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Wie eine Beziehung mit mehreren Partnern mich von meiner Eifersucht befreite

Du musst dich nie auf eine einzelne Person festlegen. Du hast immer die Freiheit, dich neu zu verlieben.

24/01/2018 17:20 CET | Aktualisiert 31/01/2018 15:07 CET
SrdjanPav via Getty Images
Vielen Menschen sehen Polyamorie als “fremdgehen ohne Reue“. Aber Polyamorie ist nicht nur eine sexuelle Spielwiese. 

Es war ein ganz normaler Abend. Ich besuchte meine damalige Freundin. Als ich ihre Wohnung betrat, war da schon ein anderer Mann – ihr zweiter fester Freund. Wir begrüßten uns herzlich.

Als ich sehnsüchtig auf die Pizzen der beiden schaute, schob er auch für mich eine in den Ofen. Wir verbrachten einen lustigen und geselligen Abend zu dritt.

Viele Männer hätten in so einer Situation eher den anderen Mann verprügelt oder zumindest ein riesiges Beziehungsdrama vom Zaun gebrochen.

Doch für mich gab es dafür keinen Grund. Denn ich lebe polyamor.

Das heißt, dass ich mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann und dasselbe auch meiner Partnerin zugestehe. Seine und meine Beziehung zu meiner damaligen Freundin überlappten sich mehrere Monate lang. Das war absolut in Ordnung für mich.

Monogamie funktioniert für viele Menschen nicht

Auf die Weise habe ich einen neuen Kumpel dazugewonnen. Ich bin mittlerweile nicht mehr mit ihr zusammen, bin aber mit beiden bis heute gut befreundet.

Seit ich 18,5 Jahre alt bin, lebe ich nicht mehr monogam. Ich glaube nicht an die konservative, dogmatisch festgelegte Zweierbeziehung. Liebe muss frei sein – und Monogamie funktioniert für viele Menschen nicht, finde ich.

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Bevor ich mich zu dieser Beziehungsform entschloss, hatte ich eine längere monogame Beziehung. Das war sehr stressig und oft von Streit und beidseitigen Eifersuchtsdramen geprägt.

Nach der Trennung war ich erstmal Single. Nach dem Prinzip “Trial and Error” hatte ich dann einige Affären und schließlich entwickelte sich eine offene Beziehung. Ich stellte fest: Das ist es, was mich am glücklichsten macht.

Was ist Polyamorie?

Vielen Menschen sehen die Polyamorie  als “fremdgehen ohne Reue“.

Das höre ich oft. Aber Polyamorie ist nicht nur eine sexuelle Spielwiese. Menschen in polyamoren Beziehungen haben echte und tiefe Gefühle für ihre Partner. Ich behaupte sogar, leichter, ehrlicher und somit auch vertrauensvoller zu lieben als in einer monogamen Beziehung.

Du musst dich nie auf eine einzelne Person festlegen. Du hast immer die Freiheit, dich neu zu verlieben. Ohne dass du als Konsequenz deinen aktuellen Partner verlassen musst. Dadurch gewinnt die Beziehung sogar an Stabilität und Loyalität. Dabei gibt es keine Geheimnisse. Alle Beteiligten wissen Bescheid.

Wie viele Menschen diese Art von Beziehung leben, ist schwer einzuschätzen. In Deutschland sind es laut der Webseite “polyamorie.de” über 10.000.

Was ist mit Eifersucht?

Viele Freunde und Bekannte fragen mich: Bist du nicht eifersüchtig?

Zu meinen monogamen Zeiten war ich extrem eifersüchtig. Durch meine polyamoren Erfahrungen habe ich aber viel dazu gelernt.

Ich habe meine Eifersucht stark reduziert. Ich bin aber nicht komplett immun dagegen. Wenn, dann tritt Eifersucht bei mir in Verbindung mit Verlustängsten auf. Und ja, viele sagen jetzt, in einer offenen Beziehung müssten solche Verlustängste doch noch größer sein.

Nach dem Motto: Was ist, wenn sich dein Partner in jemand anderen verliebt?

Das kann grundsätzlich in jeder Beziehungsform passieren. Nur: In polyamoren Beziehungen bedeutet das meistens nicht das Ende der bestehenden Beziehung.

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Die beste Weise, mit der Eifersucht umzugehen, ist: bewusste Konfrontation. Das ist für mich wie bei Menschen, die Angst vor Spinnen haben – denen geben Therapeuten auch eine Tarantel in die Hand. Meist ist die Angst davor viel schlimmer als die Sache selbst.

