POLITIK
01/02/2018 12:23 CET | Aktualisiert 02/02/2018 14:27 CET

Warum in deutschen Gefängnissen so viele Muslime sitzen

Fast jeder fünfte Häftling in Deutschland ist Muslim.

  • Fast jeder fünfte Häftling in Deutschland ist Muslim, wie HuffPost-Recherchen zeigen

  • Experten erklären die Gründe - und was wir jetzt tun müssen

  • Im Video oben: Ein Sprecher der Gefangenen erklärt, wie schrecklich die Bedingungen in deutschen Gefängnissen sind 

Gefängnisse sind eigene Welten. Abgeschottete Zwangsgemeinschaften. Zerrspiegel der Gesellschaft.

Sie zeigen, wo die Schwachstellen in der glatten Oberfläche unseres Alltags sind. Wo es hakt.

In Deutschland ist fast jeder fünfte Gefängnis-Insasse Muslim. Das geht aus den Antworten von 15 Justizministerien der Bundesländer hervor, die die HuffPost zusammengetragen hat. Demnach sind etwa 12.300 der etwa 65.000 Häftlinge Muslime. 

HuffPost
Anteil der Muslime unter Häftlingen nach Angaben der Landesjustizministerien. Die Angaben beruhen überwiegend auf freiwilligen Selbstangaben der Häftlinge. Die Ministerien der mit * gekennzeichneten Länder verweisen darauf, dass ihnen nur Schätzungen vorliegen. In Berlin bezieht sich die Schätzung nur auf männliche Häftlinge.

Muslime sind in Gefängnissen überrepräsentiert

► In den Stadtstaaten Bremen und Hamburg ist der Anteil der Muslime unter den Gefängnisinsassen mit 29 und 28 Prozent besonders hoch, selbst große Bundesländer wie Hessen und Baden-Württemberg melden mit 26 Prozent einen hohen Anteil von Muslimen.

Im Osten liegen die Zahlen deutlich niedriger, Mecklenburg-Vorpommern etwa kommt nur auf etwa vier Prozent muslimische Häftlinge. Vor dem Hintergrund, dass in dem nordöstlichen Bundesland nur wenige Muslime leben, ist diese Zahl wenig überraschend. 

Erforscht sind die Gründe für diese riesigen Unterschiede nicht, es fehlt schon an verlässlichen Daten über den Anteil der Muslime an der Bevölkerung der einzelnen Bundesländer. 

Mit großer Sicherheit aber liegt der Anteil der Muslime in deutschen Gefängnisse deutlich über ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.

Laut Schätzungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lebten Ende 2015 zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland. Die Zahl ist mit der Flüchtlingskrise allerdings deutlich gestiegen. Rund sechs Prozent der Bevölkerung in Deutschland wären demnach Muslime.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in Österreich. Laut dem verantwortlichen islamischen Gefängnisseelsorger für Österreich, Ramazan Demir, sind 22 Prozent der Insassen Muslime, gegenüber acht Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das sind die Gründe für die hohe Zahl

Wie kommt es zu einer solchen Diskrepanz zwischen drinnen und draußen, zwischen Knast und Freiheit? Vor allem 9 Gründe sind entscheidend, sagen Experten: 

1. Thomas Galli, Jurist und früherer Gefängnisdirektor in Sachsen, sagt: “Die Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden, steigt, je weniger jemand in die Gesellschaft integriert ist. Muslime sind noch nicht überall voll akzeptiert und integriert.”

Ähnlich argumentiert der österreichische Gefängnis-Imam Demir: “Die muslimische Community ist sozial schwächer.”

2. Thomas Bliesener, Direktor des renommierten Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, vermutet, dass die sogenannte Bildungsaspiration eine Rolle spielt.

Menschen aus muslimischen Kulturkreisen stellten – mit Ausnahmen – wissenschaftlichen Erkenntnissen nach weniger hohe Erwartungen an ihre Bildung und das Bildungsangebot.

“Damit bestehen größere Schwierigkeiten, sich auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren.” Deutlich weniger Geld zu haben als viele andere in der Gesellschaft, das sei “kriminalitätsförderlich”.

3. Hinzu kommt: Wer wenig Geld hat, kann sich vielleicht keinen Anwalt leisten, der ihn aus dem Schlamassel rauspaukt, vermutet Bliesener.

4. Was man unbedingt berücksichtigten müsse, sagt Bliesener, sei die soziodemographische Struktur. Junge Männer egal welcher Herkunft oder Religion sind in Sachen Kriminalität eine besondere Risikogruppe.

“Viele Flüchtlinge sind junge Männer”, sagt Bliesener. Und viele von ihnen sind Muslime. “Die einheimische Bevölkerung dagegen ist überaltert.”

