POLITIK
26/01/2018 22:03 CET | Aktualisiert 26/01/2018 22:05 CET

Warum Deutschland eine Revolte der jungen Generation braucht

Es wird Zeit.

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Zeigt den Alten den Finger 
  • Junge Politiker wie Juso-Chef Kevin Kühnert werden in Deutschland belächelt
  • Doch die Alten haben es vergeigt – daher sind bald die Jungen dran

Es gab in Deutschland einmal ein Versprechen: Der nächsten Generation sollte es besser gehen als der vorherigen. Davon ist leider mittlerweile nicht mehr viel übrig geblieben.

Wer heute in Deutschland lebt und so um die 30 Jahre alt ist, der weiß, dass eines Tages die Rente nur noch dafür reichen wird, um Miete, Heizung und eine Packung Doppelherz zu bezahlen.

Das liegt auch daran, dass die Überschüsse in den Rentenkassen nicht angespart, sondern derzeit in Form von Wahlkampfgeschenken an die Generation 50 Plus verteilt werden.

Befristete Arbeitsverträge sorgen für gebrochene Erwerbsbiografien, die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank verhindert das Ansparen von Vermögen.

Besorgte Eltern werfen den Jüngeren vor, sie seien Anpasser, Smartphone-Junkies, Allgemeinbildungs-Legastheniker. Nur um einmal drei der gebräuchlichsten Vorurteile zu zitieren, die in Deutschland regelmäßig den Stammbaum herunter prasseln.

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Die Jungen werden nicht ernstgenommen

Und wenn die Jüngeren dann doch mal den Mund aufmachen? Dann geht es ihnen wie dem Juso-Politiker Kevin Kühnert:

► Der darf sich Witze über seinen Vornamen anhören, dem wird das Label “junger Mann” oder “junge Frau” auf die Stirn gestempelt. Erstaunlich, diese Jugend. Aber ernst nehmen muss man sie nicht.

Das erinnert sehr an die Art und Weise, wie in den 1960er-Jahren mit der nächsten Generation von jungen Erwachsenen umgegangen wurde.

In dem preisgekrönten Dokumentarfilm “Der deutsche Kleinstädter” von 1968 gibt es eine Szene, die in einem nordhessischen Rathaus spielt. Ein Theologiestudent hatte Flugblätter verteilt: Für einen menschlichen Sozialismus, gegen den Einmarsch der Sowjetunion in der CSSR.

Während einer Gesprächsrunde sitzt ihm ein stadtbekannter Arzt gegenüber. Dessen Rat an den engagierten Studenten: “Hätten sie in ihrem Leben einmal nur ein wenig Sport getrieben. Und hätten, statt sich auf Luftschlösser zu konzentrieren, etwas für ihren Körper getan. Sie wären ein gesunder, aktiver Mensch geworden.”

So platt drücken es die Altvorderen heute nicht mehr aus. Dafür ist der Zynismus gegenüber den Belangen der Jüngeren vielleicht sogar noch schlimmer geworden, als er damals war.

Die Babyboomer haben die Macht

Das liegt zum einen daran, dass Deutsche, die sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens befinden, heute eine überwältigende Mehrheit der Wähler stellen.

Fast noch wichtiger ist es, sich mal im Detail anzuschauen, wer da derzeit an den Hebeln der Macht sitzt.

► Es ist vor allem die Generation der Babyboomer, die Angehörigen der Geburtsjahrgänge 1954 bis 1969.

Sie stellen allein 13 der 16 Kabinettsmitglieder in der geschäftsführenden Bundesregierung, sitzen auf den Chefsesseln in der Wirtschaft und prägen Wissenschaft und Kultur in diesem Land.

Und sie machen keine Anstalten, diesen Einfluss zu teilen.

Das Verhängnis der Babyboomer

“Niemand von uns konnte das Gefühl entwickeln, irgendetwas auf dieser Welt exklusiv zu haben. Das war unser großes Glück”, schreibt der Journalist Stefan Willeke über seinen Geburtsjahrgang 1964 – als 1,4 Millionen Kinder zur Welt kamen.  

“Wer im Rudel aufwächst, quält sich nicht ständig mit dem Gedanken, ob dem Rudel die Zukunft gehört. Natürlich gehört ihm die Zukunft, wem denn sonst?”

Tatsächlich verdrängten die Babyboomer sehr schnell die geburtenschwächeren Jahrgänge der frühen Nachkriegszeit aus den Chefetagen. Und dort halten sie sich seit mehr als einem Jahrzehnt.

Willeke gibt den Jüngeren einen Rat mit auf dem Weg: Um das “Rudel” zu bekämpfen, müsse man “Rudelverhalten” lernen. Ein ziemlich archaisches Weltbild dringt da durch. Und genau das könnte den Babyboomern bald zum Verhängnis werden.

Die Minderheit kann zur Avantgarde werden 

Warum etwa werden die Alpha-Männchen dieser Generation von der #metoo-Debatte verunsichert? Die Antwort gibt Willekes Text im Prinzip selbst:

► Weil das Rudelverhalten früher sehr viele Menschen dazu gebracht hat, brutale männliche Sexualfantansien nicht zu hinterfragen. Die verharmlosende Mehrheit wird es schon besser wissen.

Warum werden nun Politiker wie Kevin Kühnert mit herablassenden Worten belegt?

► Weil er nicht Teil des Rudels ist, sondern einer verschwindend kleinen Minderheit von Menschen angehört, die unter 30 Jahre alt und Mitglied einer Partei sind.

Wofür die Babyboomer allerdings blind sind: Dass auch die Minderheit eines Tages zur Avantgarde werden kann. Dann nämlich, wenn offensichtlich wird, dass es die Altvorderen vergeigt haben.

Jene Generation, die wie keine andere in Deutschland die Zukunft verfrühstückt hat, ist nun nicht einmal mehr in der Lage, den einsetzenden Wertewandel in der Gesellschaft zu erspüren.

Gegen diese Alten lohnt sich das Revoltieren wieder.

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