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Hört endlich auf, mich "Mama" zu nennen

Es geht mir auf die Nerven, in einem Umfeld, das nichts mit Kindern zu tun hat, als “Mama” bezeichnet zu werden.

13/02/2018 13:17 CET | Aktualisiert 15/02/2018 13:43 CET
HILARY ACHAUER
Im Fitnessstudio mit meinen Kindern und zwei Freundinnen, die mich nicht "sportliche Mama" nennen.

Es gibt zwei Menschen auf dieser Welt, die mich “Mama” nennen dürfen: mein neunjähriger Sohn und meine zwölfjährige Tochter. (Und selbst die beiden nennen mich immer noch “Mami”, was ich sehr schätze – und bedauern werde, wenn sie es nicht mehr machen werden.)

Aber das hält andere Menschen, die nicht meine Kinder sind, nicht davon ab, mich “Mama” zu nennen.

“Hey, sportliche Mama!”, habe ich gehört, als ich letzthin ins Fitnessstudio ging.

“Wohooo, Mama geht aus!”, sagte der Ehemann einer Freundin, als meine Freundinnen und ich das Haus verließen, um gemeinsam abendessen zu gehen.

Es nervt mich, wenn mein Umfeld mich “Mama” nennt

Solche Momente erinnern mich an den letzen Satz von einem Sketch der Late-Night-Show “Saturday Night Live”. “Mom Jeans”: “Ich bin keine Frau mehr … Ich bin eine Mama.”

Es geht mir auf die Nerven, in einem Umfeld, das nichts mit Kindern zu tun hat, als “Mama” bezeichnet zu werden.

Meine Freundinnen und ich sind eine Gruppe von erfolgreichen, talentierten und vielschichtigen Frauen. Und wenn ich im Fitness Studio bin, bin ich eine hart arbeitende Cross-Fit-Athletin, die Menschen übertrifft, die nur halb so alt sind wie ich.

Trotzdem werde ich in diesem Moment durch die Beziehung zu meinen Kindern definiert. Nicht, dass ich mein Muttersein nicht genießen würde – ich möchte nur nicht das passende T-Shirt dazu tragen.

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Ich konzentrierte mich komplett auf meine Rolle als Mutter

Als meine Tochter 2005 geboren wurde, habe ich mich nur auf sie konzentriert.

Der Gedanke, dass ich meine Tochter in einer Kindertagesbetreuung abgebe und sie dort von 8 bis 17 Uhr bleibt, hat mich bedrückt.

Also habe ich meinen Vollzeitjob aufgegeben und einen Halbtagsjob als Redakteurin für eine gemeinnützige Organisation gefunden.

In der Zeit, in der ich nicht arbeitete, habe ich mich entweder um meine Tochter gekümmert oder darüber nachgedacht, mich um sie zu kümmern. Meine ganze Leidenschaft und Energie floss in meine Rolle als Mutter.

In diesem Prozess verlor ich mich selbst

Bevor ich Kinder hatte, war ich Amateur-Boxerin. Ich lernte surfen und lebte mit meinem Mann acht Tage in einer Hütte an einem Strand in Mexiko – wir surften stundenlang im Wasser, jeden Morgen und jeden Abend. Ich war nicht furchtlos – viele der Dinge machten mir Angst – aber ich war abenteuerlustig.

Dann, sobald ich das Baby bekam, wurden mir die Konsequenzen plötzlich bewusst. Ich bin verantwortlich für einen kleinen Menschen – ich dachte auf einmal an die ganzen schlimmen Dingen, die passieren könnten.

Sicherheit und Gewissheit wurden zu meinen Prioritäten. Ich habe es lieben gelernt, die Bedürfnisse einer anderen Person über meine zu stellen und ich habe in diesen dunklen Nächten und ruhigen Morgenstunden viel dazugelernt.

Es war gesund, dass ich meinen Fokus auf jemand anderen legen konnte – aber in diesem Prozess habe ich mich selbst verloren.

Ich erinnerte mich an mein Leben, bevor ich Mutter wurde

Das hielt etwa zwei Jahre an. Um den zweiten Geburtstag meiner Tochter herum fing ich an, aus dem Baby-Nebel zu treten. Ich interessierte mich wieder für Musik, die keine Kindermusik war. Ich begann mehr Sport zu machen und meine Freunde zurückzurufen.

Ich fing an, mich zu erinnern, wer ich war, bevor ich Mutter wurde.

Dann wurde ich wieder schwanger. Der Baby-Nebel nahm wieder zu. Ich war vertieft in meine Schwangerschaft, beschäftigt mit meiner Tochter und voller Sorge – wie sollte ich es schaffen, mich um zwei kleine Kinder zu kümmern.

Alles schien so weit entfernt

2007 waren die Nachrichten voll von der Krise im Hypotheken-Markt. Ich wusste nur wage, dass die Wirtschaft einbrechen würde, dass die Zeichen dafür immer lauter wurden – aber die Stimmen aus dem Radio wurden übertönt von meiner Erschöpfung wegen Schwangerschaft und dem Kleinkind vor mir.

