ELTERN
12/01/2018 14:07 CET | Aktualisiert 01/02/2018 17:02 CET

Was moderne Eltern machen, hat unser ganzes Land verändert

Ich weiß jetzt: Ich mache das schon richtig.

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Ein ganzes Land hat sich verändert, weil Eltern ihre Kinder heute anders erziehen
  • Zwischen 2007 und 2015 haben Gewalttaten von 14- bis 18-Jährigen um die Hälfte abgenommen
  • Für diesen Trend sind gewaltfreie Erziehung und ein Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit verantwortlich

Meine Tochter hängt an meinem Bein. Sie schreit. Sie kratzt. Sie beschimpft mich. Gerade habe ich ihr gesagt, dass sie mir mein Handy zurückgeben soll.

Ich will nicht, dass sie noch länger “Die Sendung mit der Maus” anschaut. Ich versuche ruhig und liebevoll zu bleiben. Auf sie einzugehen.

Nicht selbst laut und aggressiv zu werden. Die Kontrolle über die Situation zu behalten. Das ist nicht leicht.

In solchen Momenten sagt mein Mann oft: “Wir machen alles falsch.”

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Und manchmal zweifle ich auch daran, ob wir wirklich alles richtig machen in der Erziehung unserer Tochter - oder ob wir härter durchgreifen müssten. Wie unsere Eltern und Großeltern.

Heute habe ich endlich die Gewissheit: Wir erziehen unser Kind genau richtig.

Denn eine Langzeitstudie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen von Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem zeigt, dass die moderne, gewaltfreie Erziehung im letzten Jahrzehnt zu einem starken Rückgang von Jugendgewalt in Deutschland geführt hat.

Ein ganzes Land hat sich also verändert, weil Eltern ihre Kinder heute anders erziehen.

Zwischen 2007 und 2015 haben Gewalttaten von 14- bis 18-Jährigen um die Hälfte abgenommen. Die Zahl schwerer innerschulischer Gewaltvorfälle ist gesunken.

Moderne, gewaltfreie Erziehung

Im Jahr 1999 wurden pro 1.000 Schülerinnen und Schüler noch 14,9 Raufunfälle registriert, 2015 nur noch 8,7, heißt es in der Studie.

Und auch Körperverletzungen und Raubtaten haben sich reduziert. 1998 gaben noch 18,4 Prozent der Jugendlichen an, mindestens eine Körperverletzung ausgeführt zu haben. 2015 waren es nur noch 4,9 Prozent.

Für diesen Trend ist die moderne, gewaltfreie Erziehung verantwortlich.

Die Studie zeigt nämlich: Jugendliche wachsen immer häufiger gewaltfrei in ihren Familien auf.

Der Anteil an Jugendlichen, die in der Kindheit keine Gewalt von Seiten der Eltern erlebt haben, ist von 43,3 auf 60,8 Prozent gestiegen. Diese Kinder sind später auch selbst weniger gewalttätig.

“Gewalt ist ein erlerntes Verhaltensmuster”, erklärt Alexandra Winzinger, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. “Wir orientieren uns daran, was wir kennen, nicht an dem, was wir nie kennengelernt haben.”

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Es sei also der normale Lauf der Dinge, dass Kinder, die Gewalt erfahren, auch später eher gewalttätig werden und umgekehrt, sagt Winzinger.

“Wenn Kinder Liebe erfahren, Werte mit auf den Weg bekommen, sich unter Begleitung der Eltern ausprobieren dürfen, ist die Wahrscheinlichkeit später kriminell zu werden viel geringer”, erklärt die Psychotherapeutin.

Laut der Studie bekommen die Kinder heute von ihren Eltern weit mehr emotionale Zuwendung als noch vor 20 Jahren.

Das ist eine sehr positive Entwicklung, die auch zum Rückgang von Jugendgewalt beiträgt.

Für die Studienleiter steht fest: Die moderne Erziehung ist eine Ursache für den Rückgang von Jugendkriminalität. Die andere ist der Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland innerhalb der vergangenen zehn Jahre.

Ein Erziehungsstil sei besonders positiv, um Kinder davon abzuhalten, zu gewalttätigen Jugendlichen zu werden, erklärt Dirk Baier, einer der Studienleiter, der auch das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention in Zürich leitet. Das ist der sogenannte autoritative Erziehungsstil.

Respektvoll, aber die Zügel trotzdem in der Hand

Diese Erziehung bestimmt sich dadurch, dass die Eltern auf die Bedürfnisse der Kinder und auf ihre Gefühle eingehen, aber dabei die Kontrolle behalten, Interesse daran haben, was ihre Kinder machen, mit wem sie sich treffen”, erklärt Baier.

Eltern sollen dem Kind also auf Augenhöhe begegnen, sie respektvoll und liebevoll behandeln, aber trotzdem die Zügel in der Hand behalten.

Das ist nicht immer einfach, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Auch Baier erzählt am Ende des Gesprächs, dass er selbst junger Vater ist und nun weiß, dass Erziehung keine leichte Sache sei.

Ich bin beruhigt. Wahrscheinlich zweifeln viele junge Eltern das ein oder andere Mal an sich. Aber seit heute weiß ich, dass wir das gar nicht so schlecht machen. Und ruhig ein bisschen stolz sein dürfen.

Wenn meine Tochter das nächste Mal an meinem Bein hängt, schreit, schimpft und kratzt, werde ich nicht mehr zweifeln.

Denn jetzt weiß ich: Ich mache das schon richtig.

(ks)