Auch dieser Effekt kann also zum hohen Anteil der Muslime im Gefängnis beitragen. Auch deswegen, weil ein Flüchtling mangels festem Wohnsitz viel eher in Untersuchungshaft landet als andere Menschen.

Ein Beispiel aus Hessen zeigt, was Bliesener beschreibt: Dort liegt der Anteil der Muslime in den Jugendhaftanstalten Rockenberg und Wiesbaden mit 47 und 45 Prozent deutlich über dem Schnitt aller JVAs.

5. Die Psychotherapeutin Nurdan Kaya aus Augsburg organisiert in Bayern die Ausbildung für muslimische Gefängnisseelsorger und spekuliert, dass die Religion für manche Häftlinge eine ganz ähnliche Funktion haben könnte wie für Jugendgangs im Migrantenbereich:

“In Ermangelung einer Identität geben sie an, Muslime zu sein. Wenn man sie dann nach ihrem Glauben fragt, erkennt man, dass sie herzlich wenig Ahnung vom Islam haben und die Religion auch nicht praktizieren. Die Religion fungiert also eher als Schutzschild, denn als Bestandteil ihrer Identität.”

6. Kaya verweist darauf, dass in kollektivistischen Gesellschaften wie den muslimisch geprägten andere Werte gelten als in der individualistischen im heutigen Deutschland.

“Einfachstes Beispiel ist: Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis organisieren sich in der Regel in Gruppen. Das kann Parallelgesellschaften zur Folge haben. Das kann auch strafrechtliche Konsequenzen haben, wenn in der Familie etwa die Ehre eine Rolle spielt und erfordert, dass eine Frau oder Schwester etwas nicht darf.”

7. Inwiefern Racial Profiling eine Rolle beim Ungleichgewicht spielt, ist umstritten. “Es gibt keine verlässlichen Daten”, sagt Kriminologe Bliesener.

Oliver Rast von der Gefangenengewerkschaft ist da anderer Meinung: “Migrantische Leute geraten schneller ins Raster der Behörden als phänotypisch deutsche Menschen.”

Jurist Galli sieht das genauso. Der Verdacht gegen die vermeintlich anderen behindere die Integration. Und das wiederum fördere Kriminalität. Ein Teufelskreis.

8. Burhan Kesici vom Islamrat Deutschland sagt: “Hinzu kommt, dass die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung bei ausländischen Tatverdächtigen deutlich höher ist.”

9. Relativ sicher ist außerdem, dass der Anteil der Muslime unter Ausländern höher ist als unter Deutschen. Und Ausländer können Straftaten begehen, die Deutsche nicht begehen können. Zum Beispiel illegale Einreise und Verstöße gegen das Aufenthalts- und Asylbewerbergesetz. Auch das kann das Verhältnis von Muslimen und Nicht-Muslimen im Knast beeinflussen.

Zwischenfazit: Das Problem ist der soziale Kontext

Michaela Rehle / Reuters
Dass im Gefängnis so viele Muslime einsitzen, hat mit der Religion nichts zu tun

Damit zeigt der Zerrspiegel Knast, was schief läuft in Deutschland: Nicht die Religion ist das Problem. Es ist der soziale Kontext. Bei der Integration funktioniert etwas nicht.

Egal, mit wem man spricht, ob Experten oder Islamverbänden, keiner will deswegen die große Keule vom staatlichen Integrationsversagen schwingen, das den Knast füllt.

So leicht wollen es sich die Akteure nicht machen, weil es so leicht auch nicht ist. Das sind die ganz großen Themen einer Gesellschaft, die großen Fragen nach Bildungsgerechtigkeit, Vorurteilen, sozialer Schere.

Das sind Generationenprojekte, Mammutaufgaben. Und sie betreffen nicht nur Muslime, sondern Menschen aller Religionen.

Wie die Politik jetzt reagieren muss

Was heißt das nun? Wie muss die Politik mit der Situation in den Gefängnissen umgehen?

Da sind die offensichtlichen Herausforderungen wie spezielle Speisevorschriften für Muslime, Sprach- und Kulturbarrieren – weil viele Muslime ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben.

Da gilt es, kulturelle Missverständnisse zu vermeiden.

Denn viele Muslime kommen aus Kulturen, in denen Gruppen das Sozialleben dominieren. “In unserer Gesellschaft und im Strafvollzug wird die Gruppe dagegen als Gefahrenpotenzial wahrgenommen”, sagt Sarah Jahn von der Ruhr-Universität Bochum.