Wenn du es wirklich erlebst, dass dein Partner immer noch bei dir ist, auch wenn er eine andere Person küsst oder sich gar verliebt, dann sinkt die Angst und damit auch die Eifersucht.

Trotzdem gibt es auch Grenzen: Die Zeit. Denn ich habe als polyamorer Mensch auch nur 24 Stunden am Tag. Da kann es durchaus einmal dazu kommen, dass einer der Partner sich vernachlässigt fühlt.

Man muss sich irgendwie zwischen den Partnern “organisieren” und man kann auch nicht zu unendlich vielen Personen innige Beziehungen haben.

Die Freiheit, Gefühle zu genießen

Meine längste offene Beziehung hielt drei Jahre und acht Monate. Meine damalige Freundin wusste vorher noch nichts von dieser Beziehungsform, war aber sofort einverstanden.

Eine andere Ex-Freundin von mir konnte sich ursprünglich kein polyamores Leben vorstellen. Sie hat es dann aber doch ausprobiert und ist auch nach der Trennung polyamor geblieben.

Momentan habe ich nur eine feste Partnerin. Sonst läuft grad nichts. Viele Menschen denken, polyamore Menschen hätten zu jedem Zeitpunkt unbedingt etwas mit mehreren Menschen am Laufen.

Aber das stimmt nicht. Man hat einfach die Freiheit, Leidenschaft und Gefühle zu genießen, wenn es sich ergibt. Das ist vor allem Einstellungssache.

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Der Alltag ist ganz normal: Ich wache morgens auf, putze Zähne, frühstücke. Wie jeder andere auch. Der einzige Unterschied ist, dass ich mich gegebenenfalls mit mehr als einer Partnerin treffe.

Klar haben uns die Leute schon angestarrt, wenn ich in der Öffentlichkeit einmal mit zwei Partnerinnen unterwegs war und wir zu dritt Händchen gehalten haben. Aber ich bin ja dieselbe Person, ob ich nun gerade eine, keine oder mehrere Partnerinnen habe.

Zusammengezogen bin ich noch nie mit mehr als einer Partnerin. Es gibt durchaus “Poly-WGs”, in denen Dreier - oder Viererbeziehungen zusammenleben. Das ist aber bisher nicht mein Ding, ich bin da allgemein vorsichtig. Falls es doch schiefgeht, will ich zusätzlich zum Trennungsschmerz nicht auch noch eine Wohnungssuche am Hals haben.

Polyamore Familien: Mutter, Vater, Vater, Kind

Ob man mit mehreren großen Lieben eine Zukunft haben kann? Ob beispielsweise Kinder in dieses Konzept passen? Es ist durchaus möglich. Ich kenne selbst polyamore Eltern, die ihre Kinder ganz normal aufziehen.

Für die Kinder ist das in meinen Augen ein Plus. Sie können dann zusätzliche Bezugspersonen haben, quasi weitere Tanten und Onkel.

Ich möchte selbst keine Kinder bekommen. Das hat jedoch nichts mit meiner polyamoren Lebenseinstellung zu tun.

Ich kann mir ein Leben in Monogamie nicht mehr vorstellen. Eine Beziehungsform, die mich zum Lügen zwingt, nur damit der Partner nicht verletzt ist, ist schwachsinnig.

In manchen Situationen denke ich mir, wenn ich jetzt monogam wäre, müsste ich meine Partnerin anlügen. Sei es, weil ich mit jemand anderem schlafe, oder mich verliebt habe. Diesen inneren Konflikt habe ich jetzt nicht mehr. Dasselbe gilt natürlich auch für meine Partnerin. 

Mein Liebeskummer ist genauso schlimm

Egal, in welcher Art von Beziehung du lebst: Ängste und Unsicherheiten können immer auftreten. Plötzlich meldet sich ein Partner nicht mehr und du fragst dich: Stimmt etwas in der Beziehung nicht?

Es ist wichtig, offen und ehrlich zu kommunizieren. Ohne sich sofort gegenseitig Vorwürfe zu machen. Das gilt sowohl für monogame als auch für polyamore Beziehungen.

Und egal, für wie viele Personen du diese Gefühle verspürst, es schmerzt, wenn dich ein Partner verlässt. Der einzige Vorteil in polyamoren Beziehungen kann sein, dass dich gegebenenfalls ein anderer Partner auffangen kann.

Ich glaube nicht an die eine große Liebe. Ich denke, es gibt mehrere große Lieben – und man kann sie auch gleichzeitig erleben.

Der Beitrag wurde von Meltem Yurt aufgezeichnet. 

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(jz)