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#MeToo-Debatte: Mehr Generationenkampf als Geschlechterduell

Es ist nicht unverständlich, dass die 68er allergisch auf alles reagieren, was die sexuelle Freiheit in Frage stellt.

09/02/2018 14:29 CET | Aktualisiert 09/02/2018 14:29 CET
VALERY HACHE via Getty Images
Schauspiellegende Catherine Deneuve hält nicht viel von #MeToo.

Die 68er und die Millenials reden von völlig unterschiedlichen Dingen, wenn sie von Sex und Liebe reden. Warum die Missverständnisse um #Metoo auch eine Generationenfrage sind.

Als Catherine Deneuve und 99 andere französische Autorinnen, Künstlerinnen und Akademikerinnen sich in einem offenen Brief in der Tageszeitung “Le Monde“ gegen die“ MeToo“-Kampagne wandte, meinte man in den Feuilletons, Kommentarspalten und sozialen Medien ein kollektives Aufatmen vernehmen zu können.

Endlich haben sich auch Frauen gegen die Aktion zur Anklage sexuellen Missbrauchs gestellt, dann muss ja was faul sein.

Obwohl der Einwurf von Deneuve und Co (als bekanntester Name wurde die Schauspielerin zum Synonym für den offenen Brief) etwas sehr französisches hat – Flirten gehört dort ja zur liberalen Leitkultur – stieß er auch hierzulande auf Resonanz. Plötzlich war überall von einer Hexenjagd die Rede.

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Interessanterweise kam der Backlash nicht nur von der erwartbaren und vernachlässigbaren Flanke (Maskulinisten, Reaktionäre), sondern auch von scheinbar liberaler und feministischer Seite. Die Frauen würden durch #MeToo in eine Opferrolle gedrängt, als ob das Erheben der Stimme, das “auch ich wurde sexuell belästigt“, kein mutiger, emanzipierter Akt wäre.

Man kann, wie es Deneuve und Co getan haben, an #MeToo bemängeln, dass unter einem Schlagwort heterogene Phänomene wie Vergewaltigung, Machtmissbrauch, unpassende “Komplimente“ und struktureller Alltagssexismus subsummiert wurden. Aber das lässt sich bei einem offenen, unredigierten Hashtag eben nicht vermeiden.

Die 100 Französinnen begingen diese Vermischung hingegen grob fahrlässig: Sie stellten #MeToo in eine Reihe zeitgenössischer Erscheinungen, die scheinbar Symptome eines neuen Puritanismus sind: Die Zensur eines Plakats eines Akts von Egon Schiele, einer abgesagten Retrospektive von Roman Polanski und dem berüchtigten “Einverständnis-Gesetz“ in Schweden.

Clash der Generationen

Obwohl beileibe nicht nur ältere Französinnen den Brief verfassten und unterzeichneten scheint der Kulturkampf um #MeToo Ausdruck eines tiefliegenden Missverständnisses zwischen den Generation zu sein.

In Deutschland ist dieser Teil der Debatte größtenteils untergegangen, während er in den USA durchaus geführt wird. #MeToo und der deutsche Vorläufer #Aufschrei wurden größtenteils von den sogenannten Millenials (geboren ab ca. 1980) getragen. Die 68er-Generation und die Babyboomer, die vor allem Vorbehalte gegen #MeToo äußern, fürchten hingegen, die jüngere Generation würde ihre Errungenschaften, die hart erkämpfte sexuelle Befreiung, freiwillig wieder aufgeben.

Gegen Vergewaltigung sind selbstverständlich auch die Unterzeichnerinnen des offenen Briefes, das Hinnehmen von sexueller Belästigung scheint für sie aber der Preis der Freiheit zu sein.

“Hartnäckiges und ungeschicktes Flirten ist kein Delikt“ heißt es euphemistisch bei Deneuve und Co, als ob sich die Debatte nicht an den “hartnäckigen Flirtversuchen” eines Harvey Weinsteins gegenüber von ihm beruflich abhängigen Frauen entzündet hätte.

