POLITIK
30/01/2018 11:41 CET | Aktualisiert 31/01/2018 13:12 CET

Politologe sicher: Das war der wahre Grund für Merkels Grenzöffnung 2015

"Es war kein völlig kitschiger Mutter-Teresa-Moment."

  • Der Politologe Philip Manow interpretiert den Schicksalsmoment der Merkel-Kanzlerschaft neu

  • Er glaubt: Die Grenzöffnung 2015 war eine Folgeerscheinung von Merkels Griechenland-Politik

  • Im Video oben: Kubicki: “Merkel hat entweder keine Ahnung, oder uns für dumm verkauft”

Am 4. September 2015 stand Bundeskanzlerin Angela Merkel wohl vor einer der schwersten Entscheidungen ihrer Karriere. Tausende Flüchtlinge hatten sich am Budapester Bahnhof gesammelt. Für sie ging es hier nicht weiter. Nicht vor. Nicht zurück.

Immer mehr Menschen hatten den gefährlichen Weg auf die griechischen Inseln gewagt, immer mehr von ihnen stauten sich nun auf der Balkanroute. Ungarn machte dicht. 

Beklemmende Bilder liefen über die Nachrichtenticker. Tausende Erschöpfte, von der Polizei schikaniert, saßen am Bahnhof fest. Und die Kanzlerin handelte: Sie erlaubte die Einreise der Flüchtlinge nach Deutschland. Es war der Anfang einer vermeintlichen deutschen Willkommenskultur.

Rechte sagen heute, es war ein Kontrollverlust. Bundeskanzlerin Merkel sagt, es war Deutschlands humanitäre Pflicht. Und der Politologe Philip Manow glaubt: Es war ein ökonomisch-strategischer Schritt. 

► Seine These: Der wahre Grund für Merkels Grenzöffnung liegt in Griechenland.

Manow: Griechenland wäre ins Chaos gestürzt

Das schreibt Manow in einem Gastbeitrag in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.

Die Öffnung der Grenze sei demnach eine “nahezu zwangsläufige (...) Absicherung” des von Merkel mit einem “erheblichen Einsatz an politischem und echtem Kapital bis Juli 2015 durch alle Fährnisse hindurchgesteuerten Griechenland-Deals” gewesen, erklärt der Politologe umständlich.

Barcroft Media via Getty Images
Tausende Flüchtlinge kamen im September 2015 in Süddeutschland an.

► Was Manow meint: Hätte Merkel die Weiterreise der Flüchtlinge nicht ermöglicht, wäre Griechenland an der steigenden Zahl gestrandeter Asylbewerber zerbrochen. Merkels Griechenlandrettung wäre damit trotz Milliardeninvestitionen gescheitert.

Das wirtschaftlich schwer gebeutelte Land wäre allein gelassen worden – durch einen potenziellen “Dominoeffekt der Grenzschließungen”. Von Ungarn, über Serbien, Kosovo und Bulgarien bis Mazedonien.

Mehr zum Thema: Österreichische Journalisten behaupten, Merkel habe die Öffentlichkeit während der Flüchtlingskrise 2015 getäuscht

“Bei dem Chaos, in das das Land dann gestürzt wäre, hätte man an die Auflagen der Troika oder auch nur an die pünktliche Bedienung von Krediten nicht einmal mehr denken müssen”, führt der Professor aus.

Kein “Mutter-Teresa-Moment”

Laut Manow war die Entscheidung der Kanzlerin also keine Affekthandlung – und weit weniger emotional, als sie viele Beobachter bislang interpretieren.

Stattdessen habe die CDU-Chefin versucht zu verhindern, “dass die Euro-Krise der Peripherie zeitverschoben als Flüchtlingskrise des Zentrums wiederauftauchte”.

Fabrizio Bensch / Reuters
Merkel mit einem Flüchtling im Jahr 2015.

Linke und Rechte würden die Grenzöffnung somit falsch verstehen. Die einen hätten eine “völlig kitschige Vorstellung(...) von Merkels Mutter-Teresa-Moment”, die anderen würden “abstruse Remplacement-Theorien” formulieren.

► So überraschend Manows Ansatz aus heutiger Perspektive scheint, ganz sind seine Argumente nicht von der Hand zu weisen.

Selbst in ihrer eigenen Partei formierte sich im Sommer 2015 massiver Widerstand gegen die Griechenland-Politik der Kanzlerin. Merkel schien kurzzeitig gar kurz vor dem Aus.

► Ein Totalzusammenbruch der Südosteuropäer hätte für die CDU-Chefin fatale Konsequenzen haben können.

(ben)