund. Dabei gebe es an der Schule keine Mitarbeiter aus anderen Kulturkreisen.

Rütli galt fortan deutschlandweit als Synonym für die Bildungskatastrophe.

Schlechter hätte das Image der Rütli nicht sein können

Wer den Namen der Schule hörte, dachte fortan an schlechte Noten, prügelnde Schüler und schreiende Lehrer. Der Ruf der Schule war ruiniert.

Kaum ein Lehrer wollte dort arbeiten. Heckmann erinnert sich an Telefonate mit Bewerbern auf freie Stellen, die sofort auflegten, als der Name Rütli fiel.

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Auch die Schüler blieben fern. Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder anmeldeten, ging dramatisch zurück.

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An den Tagen der offenen Tür bleiben die Besucher weg – Rütli, das kennt man ja schon aus dem Fernsehen. Heckmann erinnert sich noch an die vielen Kamerawagen, die den Schulhof belagerten.

Es wäre wohl das einfachste gewesen, die Schule umzubenennen. Etwa in Heinrich Heine. Diesen Namen trug die Oberschule nebenan, die sich nach dem Brandbrief mit der Rütli zu einer Gesamtschule zusammenschloss. 

“Wir haben gar nicht daran gedacht, die Schule umzubenennen”

“Aber das kam überhaupt nicht in Frage”, sagt Heckmann. Stattdessen gehen Schulleitung, Kollegium und Schüler den anstrengenden, aber wohl auch nachhaltigeren Weg.

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Nach dem Brandbrief ging es Schlag auf Schlag. Denn er enthielt auch eine politische Forderung – nämlich die Abschaffung der Hauptschule. Sogar Kanzlerin Angela Merkel schaltete sich in die Debatte ein. 

Wenig später beschäftigte sich der Bundestag in einer Aktuellen Stunde mit dem Rütli-Desaster. Es dauerte nicht lange, da war die Hauptschule in Berlin Geschichte.

“Große Kraftanstrengung”

Es folgte eine “ große Kraftanstrengung”, wie Heckmann sagt, “um Rütli zu dem zu machen, was sie heute ist.”

► 2007 bewirbt sich die Schule für das Modellprojekt Gemeinschaftsschule. Das Land Berlin stellt 32 Millionen Euro für den Ausbau zu Verfügung.

► 2009 wird die berüchtigte Hauptschule mit der benachbarten Grund- und Realschule zusammengelegt. Es werden Sozialarbeiter eingestellt, die Türkisch und Arabisch sprechen.

► Die bundesweite Aufmerksamkeit bringt viele Kooperationspartner der Schule an Bord.

Das Berliner Maxim Gorki Theater gibt Schauspielunterricht; die britische Botschaft bietet Sprachreisen nach London an; ein Orchester spendet Instrumente im Wert von 20.000 Euro, was im Schuluniversum viel Geld ist.

► Seit 2014 können Schüler auch das Abitur ablegen.

Die Rütli-Zukunft beginnt spätestens dann, wenn der Campus eröffnet wird.

Neuer Campus bis 2019

Eigentlich sollte es 2018 so weit sein – doch nicht nur Flughäfen reißen in Berlin die Baudeadlines. Heckmann schätzt, dass der Campus 2019 eröffnet.

Auf 48.000 Quadratmetern sollen dann nicht nur zwei Kindertagesstätten, eine Jugendfreizeiteinrichtung und die Gemeinschaftsschule stehen – es wird eine größere Mensa geben, viel Grünfläche, eine Volkshochschule und Räume für soziale Dienste. In einem Foyer finden schon jetzt Ausstellungen statt.

Schon am Schuleingang wird der Besucher in 13 Sprachen willkommen geheißen, an der Wand hängen zweisprachige Infos: Türkischunterricht für Kinder, Deutschkurse für Eltern.

Die Erfolge lassen sich messen – vieles ist aber auch beim Alten geblieben

Und erste Erfolge lassen sich bereits messen.

► Die Anmeldezahlen an der Schule sind inzwischen so hoch, dass die Rütli nicht mehr alle Bewerber aufnehmen kann. 

► Vor allem junge Lehrer wollen an der Schule arbeiten.

► Und die Zahl der Schüler, die abbrechen, ist dramatisch gesunken – auf zehn Prozent im Jahr 2017. Vor wenigen Jahren waren es noch 20 Prozent.

Die Herausforderungen sind dabei aber dieselben geblieben: 

► Weiterhin ist der Anteil von Schülern aus ärmeren Elternhäusern hoch, die Lehrmittel nicht bezahlen müssen (71 Prozent).

► 76 Prozent der Schüler sind laut Schulstatistik Migranten.

► Mehrheitlich besteht die Schulgemeinschaft damit immer noch aus Mädchen und Jungen, die leicht zu sogenannten Bildungsverlierern werden könnten. 

HuffPost / Klockner

Der Wandel bringt auch Neider mit sich. Neben dem Rütli-Campus gibt es weitere Schulen im Bezirk, die von dem Budget der ehemaligen Brennpunktschule nur träumen können.

“Geld alleine macht noch keine bessere Bildung”

Der Vorwurf von Kritikern: Mit 32 Millionen Euro, die bis 2017 in den Campus investiert wurden, sei ein solches Projekt überall und von jedem zu realisieren.

Dem stellt sich Heckmann entschieden entgegen. “Geld ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für bessere Bildung.”

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“Das funktioniert nur, wenn Schulleitung, Kollegium, Schüler, Eltern, Schulverwaltung und der Bezirk an einem Strang ziehen”, empfiehlt Heckmann anderen Brennpunktschulen.

“Ohne die vielen freiwilligen Helfer und Projekte hätten wir das nie geschafft.”

Und so steht Rütli heute vor allem nicht mehr für fliegende Papierkörbe, sondern für eine einfache Erkenntnis: Für den Misserfolg und Erfolg von Schülern ist eben nicht deren Herkunft und Leistungsschwäche verantwortlich.

Der Berliner “Tagesspiegel” brachte es so auf den Punkt: “Denn was sich auf dem Rütli-Campus in diesen zehn Jahren geändert hat, ist viel weniger die Schülerzusammensetzung als die Art und Weise, mit ihnen umzugehen.”

(ll)