Mein Sohn wurde im Juni 2008 geboren, aber die Nachrichten wurde immer schlimmer. Es war erschreckend, als die Investmentbank Lehman Brothers insolvent ging, aber es war immer noch so weit entfernt von mir.

Doch dann standen die Nachrichten plötzlich vor unserer Tür.

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Der Luxus war vorbei

Mein Ehemann verlor im Januar 2009 seinen Job und die gemeinnützige Organisation kündigte mir einen Monat später. Wir litten unter Belastungen durch Hypotheken, hatten ein Säugling, eine Dreijährige und kein Einkommen.

Während ich von Schlafeinheiten und Windelwechseln besessen war, brach die amerikanische Wirtschaft zusammen. 

Ich hatte nicht mehr den Luxus, mich nur noch ausschließlich um meine Kinder zu kümmern. Ich musste Arbeit finden – und um das zu schaffen, musste ich wieder zu meiner Bestimmung und meinem Antrieb zurück finden. So wie es war, bevor ich Kinder hatte.

Ich begann als freie Redakteurin und Autorin Kunden zu suchen. Mein Mann fand innerhalb dreier Monate einen Job und ich arbeitete von zu Hause – ich versuchte, wieder mein vorheriges Gehalt zu erreichen.

Ich wollte schon immer freie Autorin sein

Ich machte mir immer noch Sorgen, was meine Kinder essen und ob sie sich gut entwickeln und ob das eine weitere eine Mittelohrentzündung ist – zusätzlich war ich auch noch mit Arbeiten beschäftigt.

Unsere vorübergehende Doppel-Anstellung machte mir zuerst Angst, dann gab sie mir Energie. Ich wollte schon immer eine freie Autorin sein und es sah so aus, als wäre das meine Chance.

Dann, in der Mitte des Jahres 2010, wurde ich durch meine wachsende Freelancer-Karriere inspiriert – ich erkannte, was ich alles machen könnte, wenn ich hart arbeite und Risiken eingehe.

Fünf Jahre habe ich mich nur um meine Kinder gekümmert

Ich wurde Mitglied in einem CrossFit-Fitnessstudio und dort, fünf Jahre, nachdem meine Tochter auf die Welt gekommen war, erinnerte ich mich daran, wer ich einmal war.

Die meisten Menschen in diesem Fitnessstudio waren zehn Jahre jünger als ich und keiner, mit dem ich trainierte, hatte Kinder.

Wenn ich über meine Kinder sprach, schweiften die Blicke der Menschen im Fitnessstudio ins Leere ab. Ich musste mich selbst daran erinnern, dass ich keine Gespräche über Mittagsschlaf, Snacks oder Auszeiten führen sollte.

Fünf Jahre lang hat mein Körper hauptsächlich dazu gedient, sich um meine Kinder zu kümmern: Schwangerschaft, Stillen, in den Schlaf schaukeln, tragen und umarmen. Jetzt nutzte ich meinen Körper einmal am Tag dafür, Klimmzüge und Handstand-Pushups zu lernen.

Ich bin nicht nur Mutter

Ich habe das erste Mal Hanteln benutzt und gelernt, wie man Squats und Kreuzheber macht – auch wie ich die Handelstange über meinen Kopf bekomme und die Übungen Snatch, Clean und Jerk mache.

HILARY ACHAUER
Die Hantel hat mir geholfen, mich daran zu erinnern wer ich war, bevor ich eine Mama wurde.

Ich erinnerte mich an die Musik, die ich mal liebte, den lauten Rock und den schmutzigen Rap. Ich fing wieder mit dem Surfen an, ich begann wieder zu lesen.

Es war nicht so, dass ich meine Identität als Mama dadurch aufgabe – es war eher so, dass ich mich daran erinnerte, dass ich nicht nur Mutter bin.

Es fühlte sich so an, als würde man sein Lieblingskleid wieder anziehen, das man jahrelang nicht getragen hat und von dem man merkt, wie gut es einem steht, und sich wundert, warum man es so lange nicht mehr getragen hat.

Durch meine Kinder wurde ich fürsorglicher

Ich habe es keine einzige Sekunde bereut, Mutter geworden zu sein. Ich liebe es, Mutter zu sein und ich bin dankbar dafür, wie sehr es mich verändert hat.

Ich hatte keine Ahnung, dass ich so tief lieben kann. Ich hatte auch keine Ahnung von der Freude und natürlich auch den Sorgen und dem Ärger, die mir meine Kinder bringen können.

Kinder zu haben, hat mich weniger selbstbezogen gemacht, aber dafür fürsorglich. Durch sie habe ich ein paar meiner besten Freunde kennengelernt.

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Das Wort versetzt mich zurück in diese Zeit

Ich habe auch realisiert, dass es wichtig ist, dass ich mich daran erinnere, wer ich vor meinen Kindern war – um mich nicht selbst zu verlieren, während ich mich um ihre Bedürfnisse kümmere.

Wenn mich also jemand “sportliche Mama” nennt, einen “Mama-ausgeh-Abend” organisieren will oder ein Glas Wein als “Mama-Saft” bezeichnet, versetzt es mich in die Zeit, in der ich mich selbst verloren hatte.

Und ich möchte, dass das nie wieder passiert.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.