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Muslimischer Lehrer in Kreuzberg: "Mit diesem einfachen Mittel kann jeder Judenhass bekämpfen"

"Schaut nicht weg, wenn ihr Zeuge von Antisemitismus werdet."

13/12/2017 18:46 CET | Aktualisiert 15/12/2017 07:58 CET

Ich hatte einmal einen Fall, in dem ein Schüler einen anderen Jungen in der Klasse als “Jude” beschimpft hat. Beide Schüler sind Muslime.

Dass dieser Vorfall noch längst kein Beweis für tiefsitzenden Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen sein muss, und dass vor allem kein Fall  hoffnungslos ist – das will ich hier zeigen.

Ich bin Oberschullehrer in Berlin Kreuzberg. Seit zwei Jahren bin ich außerdem Vorstand der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA).

Als Berliner mit türkisch-muslimischen Wurzeln beobachte ich zwei Entwicklungen: Wachsenden Hass gegenüber Muslimen auf der einen Seite, besorgniserregenden Antisemitismus unter Muslimen auf der anderen Seite.

Dem gilt es entgegenzutreten!

“Kennst du überhaupt Juden?”

Ich in meinem Fall habe ich sofort interveniert und gefragt, was das soll und dem Schüler klargemacht, dass so etwas im Klassenraum keinen Platz hat. Damit werden andere Menschen abgewertet und Hass geschürt.

Ob er überhaupt Juden kenne und warum er so über sie spricht, wollte ich von ihm wissen. Und ich wollte herausfinden: Woher kommt das? War das einfach eine unüberlegte Sache? Ist das eine Art Jugendsprache, die als “cool“ gilt? Oder ist das eine Form von tiefer sitzendem Antisemitismus?

Mir wurde klar, dass die Schüler in der Gruppe öfter abwertend über Juden sprechen. Das ist inakzeptabel. Es darf nicht sein, dass “Jude” wieder ein Schimpfwort in Deutschland wird. 

Dem Hass gilt es entgegenzutreten 

Die KIgA ist ein Träger der politischen Bildung mit einem vielfältigen, 30-köpfigen Team. Vielfältig sind auch unsere Ansätze: Neben Angeboten für Schüler und Lehrer organisieren wir jüdisch-muslimische Austausche, haben eine Ausstellung zu aktuellem jüdischen Leben in Berlin auf Deutsch, Arabisch und Englisch konzipiert und beraten Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.

Fakten zu Antisemitismus unter Schülern

Eine Befragung von Lehrern in Berlin durch das American Jewish Comitee ergab: Eine Mehrheit der befragten Lehrer (15 von 27) bestätigten, dass “Jude” häufig als Schimpfwort benutzt werde. Auch von antisemitischen Vorurteilen und Hass auf Israel berichten einige der Befragten. Repräsentativ ist das Ergebnis der Dokumentation nicht.  

Im Fall der beiden Schüler, die sich als “Jude” beschimpften, haben wir einen einwöchigen Workshop gemacht. Wir haben unter anderem das Jüdische Museum in Berlin besucht, über Identität und die jüdische Vielfalt gesprochen und uns mit dem Thema Antisemitismus auseinandergesetzt und haben auch über eigene Erfahrungen der Schüler von Diskriminierung gesprochen.

 Woher kommt der Antisemitismus?

Ich wollte genau wissen, woher diese Beleidigungen kommen. Es gibt verschiedene Annahmen, woher der Antisemitismus bei Kindern und Jugendlichen aus muslimisch-migrantischen Milieus stammen soll:

Aus dem Nahost-Konflikt. Das wäre dann dem Israel bezogenen Antisemitismus zuzurechnen.

Von Verschwörungstheorien. Dass es etwa eine “jüdische Allmacht” gebe, die im verborgenen die Welt regiere und ein Geldmonopol habe. Das ist ein Cocktail aus falschen Informationen und einer geballten Ladung Emotion.

Darüber, wie sich Antisemitismus verbreitet, gibt es wenig Befunde. Hier sind die Annahmen etwa: das komme von den Eltern, dem Imam, über Satellitenfernsehen oder von geflüchteten Menschen aus dem arabischen Raum.

All das ist denkbar, müsste aber dennoch zunächst überprüft werden, bevor es als Tatsache postuliert wird. All das muss man feststellen und dementsprechend Strategien entwickeln.

Bei meinen Schülern fing ein Lernprozess an

Im Fall des Schülers waren es nicht die Eltern, die ihn dazu beeinflusst haben. In eine Moschee geht der Junge auch nicht. Er meinte, beim Fußball würden sie eben “Jude” sagen. Das fungiere schlicht als eine Form der Beleidigung. Problematisch genug!

Durch den Workshop ist bei den Schülern ein Lernprozess losgegangen. Sie wurden angeregt, sich auszusprechen und andere Perspektiven einzunehmen. Situationen etwa, in denen sie selbst sich ausgegrenzt fühlten, führten zu der Erkenntnis: “Das tut weh. Das will ich nicht”. Empathie für “den Anderen” entstand.

Insoweit lässt sich sagen: Wo der Schüler es schafft, Widersprüche auszuhalten, andere und Anderssein zu akzeptieren, eigene Vorurteile und Überzeugungen zu hinterfragen, da entsteht Toleranz und Offenheit. Das gilt auch für Lehrer. Das gilt für uns alle.

Das können wir alle gegen den Hass tun

Ich hätte diesen Vorfall ignorieren können. Ich hätte mit bloßen Sanktionen reagieren können. Aber ich habe mir die Mühe gemacht, auf die Schüler einzugehen, sie verstehen zu wollen.

Ich denke, dass kann jeder Lehrer und jeder Bürger tun. Das bedeutet: Intervenieren und konfrontieren. Das ist “moderne Zivilcourage”. Sie funktioniert on- und offline und sorgt für gezielte Veränderungen.

Das ist meine Forderung an alle in Deutschland, egal welchen Berufs, Glaubens oder Herkunft: Wo und wann immer Antisemitismus auftritt, ist es wichtig, nicht auszuweichen. Im Gespräch gilt es zu identifizieren, ob es Unwissenheit, unreflektierter “Jugendslang” oder tiefer sitzende Bösartigkeit ist. Dementsprechend soll man passend und angemessen handeln.

Das wünsche ich mir genauso von Imamen, Moschee-Besuchern, Pfarrern und Kirchgängern. Kurz: von allen.

Schaut nicht weg, wenn ihr Zeugen von Antisemitismus werdet. Für viele der Genannten ist das glücklicherweise bereits selbstverständlich. Es muss aber zur Handlungsmaxime für alle werden.

Der Text wurde protokolliert von Leonhard Landes.

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(lp)

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