Sie hat über “Götter hinter Gittern. Die Religionsfreiheit im Strafvollzug” promoviert. Die JVAs bräuchten deswegen Vermittler, um zu klären, ob eine Gruppenbildung nun bedenklich oder völlig normal ist.

Warum wir viel mehr Seelsorger brauchen

Ganz konkret für Muslime aber braucht es noch etwas anderes: spezielle islamische Seelsorge.

Gilles BASSIGNAC via Getty Images
Muslimischer Gottesdienst in einem französischen Gefängnis

Das ist keine Luxusfrage. Die Insassen haben laut Grundgesetz einen Anspruch darauf. Und die Gesellschaft ein großes Interesse daran. Sollte sie jedenfalls.

Denn je labiler Menschen sind, desto anfälliger sind sie für die Heilsversprechen anderer. Islamischer Hassprediger zum Beispiel. Gefängnisse gelten als Hort der Radikalisierung. 

Olivier Roy, einer der bekanntesten Islamismus-Experten Europas, sagte etwa im Interview mit dem “Kölner Stadtanzeiger”, Menschen radikalisierten sich “eigentlich nie im Rahmen einer religiösen Organisation”. “Der erste Ort der Radikalisierung ist das Gefängnis.”

Thomas Mücke kennt sich als Geschäftsführer des Violence Prevention Network besonders mit jungen Gefängnisinsassen aus. Er sagt der HuffPost: “Im Vollzug sind Menschen leicht ansprechbar und verführbar, insbesondere durch charismatische Autoritäten.”

Und je mehr Probleme die Häftlinge im Knast nicht lösen können, desto mehr werden sie haben, wenn sie wieder frei sind. 

“Konkurrenz zu den islamischen Predigern”

Andreas Armborst vom Nationalen Zentrum für Kriminalprävention (NZK) des Innenministeriums sagt der HufPost: “JVA-Imame können eine gesunde Konkurrenz zu sein zu den selbsternannten islamistischen Predigern sein. Sie können Insassen die orthodoxen Inhalte der Religion auf moderate Weise näherbringen.”

Wie die Seelsorge aussieht, organisiert jedes Bundesland anders, oft auch jede JVA.

► In Hessen, das sich seiner Vorreiterrolle rühmt, arbeiten laut Justizministerium 15 deutschsprachige Imame mit den Häftlingen, je nach Größe der JVA zwei bis 30 Stunden pro Woche. Sie sind sozusagen freie Mitarbeiter der JVAs.

► In Bayern können Insassen Beratung von speziell ausgebildeten, ehrenamtlichen Seelsorgern für den muslimischen Kulturkreis bekommen, die Berater kommen aber nur auf Anfrage. Für Freitagsgebete gibt es teils Imame, die sich kümmern. 

► In Sachsen-Anhalt ist dagegen kein einziger Imam für die Betreuung zuständig. 

Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland gerät bei dem Thema in Rage.

“Insassen müssen sich sogar an christliche Pfarrer wenden”

Er sagt: “Die gesetzlich verankerte Seelsorge findet für Muslime in weiten Teilen nicht statt. Wir bekommen Rückmeldungen aus den JVAs, dass muslimische Insassen in manchen Anstalten vollkommen allein gelassen werden. Manche Insassen müssen sich sogar an christliche Pfarrer wenden, wenn sie einen Koran haben wollen.”

Die Politik, sagt Mazyek, verweise oft darauf, dass die muslimischen Gemeinden anders strukturiert seien und die Betreuung deshalb nicht funktioniere. “Das Gleichbehandlungsgebot bringt es mit sich, sich auch auf muslimische Strukturen einzulassen, solange sich alles im gesetzlichen Rahmen bewegt.”

Ähnlich sieht das Gefangenen-Gewerkschafter Rast. Auch er findet, es gebe zu wenig muslimische Seelsorge in Deutschlands Haftanstalten, er ärgert sich darüber, dass die Dienste fast ausschließlich ehrenamtlich geleistet würden, auch er plädiert für eine rechtliche Gleichstellung mit ihren evangelischen und katholischen Kollegen.

Österreich ist da bereits einen Schritt weiter, die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) ist dort ebenso anerkannt wie die christlichen Kirchen. 

Im Video unten: So hat sich die Kriminalität 2017 durch und gegen Flüchtlinge entwickelt

Ein Zerrbild - aber immerhin ein Bild

Es sind Themen, die nicht nur den Knast betreffen. Ähnliche Diskussionen gibt es um den muslimischen Religionsunterricht in Deutschland.

So sehr Gefängnisse eigene Welten sind, so sehr sind sie eben auch Spiegelbilder einer Gesellschaft. Manchmal braucht es aber die Verzerrung im Spiegel, um die Unebenheiten im Original klarer zu sehen.

(lp)