POLITIK
30/01/2018 10:22 CET | Aktualisiert 06/02/2018 13:13 CET

Studie zeigt: Millionen Deutsche verdienen weniger als den Mindestlohn

Die Regelung ist häufig kaum zu kontrollieren.

Bloomberg via Getty Images
Der Mindestlohn liegt in Deutschland bei 8,84 Euro pro Stunde. 
  • Millionen Arbeitnehmer in Deutschland bekommen keinen Mindestlohn
  • Das trifft vorallem Menschen aus dem Niedriglohnsektor

Für viele Arbeitnehmer steht der Mindestlohn nur auf dem Papier - das besagt zumindest eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Der Untersuchung zufolge umgehen besonders häufig Unternehmen ohne Betriebsrat und ohne Tarifvertrag den 2015 eingeführten Mindestlohn. 

In solchen Firmen erhielten 18,6 Prozent der Beschäftigten nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn. Dieser liegt aktuell bei 8,84 Euro pro Stunde.

2,7 Millionen Arbeitnehmer unterhalb der Mindstlohngrenze

Das seien mehr als fünfmal so viele Betroffene, wie in Betrieben mit Arbeitnehmervertretung und Tarifvertrag. Dort habe die Quote der Mindestlohn-Umgehungen 2016 bei 3,2 Prozent gelegen. Das erklärte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Stiftung am vergangenen Montag.

In konkreten Zahlen sieht das so aus:

►  2016 haben laut dem WSI rund 2,7 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland weniger als 8,84 Euro pro Stunde verdient - und das, obwohl es ihnen zustand.

Mehr zum Thema: Spät, lang und am Wochenende: Arbeitszeiten der Deutschen werden zum Gesundheitsrisiko

► Betroffen sind davon vor allem Beschäftigte in Kleinbetrieben und sogenannte Minijobber.

► 2016 bekamen rund 43 Prozent der Angestellten in privaten Haushalten weniger als den Mindestlohn.

► Dazu gehören unter anderem Reinigungs- und Pflegekräfte sowie auch Haushaltshilfen.

Ein Umstand, der nicht sehr verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass die Einhaltung der 2015 eingeführten Gesetzesregelungen dort kaum zu kontrollieren ist.

Dieser Berufe sind ebenfalls betroffen

Doch auch in anderen Branchen drücken Arbeitgeber die Bezahlung:

►  Im Hotel- und Gaststättengewerbe betrug die Umgehungsquote der Studie zufolge 38 Prozent, im Einzelhandel 20 Prozent.

► Auch Verkäufer, Kellner und Köche sind also davon betroffen.

Im Durchschnitt stehen diese Berufsfelder bereits am hinteren Ende der Gehaltsskala.

► Eine Reinigungskraft verdient laut der Internetplattform gehalt.de circa 1640 Euro brutto im Monat.

► Ähnlich sieht es bei Servicedienstleistern in Gaststätten (1.861 Euro) und Arbeitnehmern im Einzelhandel (2.007 Euro) aus.

Mehr zum Thema: “Der Mindestlohn ist kein Allheilmittel”: Warum Deutschland ihn trotzdem braucht

Dass die ein ernstzunehmendes Problem ist, hat auch der Sozialverband VdK erkannt. Der forderte die Schlupflöcher beim Mindestlohn zu schließen und die Einhaltung besser zu kontrollieren.

Im vergangenen Jahr mussten Betriebe nach Angaben des Bundesfinanzministeriums Bußgelder von mehr als 4,2 Millionen Euro zahlen. Der Zoll hatte rund 2500 Ermittlungsverfahren eingeleitet, in jedem zweiten Fall musste der Betrieb zahlen.

Bezahlung von Geringverdienern dennoch verbessert

Es gibt allerdings auch gute Nachrichten: Die Ergebnisse der Studie bestätigten, dass die Bezahlung vieler Geringverdiener sich spürbar verbessert hat.

Der Anteil der Beschäftigten mit einem zusätzlichen Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen sei von 20 Prozent im Jahr 2014 auf 17 Prozent in 2016 gesunken.

Außerdem würden Menschen, die den Mindestlohn ausbezahlt bekommen, weitaus seltener zusätzlich Hartz-IV-Leistungen beantragen.

Im nächsten Schritt muss der Staat dafür sorgen, dass ihn auch alle Arbeitnehmer in Deutschland erhalten.

Mit Material der dpa. 

(tb)