POLITIK
24/01/2018 17:30 CET

An alle Menschen, die glauben, dass ich mir Rassismus nur einbilde

"Ich bin ja kein Nazi, aber" - doch, das bist du.

Nada Assasd
“Da, wo Du herkommst“ ist ein Satz, den ich viel zu oft gehört habe. 

Immer wieder stoße ich im Internet auf Kommentare, die Rassismus verharmlosen. Meistens sind sie unter Artikeln zu finden, die sich mit der deutschen Einwanderungspolitik befassen.

Denn viele Menschen nutzen die Kommentarspalten, um ihrem Ärger mal so richtig Luft zu machen. Nicht selten sind diese Posts rassistisch und mit Daten und Fakten garniert, die zweifelhafter Natur sind.

Um sich vor “Gutmenschen” zu schützen, die ihr rechtes Gedankengut entlarven, weisen viele dieser User darauf hin, dass sie mit ihren Posts lediglich die Missstände in der Gesellschaft aufzeigen wollen. Paradoxerweise wollen selbige Gerechtigkeits-Jünger nichts von anderen Missständen – wie Rassismus – wissen.

Ein beliebter Kommentar unter meinen Artikeln ist, dass ich lüge, wenn ich über rassistische Vorfälle schreibe. Einmal schrieb jemand sogar, dass ich mir Rassismus bloß einbilde.

Nun ist das so eine Sache mit der Einbildung. Ich kann mir einbilden, dass der liebe Gott mich größer gemacht hat, als ich tatsächlich bin. Ich kann mir auch einbilden, dass der 1. FC Köln wieder Meister wird; aber was ich mir getrost nicht einbilden kann, ist allgegenwärtiger Rassismus.

Rassismus existiert in vielen Formen

Rassismus tritt, anders als seine Ideologie, in vielen Formen und Farben auf.

Man kann zwischen der Art und Weise wie Rassismus kommuniziert wird differenzieren, aber am Ende bleibt es trotzdem Rassismus. Zugegebenermaßen existieren Grauzonen, die vom subjektiven Empfinden des “Empfängers“ abhängen.

Beispielsweise wird die oft diskutierte Frage nach der Herkunft von einigen Menschen mit Migrationshintergrund als ausgrenzend aufgenommen, während andere sie als positives Interesse an der eigenen Person werten.

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Das lässt sich damit erklären, dass die ausländische Identität meistens im Vordergrund bleibt, sobald diese bekannt wird. Einige Freunde von mir vermeiden aus genau dem Grund, das Herkunftsland ihrer Eltern zu nennen. Sie möchten nicht, dass ihre deutsche Identität dadurch beeinflusst wird.

Denn unterbewusst verknüpfen viele Menschen Migrantinnen und Migranten immer noch mit dem Herkunftsland der Eltern. Man kann darüber diskutieren, ob das bereits ein aktiver Akt der Ausgrenzung oder einfach nur fehlende Weitsicht ist.

“Da, wo er herkommt, sind das ja alle gewohnt”

Was definitiv zu rassistischem Handeln gehört ist, normale Handlungen mit nationalen Attributen zu belegen. Ein afrikanischer Freund erzählte mir mal, dass er im Sommer barfuß durch einen Park lief.

Soweit so normal, wären da nicht die Menschen, die ihn für seine Qualitäten lobten, auch über heiße Steinplatten zu laufen, die nicht mit Gras bewachsen waren. Sie sagten, dass könnten Menschen wie er ja mühelos ertragen, schließlich wären es alle “da, wo er herkommt“ so gewohnt.

“Da, wo Du herkommst“ ist übrigens ein Satz, den ich viel zu oft gehört habe. Als ich einmal auf offener Straße in meinem Heimatkaff mit Steinen beworfen wurde, ertönte dieser Satz.

Ein anderes Mal fiel er, als ich in einer Kneipe in meinem Dorf von betrunkenen Nazis zunächst beleidigt und dann angebaggert wurde. In solchen Situationen fühle ich mich sehr hilflos.

Ich finde es surreal, dass sich Menschen von meiner Anwesenheit so verärgert fühlen, obwohl ich das gleiche Leben lebe wie sie. Und noch surrealer finde ich, dass mir Menschen nach solchen Anekdoten einreden wollen, dass ich mir Rassismus einbilde.

Rassismus ist nach wie vor ein Thema in Deutschland

Oft versuchen die gleichen Menschen rassistische Vorfälle herunterzuspielen, indem sie von vermeintlich ähnlichen Erfahrungen erzählen.

Sie sagen dann, dass sie auch ab und zu “blöd angemacht“ werden. Der Unterschied zwischen einer rassistisch motivierten Beleidigung und “blöd angemacht werden“ ist jedoch groß.

Rassistische Beleidigungen zielen immer auf eine ganze Gruppe von Menschen ab.

Das sieht man besonders gut, wenn wieder ein Fall publik wird, den ein krimineller Ausländer verübt hat.

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Die rassistische Kommentarflut in den sozialen Medien, die oft auf solche Ereignisse folgt, ist dann kaum zu bändigen. Nicht selten wird so aus einem Einzeltäter eine ganze Völkergruppe, die unter Generalverdacht gestellt wird, kriminell oder nicht anpassungsfähig zu sein.

Das verstehe ich oft nicht, denn ich kann beispielsweise nichts für arabischstämmige Menschen, die sich auf irgendeine Art und Weise daneben benehmen.

Fakt ist, dass Rassismus wieder ein Thema in Deutschland ist und definitiv kein Produkt meiner Einbildung ist. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die offen über ihre rassistischen Erfahrungen reden, damit immer wieder in Erinnerung gerufen wird, dass Rassismus omnipräsent ist.

Und den gilt es, um jeden Preis zu bekämpfen.

(jz)