POLITIK
08/02/2018 14:16 CET | Aktualisiert 08/02/2018 17:55 CET

Nahles neue SPD-Chefin: Darum müssen Frauen in Krisenzeiten ran

Nachdem Martin Schulz und Sigmar Gabriel den Karren in den Dreck gefahren haben, soll Nahles es wieder richten.

Hannibal Hanschke / Reuters
Andrea Nahles soll den SPD-Vorsitz von Martin Schulz übernehmen
  • Andrea Nahles soll, nachdem Martin Schulz als SPD-Chef gescheitert ist, Chefin der Sozialdemokraten werden
  • In Krisenzeiten sollen oft Frauen das Ruder übernehmen – aus einem beschämenden Grund

Martin Schulz – man kann es nicht anders sagen – hat es versaut. Gut ein Jahr nachdem er mit überwältigenden 100 Prozent zum Parteivorsitzenden der SPD gewählt wurde, steht seine Partei bei einem Umfragerekordtief von 17 Prozent.

Und was macht Schulz? Er gibt den Posten an der Spitze wieder ab. Die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles soll übernehmen.

Nahles wäre damit nicht nur die erste Frau, die bei den Sozialdemokraten den Fraktionsvorsitz im Bundestag innehat. Sie wäre auch die erste Chefin der Partei.

Die gläserne Klippe 

Hört sich toll an, fortschrittlich. Und sicherlich ist Nahles die logische Kandidatin für die Nachfolge – allein schon wegen ihrer Kompetenz. Sie hat sich in den letzten Monaten immer wieder als die herausragende Figur der Sozialdemokraten hervorgetan.

► Aber: Die Ernennung wirft auch ein Schlaglicht auf einen Mechanismus, der altbekannt ist. Und gefährlich.

Die Wissenschaftler Michelle Ryan und Alexander Haslam, zwei Professoren aus dem britischen Exeter, haben diesen Mechanismus die “Glass Cliff Theory” genannt – die “Theorie von der gläsernen Klippe”.

Sie besagt Folgendes: In Krisenzeiten sollen in Politik und Wirtschaft oft Frauen das Ruder übernehmen. Denn, so die Theorie: Die Erfolgsaussichten sind gering – und Männer hätten deshalb kein Interesse, die Führung zu behalten.

Also bekommt sie eine Frau. Und anstatt Vorurteile über die mangelnden Führungsqualitäten von Frauen abzubauen, werden sie bestärkt.

Mehr zum Thema: Nirgends in Deutschland sind Frauen in der Politik so stark wie in Erlangen - was hier anders läuft

Das Bild der “gläsernen Klippe” lässt sich am besten mit dem bekannteren Bild der “gläsernen Decke” vergleichen. Diese Metapher soll zeigen, dass Frauen zwar die allerobersten Führungspositionen sehen können, sie aber nie erreichen werden.

In Krisenzeiten kommt nun die “Glas Cliff” zum Einsatz. Frauen werden also auf eine gläserne Klippe gestellt. Alle können nun der Frau zusehen, wie sie sich in die sehr unsicheren Gefilde der Krise begibt – egal ob sie scheitert, was wahrscheinlich ist, oder nicht.

Bei Misserfolg dürfen Frauen ran

Die Forscher Ryan und Haslam haben sich, um die Glass Cliff Theory zu bekräftigen, die Führungspositionen bei großen Konzernen angesehen und festgestellt: Wenn ein Unternehmen in den vergangenen fünf Monaten nicht erfolgreich war, dann ist es wahrscheinlicher, dass eine Frau die Führungsposition bekommt. Und natürlich ist es dann auch wahrscheinlicher, dass sie scheitert.

Die Liste an prominenten Beispielen ist lang:

Theresa May: Die britische Premierministerin durfte ihren Job nur ausüben, weil ihr Vorgänger David Cameron wegen des Brexit-Votums zurücktrat – und weil männlichen Bewerbern wie Boris Johnson die Lage zu heikel war.

Marissa Meyer: Meyer wechselte von Google zu Yahoo und wurde dort neue Chefin. Der Online-Pionier Yahoo stand da schon äußerst schlecht da. Meyer scheiterte mit der Rettung, Yahoo wurde verkauft und Meyer stand als die Schuldige da.

