POLITIK
04/01/2018 19:37 CET | Aktualisiert 05/01/2018 08:04 CET

Wer wird früher abgesetzt – Merkel oder May? Das denkt der "Guardian"

Das Ergebnis des Gedankenspiels ist durchaus überraschend.

Pool via Getty Images
May und Merkel: Beide bangen um ihre Macht. 
  • In einer Analyse beschreibt der “Guardian” Merkels tiefen Fall
  • Die Briten glauben: Womöglich hält sich ihre eigene Premierministerin länger im Amt

Emotionale Anführerinnen sind beide nicht. Eher sind sie kühl und berechnend.

Beide hat ihre taktierende Art weit gebracht: Bundeskanzlerin Angela Merkel und die britische Premierministerin Theresa May gelten als die konservativen Anführerinnen des Kontinents.

Aber: Sowohl Merkel, als auch May mussten zuletzt um ihre Macht bangen. Für die Britin drohen die Brexit-Verhandlungen in Brüssel zur Hängepartie zu werden – die Kanzlerin verzweifelt ihrerseits zunehmend an der Regierungsbildung.

Die britische Zeitung “Guardian” hat das zum Anlass genommen, die Frage aufzuwerfen, welche der mächtigen Frauen sich länger im Amt halten kann.

Spoiler-Alarm: Für Merkel fiel das Gedankenspiel nicht gerade schmeichelhaft aus.

Zweifelhafte Grundannahmen

Die britische Journalistin , sonst auch für das renommierte Wirtschaftsmagazin “Economist” im Einsatz, glaubt, der Ton gegenüber Merkel sei respektloser geworden. Das zeige sich in den “Sticheleien” der SPD gegen die Kanzlerin und ihre CDU.

Vor den Sondierungen treten die Sozialdemokraten mitunter forsch auf. Von einer “eklatanten Führungsschwäche” Merkels war zuletzt die Rede, die Union habe den “Karren vor die Wand gefahren”.

Ein rauer Wind, der auch in Großbritannien anzukommen scheint.

Der “Guardian” geht in seiner Analyse allerdings von einer zumindest zweifelhaften Grundannahme aus. Vor einem Jahr noch sei Merkel demnach “als nahezu übermenschlich gepriesen worden”, glaubt die Autorin. 

Die Wahrheit ist: Merkel konnte im Januar 2017 zwar wieder etwas an Beliebtheit zulegen, sieht sich aber spätestens seit der Hochphase der Flüchtlingskrise massiver Kritik von rechts ausgesetzt. Zustimmungswerte von über 50 Prozent sind für Merkel seither eher eine Ausnahme.

Der tiefe Fall, den der “Guardian” zu zeichnen versucht, ist zumindest fragwürdig. Unumstritten ist jedoch ein anderes Urteil: “Merkels Kraft, ein Koalitionsabkommen zu treffen, das ihr passt, ist kleiner geworden.”

“Die Post-Mutti-Ära”

Die Kanzlerin habe vor allem ein Problem. Wie sie AfD-Wähler zurückgewinnen  und gleichzeitig ihrem Geist der offenen Grenzen treu bleiben will, sei “ein Mysterium”. 

Der “Guardian” klammert dabei aus, dass Merkel ihre Flüchtlingspolitik schon spätestens im Herbst 2016 massiv verschärft hat

Mehr zum Thema: Die Obergrenze für Flüchtlinge löst keine Probleme – weil Europa nicht auf die nächste Krise vorbereitet ist

Dennoch beobachten die Briten richtig: Die CDU-Chefin ist so sehr wie vielleicht nie auf ihre konservative Schwesterpartei CSU angewiesen. “Die CSU wird ein größeres Mitspracherecht in der Wirtschaftspolitik verlangen, während die SPD nicht mehr länger dazu geneigt ist, eine Koalition einzugehen, nur um am Regierungstisch zu sitzen.”

In letzter Konsequenz sei es deshalb nicht mehr ausgeschlossen, dass May Merkel im Amt überdauern könnte. 

Die Kanzlerin müsse tief in die Trickkiste greifen, um noch einmal eine erfolgreiche Regierung zu bilden – oder den Weg frei machen.

Für eine “Post-Mutti”-Ära, wie der “Guardian” es nennt. 

(ben)