POLITIK
04/01/2018 17:56 CET | Aktualisiert 05/01/2018 12:54 CET

Prostituierte geht 30 Minuten nach der Geburt wieder auf den Strich

Fälle wie dieser sind leider kein Einzelfall.

Fabrizio Bensch / Reuters
Eine Prostituierte auf der Suche nach einem Freier in Berlin Mitte. 

Eine Prostituierte aus der englischen Stadt Hull City soll kurz nach der Entbindung ihres Kindes schon wieder ihrer Arbeit auf einem Straßenstrich nachgegangen sein. Das berichtet unter anderem die Lokalzeitung “Hull Daily Mail”.

Was zunächst unfassbar klingt, bestätigte die Hilfs-Polizistin Jacqui Fairbanks gegenüber der “Hull Daily Mail”. Für eine Reportage begleiteten Reporter der britischen Zeitung die erfahrene Beamtin bei einer Fahrt durch die Stadt.

Dabei fuhren sie auch die berüchtigte Hessle Road an - ein Teil des stadtbekannten Rotlichtbezirks. Dort bieten dutzende Frauen auf der Straße ihre sexuellen Dienste gegen Bezahlung an. Circa 40 Frauen würden sich zu unterschiedlichen Tageszeiten auf der Hessle Road “abwechseln” und ihren Körper für Geld verkaufen.

“Diese Frauen sind verzweifelt”

Viele von ihnen befinden sich in einer furchtbaren körperlichen wie auch psychischen Verfassung. Ein besonders extremes Beispiel nennt Fairbanks im Gespräch mit der “Hull Daily Mail”:

“Eine Frau bekam ein Kind und nur 30 Minuten nach der Geburt befand sie sich schon wieder auf der Straße. So verzweifelt sind einige Frauen.”

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Die Gründe dafür sind vielfältig. Doch besonders häufig geht es darum, die eigene Drogensucht oder die des Lebensgefährten zu finanzieren. Das mache sie besonders beeinflussbar und abhängig von ihren Zuhältern. Viele der Frauen seien außerdem obdachlos und bieten ihren Körper auch für einen warmen Platz zum Schlafen an.

Obwohl es oft aussichtslos aussieht, will Jacqui Fairbanks den Kampf gegen die Prostitution nicht aufgeben. Seit über zehn Jahren spricht sie mit den Frauen auf der Hessle Road und versucht ihnen Alternativen zum Straßenstrich aufzuzeigen.

90 Prozent der Prostituierten sind von Armut bedroht

Denn nicht nur Frauen, die aus prekären Familienverhältnissen kommen, versuchen durch Prostitution an Geld zu kommen. Auch alleinerziehende Mütter, die trotz Vollzeitjob ihre Miete nicht bezahlen können, greifen auf diese Einnahmequelle zurück. In diesen Fällen spricht man von Armutsprostitution.

Nach Angaben der deutschen Hilfsorganisation Sisters e.V. fallen darunter rund 90 Prozent aller Prostituierten in Deutschland.

“Für viele ist die Prostitution die einzige Einkommensquelle. Ich versuche ihnen zu sagen, dass sie besser sind, erklärt auch die Hilfs-Polizistin Jaqui Fairbanks. “Aber alles, was wir tun können, ist ihnen Unterstützung durch die verschiedenen Hilfsorganisationen anzubieten.”

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Das größte Problem sei jedoch, dass die meisten Frauen nie von alleine Streetworker oder Sozialarbeiter ansprechen würden. Ihr Selbstwertgefühl sei so gering, dass sie die Aufmerksamkeit genießen würden, welche sie auf dem Strich von den Freien erhalten - und genau das sei Fairbanks zufolge “wirklich traurig”.

Einem Bericht des britischen Parlaments von 2017 zufolge gibt es im Vereinigten Königreich rund 72.000 Prostituierte. In Deutschland sind es laut einer Recherche der “Welt” circa 200.000. Die Dunkelziffer dürfte jedoch höher sein.

(tb)

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