Angela Merkel: Die heutige Bundeskanzlerin kam nur zum CDU-Vorsitz, weil sich die Männer an der Spitze zerstritten hatten und Wolfgang Schäuble noch mit der Spendenaffäre zu kämpfen hatte.

Nicola Sturgeon: Die Chefin der Scottish National Party bekam ihre Position erst, als Männer zwei mal mit einem schottischen Unabhängigkeitsreferendum gescheitert waren.

Jill Abramson: Die Journalistin übernahm die “New York Times” 2011 zu einer Zeit, in der es um Tageszeitungen nicht gerade zum Besten bestellt war. Abramson schaffte die Trendwende nicht, 2014 wurde sie gefeuert.

► Mary Barra: 2014 wurde Barra CEO von General Motors und wurde damit zur ersten weiblichen Chefin eines großen Automobilkonzerns. Zu dieser Zeit war das Unternehmen in der Krise: Es musste über 30 Millionen Autos wegen Sicherheitsproblemen zurückrufen.

Kellyanne Conway: Während des Wahlkampfs wurde Conway zu einer führenden Beraterin von US-Präsident Donald Trump. Sie wurde damit zur ersten Frau, die eine Präsidentschaftskampagne leitete. Zur Zeit ihrer Nominierung im August 2016 hatten sich Trump und seine männlichen Beratern so viele Fehltritte geleistet, dass die Umfrage-Werte des Kandidaten im Keller lagen.

Frauen sind die besseren “Sündenböcke”

Jetzt also Andrea Nahles: Eine Frau übernimmt erstmals den SPD-Vorsitz, nachdem drei Männer (Gerhard Schröder, Martin Schulz und Sigmar Gabriel) den sozialdemokratischen Karren immer tiefer in den Dreck gefahren haben.

Nachdem unter Schröder die SPD eine Wahlniederlage einfuhr, musste Gabriel ran.

Nach einem erneuten Absturz unter Gabriel folgte nach Schulz’ Wahl zum SPD-Chef ein kurzes Umfragehoch für die Sozialdemokraten.

Dann kam der Abstieg: Drei verlorene Landtagswahlen, nur knapp über 20 Prozent bei der Bundestagswahl, ein furchtbares Hin und Her ob man nun in die Opposition gehen oder doch lieber regieren möchte.

Und schließlich viele gebrochene Wahlversprechen im Koalitionsvertrag. In den Umfragen steht die SPD jetzt bei 17 Prozent – Rekordtief.

Die beiden Forscher Ryan und Haslam untersuchten für ihre “Glass Cliff Theory” auch die Politik: Frauen werden demnach von ihrer Partei viel eher für eine Kandidatur in eigentlich ungewinnbaren Wahlkreisen nominiert, als für eine Kandidatur in den aussichtsreichen.

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Doch die Feigheit vieler Männer, auch in Krisenzeiten in die Führung zu gehen, ist nicht der einzige Grund, wieso Frauen das Ruder gerade dann übernehmen sollen, wenn es schlecht läuft.

Die Psychologin Kristin J. Anderson von der University of Houston hat dazu ihre eigene Theorie: Unternehmen, sagt Anderson, gewinnen – ganz egal ob die Frau Erfolg hat oder nicht.

Denn wenn die Frau in Führungsposition Erfolg hat, dann hat auch das Unternehmen Erfolg. Scheitert die Frau an der Spitze aber, dann seien Frauen im Unternehmen eher entbehrlich – und außerdem “die besseren Sündenböcke”.

Scheitert eine Frau, sagt Anderson, dann kann dem Unternehmen keine Schuld gegeben werden – sondern nur der Frau. Das Unternehmen hinwiederum bekommt Pluspunkte dafür, wie progressiv es sei und wie toll es Frauen fördern würde.

Und dann, wenn alle Vorurteile bestätigt sind und die Frau vor allen Augen von ihrer gläsernen Klippe gestürzt ist, kann das Unternehmen endlich wieder alles so machen, wie es schon immer gemacht wurde: Männer einstellen.

(tb)