POLITIK
25/01/2018 15:08 CET | Aktualisiert 25/01/2018 19:29 CET

Mit diesen Fotos demonstrieren Iranerinnen gegen Unterdrückung

Fotografin Marinka Masséus: “Iraner sind das am meisten missverstandene Volk."

My Stealthy Freedom Iran
  • Die niederländische Fotografin Marinka Masséus hat Frauen im Iran fotografiert
  • Es sind starke Fotos gegen die Unterdrückung - und gegen die Vorurteile, die viele im Westen haben

Die Frauen sehen direkt in die Kamera. Vor ihrem Gesicht wirbelt ein Tuch, schränkt den Blick auf sie ein.

Es sind starke Bilder. Statisch und dynamisch zugleich.

Und vor allem sind es verbotene Bilder. Entstanden im Verborgenen, mit einer Botschaft, die die Frauen in Gefahr bringt. 

Die Aufnahmen sind im Iran entstanden. Dem Land, in dem sich Frauen in der Öffentlichkeit ausschließlich mit Kopftuch und mindestens knielangem Mantel bewegen dürfen. Dem Land, in dem ein männlicher Vormund entscheidet, ob eine Frau studieren, arbeiten, eine Wohnung mieten oder operiert werden darf.

Die preisgekrönte niederländische Fotografin Marinka Masséus hat dafür eine Wohnung gemietet und deren Fenster mit Alufolie abgeklebt. Niemand sollte das Blitzlicht der Kamera sehen können.

Masséus arbeitet viel mit Frauen, thematisiert ihre Unterdrückung – und Stärke. “Frauenfeindlichkeit ist Teil jeder Kultur, Rasse und Religion”, sagt sie der HuffPost.

Es geht um mehr als ein Stück Stoff

Mit ihrem Fotoprojekt im Iran wollte Masséus ein Zeichen gegen Kopftuchzwang im Land setzen. Sie will, dass die Frauen selbst entscheiden können, ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht.

“Viele Iranerinnen hassen das Kopftuch, sie sehen es als Zeichen von Unterdrückung, das ihnen von einem repressiven Regime aufgezwungen wird.” Es geht nicht nur um das Kopftuch, sondern ums Prinzip.

“Iraner sind das am meisten missverstandene Volk”

Und Masséus will den Westen mit ihren Fotos aufrütteln, die Stereotype aufbrechen. “Ich glaube, Iraner sind das am meisten missverstandene Volk der Welt. Das Bild, das wir vom Iran haben, ist jenes, das uns das Regime vermitteln möchte.”

Tatsächlich aber verfügten die Iraner ”über eine einzigartige Freundlichkeit, gepaart mit einer ihnen eigenen Kultiviertheit. Die Frauen sind stark und unabhängig, hoch gebildet und ihre Art zu denken sehr modern, säkular und aufgeklärt.”

Eine Frau, zwei Gesichter

Nur dürfen sie es eben oft nicht zeigen. Eine der Frauen sagte Masséus, Frauen hätten zwei Gesichter – eines für draußen, die Welt der Hardliner, und ihr echtes, das sie nur hinter den Mauern zeigen dürften.

Eine andere sagte ihr, sie verhalte sich draußen eben so, dass sie und ihre Familie keinen Ärger bekämen. “Das heißt nicht, dass ich daran glaube!”

Vor allem die Frauen hätten in den vergangenen Jahren auf Veränderungen im Land gedrängt. “Auch jetzt, während der jüngsten Proteste, sind Frauen im Zentrum des Widerstands.”

Mehr zum Thema: Wie eine Frau mit wehenden Haaren zum Symbol der Iran-Proteste wurde

Viele Außenstehende sehen nicht, was im Iran gerade passiert. Masséus beschreibt, wie sich über die vergangenen Jahre Frauen durch winzige Zeichen des Ungehorsams auflehnten.

Indem sie ein Kopftuch wählten, dessen Farbe den Mullahs und ihrer Religionspolizei zu bunt war. Indem sie ihr Kopftuch nicht so weit übers Haar zogen, wie die Hardliner es gerne hätten.

“Diese immer neuen Beweise von Mut bewirken Veränderung, langsam aber sichtbar”, sagt Masséus.

“Moderne, kämpferische Frauen”

Als infolge des Atomabkommens mit dem Iran die UN-Sanktionen gelockert wurden, nutzte die heute 48-jährige Niederländerin die Gelegenheit, in den Iran zu fliegen. Nur mit ihrer Kamera, ohne die sonst übliche Scheinwerferausrüstung. Den Argwohn der Behörden zu wecken, war das Letzte, das sie brauchen konnte.

Starthilfe bekam sie von einer Aktivistin, die schon lange gegen die Unterdrückung der Frauen durch das Kopftuch kämpft, Masih Alinejad von “My stealthy freedom” (“Meine heimliche Freiheit”).

Die Frauen für ihr Projekt aber mussten sie selbst auftreiben. Sie sprach sie auf der Straße an. Manche sagten zu – und aus Angst dann wieder ab.

Viele aber kamen. Schülerinnen, Studentinnen, Frauen im Berufsleben. “Moderne, kämpferische Frauen.”

Mit ihrem Mut, sich fotografieren zu lassen, setzen sie ihre Freiheit aufs Spiel. In der Hoffnung, ein bisschen Freiheit zu erkämpfen. Farbklecks für Farbklecks. Haarsträhne für Haarsträhne. Foto für Foto. 

(ks)