Für die 68er Generation und später auch für die 78er war die sexuelle Befreiung nicht nur der Ausbruch aus einer restriktiven Gesellschaft, die wir Nachgeborenen uns wahrscheinlich nicht mehr Vorstellen können, sondern auch Katalysator einer gesamtgesellschaftlichen Befreiung. Das Private war bekanntlich politisch.

Deshalb ist es nicht unverständlich, wenn die 68er allergisch auf alles reagieren, was die sexuelle Freiheit scheinbar in Frage stellt. Aber die 68er-Prägung gibt es auch auf Täterseite: Roman Polanski konnte seine Übergriffe auf Minderjährige auch unter dem Deckmantel von antibürgerlicher Libertinage begehen.

Ein Vorwurf der jüngeren KritikerInnen gegen Deuneuve und Co. war dann auch, dass die ältere Generation das Patriachat so verinnerlicht hätte, dass sie es als Zeichen von Freiheit sehen, auch für machistische Artikulationen von Sexualität kämpfen zu müssen.

Oversexed und underfucked

Anders als die 68er und ff. sind die Millenials nicht in einem Klima der Körperfeindlichkeit aufgewachsen, im Gegenteil: Sie wurden mit hypersexualisierter Werbung und Musikvideos, und der freien Verfügbarkeit von Pornographie sozialisiert.

Die Omnipräsenz von Sexualität hat eher zu einem Überdruss geführt. Die Unterdrückung von Lust ist dem Druck gewichen, sich in den sozialen Medien freizügig präsentieren zu müssen. Filme wie “Frances Ha“ mit der Generation-Y-Ikone Greta Gerwig zeigen ein ganz neues Verhältnis junger Menschen zu Liebe und Sex.

Eine Paarbeziehung oder eine Affäre sind nur Lebensmodelle unter vielen, eine Freundschaft ist genauso viel wert. Sogar Sex ist nur eine Option unter mehreren. Von der Macht des Eros als Urgewalt würde im Gegensatz zu vergangenen Generationen kein junger Künstler schwadronieren.

Dabei sind die Millenials alles andere als prüde. Ihre Einstellung zu Liebe und Sexualität ist aber pragmatisch und postromantisch, ohne jedes Verruchtheitspathos.

Auch der Hypebegriff Polyamorität ist eher Ausdruck (neo-) liberaler Multioptionalität als von dem Versuch, sich von einem einschränkenden bürgerlichen Ideal zu befreien, das im Übrigen längst begraben ist. Auch dank der 68er-Generation übrigens.

Durch die Digitalisierung hat sich die Anbahnung von amourösen Kontakten auf Tinder und Co verlagert, das Flirten verschwindet aus dem öffentlichen Raum.

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Sex ist nicht gleich Sex

Die Befürchtung von Deneuve und Co, die Kulturtechnik des Flirtens würde verschwinden, wenn alte Männer jungen Frauen im Aufzug keine Komplimente mehr machen “dürfen“, trifft die junge Generation nicht, im Gegenteil. Das Flirten findet ja konsensuell im Internet statt.

Der Umgang zwischen den Geschlechtern ist bei den Millenials auf Augenhöhe, ohne den frivolen Geschlechterkampf, den die älteren Französinnen jetzt in Gefahr sehen. Die Generation Deneuve musste vielleicht noch ihre Sexualität einsetzen, um sich in Herr-Knecht-Spielchen innerhalb einer institutionalisierten Schieflage zwischen den Geschlechtern ihre Position zu erkämpfen.

Wie die 68er reflexhaft bei jeder scheinbaren Restriktion von Sexualität aufschreit, reagiert die Generation Y allergisch auf alles, was nach Sexismus aussieht, auch wenn es nur ein Kompliment für Äußerlichkeiten ist, wo ein Lob für die beruflichen Fähigkeiten angebracht wäre.

Die Generationen reden bei #MeToo also tragischerweise von völlig unterschiedlichen Dingen, wenn sie von Sex reden. Und paradoxer Weise versucht die 68er Generation etwas zu retten, was sie selbst abgeschafft hat.

(amr)