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Warum ich Obdachlosen Alkohol gebe

“Man kann sich doch nur betäuben, um das einigermaßen erträglich zu machen”

14/12/2017 15:17 CET | Aktualisiert 14/12/2017 15:17 CET

Vor ein paar Wochen stand ich an der U-Bahn-Station Landungsbrücken in Hamburg und beobachtete einen Obdachlosen. Er wankte über die Fußgängerbrücke. Ehrlich gesagt konnte er kaum laufen. Jeder Schritt schien seine gesamte Kraft und Konzentration in Anspruch zu nehmen. Aber er schaffte es über die Brücke bis zum Eingang der Station.

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Er nahm ein paar leere Kisten ins Visier und steuerte darauf zu. Nach mehreren Versuchen schaffte er es schließlich, sich hinzusetzen. Mühsam zog er seinen zerschlissenen Mantel aus und legte ihn für seinen Hund auf den Boden. Dann nahm er einen leeren Plastikbecher in die Hand und fing an, zu betteln.

“Is nur für ne Fahrkarte”, nuschelte er den Passanten entgegen, die ihn zu ignorieren versuchten, während sie über die Brücke liefen und ihre Krägen gegen den kalten Dezemberwind hochstellten. Keiner schenkte diesem Mann auch nur einen Blick. Es war, als hätte er eine Krankheit, die durch Augenkontakt übertragen wird.

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Es machte mich sehr traurig. Ich sah den Mann zittern. Ich sah seine schmutzigen Hände, den Speichel, der sich in seinem Bart verfangen hatte und jetzt drohte, einzufrieren. Ich sah seine rote Haut und seine schmutzige Kleidung. Ich sah auch, wie liebevoll er mit seinem Hund umging - dem einzigen Lebewesen, das ihn nicht zu verachten schien.

Ich ging vorsichtig auf den Mann zu. “Ich brauch nur ne Fahrkarte”, sagte er abwesend. Ich kramte ein wenig Geld hervor und ließ es in seinen Becher fallen. Er sah mich an, ohne etwas zu sagen. Dann rappelte er sich auf, nahm das Geld aus dem Becher und taumelte auf den Zeitungskiosk zu. Wenig später kam er mit einer Flasche Bier zurück.

“Die meisten Menschen haben einfach keine Ahnung”

Ich hatte mir schon gedacht, dass er sich von dem Geld kein Essen oder einen heißen Kaffee kaufen würde. Es ist das, was die Menschen von Obdachlosen erwarten. Sie geben ihnen ein wenig Kleingeld, wollen aber nicht, dass sie frei darüber verfügen. Der Obdachlose soll gefälligst die vernünftige Entscheidung treffen und sich nicht schon wieder betrinken. Aber die meisten Menschen haben einfach keine Ahnung.

Sie wissen nicht, unter welchen Umständen Obdachlose leben. Sie wissen nicht, was sie jeden Tag ertragen müssen, mit welchen Ängsten sie zu kämpfen haben. Und sie wissen nicht, wie schwer es in Deutschland wirklich ist, der Obdachlosigkeit zu entfliehen.

Mir war klar, dass dieser schmutzige, zitternde, betrunkene Mann mein Geld nehmen und sich davon Alkohol kaufen würde. Und es hat mir nichts ausgemacht. Im Gegenteil - ich konnte es sogar verstehen.

“Man kann sich doch nur betäuben, um das einigermaßen erträglich zu machen”

Nur zwei Tage bevor ich diesem Mann begegnete, hatte ich mit der Autorin und ehemaligen Obdachlosen Sabrina Tophofen über das Leben auf der Straße gesprochen. Sie hat den Großteil ihrer Kindheit und Jugend auf der Kölner Domplatte verbracht, nachdem sie zuerst von ihren gewalttätigen Eltern und schließlich aus einen Kinderheim geflohen war.

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Auch sie nahm in dieser Zeit Drogen. Anders hätte sie das Leben auf der Straße nicht aushalten können, sagte sie mir. “Man kann sich doch nur betäuben, um das einigermaßen erträglich zu machen.”

Sie erzählte mir von der Verachtung, von den angeekelten Blicken, die man ihr damals zugeworfen hatte. Sie beschrieb die Angst vor der Zukunft, oder auch nur vor der nächsten Nacht. Die Angst vor dem Winter. Die Angst, dass all das vielleicht nie vorbeigehen würde.

“Ich glaube, wenn die Obdachlosen das Leben auf der Straße bewusst und ohne Betäubung erleben müssten, wäre die Selbstmordrate noch viel höher”, sagte sie mit belegter Stimme.

“Ich finde, wir sollten unsere Wohltätigkeit nicht an Bedingungen knüpfen”

Ich denke, sie hat recht. Und ich finde, wir sollten unsere Wohltätigkeit nicht an Bedingungen knüpfen. Jeder Mensch, der auf der Straße lebt, hat einen Grund dafür. Es sind Menschen, die irgendwann in ihrem Leben einmal gestolpert sind und die nicht das Glück hatten, von ihrer Familie, Freunden oder dem Staat aufgefangen zu werden.

Ich weiß, viele von euch glauben, dass Obdachlose nicht trinken sollten, weil sie es sonst nie schaffen, von der Straße wegzukommen. Vielleicht stimmt das sogar. Aber mit dem Alkohol ist es wie mit jeder anderen Sucht. Nur wer eine Perspektive hat, kommt davon los. Nur wer glaubt, dass es eines Tages besser wird, kann damit aufhören. Woher sonst soll die Motivation kommen?

“Eine Wahl zu haben ist ein Luxus. Das ist den wenigsten Menschen bewusst”

Viele Obdachlose haben längst den Glauben daran verloren, dass irgendjemand ihnen hilft - oder sie auch nur bemerkt.

Wenn ihr das nächste Mal einem Menschen begegnet, der kein zu Hause hat, haltet inne und macht euch Folgendes klar:

Das wenige Geld, das sie von uns Vorbeieilenden bekommen, können sie nutzen, um wenigstens ansatzweise so etwas wie Freiheit zu fühlen. Die Freiheit zum Beispiel, selbst entscheiden zu können, was sie essen möchten - und nicht das essen zu müssen, was die Suppenküchen ausschenken. Oder die Freiheit, sich zu betrinken, die jedem Menschen in unserem Land zusteht.

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Es mag euch vielleicht lächerlich vorkommen, aber eine solche Freiheit bedeutet Menschenwürde. Eine Wahl zu haben, ist ein Luxus. Das ist den wenigsten Menschen bewusst.

Bitte, macht es euch bewusst. Und dann gebt von Herzen - oder lasst es sein.