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Mein Nachbar hat mich als "Kanake" beschimpft und bedroht

Als ich zur Polizei ging, wurde alles noch schlimmer

13/12/2017 10:59 CET | Aktualisiert 13/12/2017 11:46 CET

Es ist nun einige Wochen her. Da ist meiner Tochter und mir etwas passiert, von dem ich dachte, dass es uns nicht treffen würde:

Ein Nachbar beschimpfte uns als “dreckige Scheiß-Kanaken” und drohte uns.

Oben im Video: So alltäglich ist das Thema Rassismus in Deutschland

Der Streit wegen der Chips-Packung

Ich kam mit meiner 16-jährigen Tochter vom Einkaufen nach Hause. Da sahen wir, wie der Mann aus unserer Nachbarschaft eine Pringles-Packung mit einem Rest Chips drin auf die Straße warf und sie zertrat, genau vor unserem Haus.

Ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass sich so etwas nicht gehört.

Er kehrte schimpfend um, packte die Chips wieder in die Rolle und ließ sie auf dem Boden stehen. Ich sagte, er hätte sie auch gleich in den Müll werfen können, und habe sie eben selbst zur Tonne gebracht.

Da schrie er: “Ihr dreckigen Scheiß-Kanaken!” Als ich ihm antwortete, er sei ein rassistisches Arschloch, rannte er auf mich zu und schrie: “Jetzt schlag ich dich!”

In diesem Moment habe ich Angst bekommen. Ich habe wirklich geglaubt, er schlägt mich jetzt. Kurz vor mir stoppte er. Vor lauter Angst weiß ich nicht mehr, was er noch gesagt hat.

Zum Glück hat sich ein anderer Nachbar demonstrativ gut sichtbar auf der anderen Straßenseite positioniert. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was wäre passiert, wenn er nicht da gewesen wäre?

Ich trage kein Kopftuch, lieber Jeans 

Ich bin mit eineinhalb Jahren als Gastarbeiterkind nach Offenbach gekommen, lebe seit mehr als 40 Jahren hier, habe meine Ausbildung bei der Stadt Offenbach gemacht, wo ich noch immer arbeite. Ich trage kein Kopftuch und ziehe am liebsten Jeans an.   

Meine Kinder haben den gleichen Kindergarten besucht wie ich, mein Sohn studiert, meine Tochter besucht das Gymnasium. Weder meine Familie noch ich sind je mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Warum ich so ausführlich meine Familie und mich beschreibe? Um klarzumachen, dass ich mich als vollintegrierte Offenbacherin sehe, mit zwei Heimatländern in der Brust und Migrationshintergrund. Um klarzumachen, warum ich nicht damit gerechnet hatte, dass uns jemand so ablehnen würde.

“Die Polizei kommt nur für die Deutschen”

Aber mit Beschimpfungen, die wir beide wiederholten, war es nicht vorbei.

Ich sagte, dass ich die Polizei rufe, worauf er mit Grinsen im Gesicht sagte: “Die Polizei kommt nur bei Deutschen, nicht für euch.” 

In diesem Moment wusste ich nicht, dass ich bei der Polizei erst einmal tatsächlich keine Hilfe bekommen würde. 

In meinem Kopf schwirrten nur Gedanken herum wie: “Der Pöbler sieht nicht wie ein Nazi aus, hat keine Glatze. Er sieht einfach nur “ganz normal” aus. Ist das braune Gedankengut bis drei Häuser von mir entfernt angekommen? 

Es war der Moment, in dem ich fürchtete, dass ich letztlich machen könnte, was ich wollte. Ich würde immer Menschen begegnen, die nicht mich als Mensch sahen. Sondern nur meine Hautfarbe, meinen Namen.

Wir haben die Nachbarn von uns überzeugt

Mein Mann und ich haben uns vor 15 Jahren eine Eigentumswohnung in Offenbach gekauft. Zuerst wurden wir etwas kritisch aufgenommen. Meine deutschen Nachbarn hatten Angst, dass ihr Eigentum an Wert verliert, wenn “die Türken mit zwei Kindern“ einziehen.

Sie haben dann aber schnell gemerkt, dass wir “ganz normale” Nachbarn sind, die sich, wie alle anderen auch, an Regeln, an die Ruhezeiten halten und nicht mit der ganzen Sippe aufeinander hocken. Und das eine oder andere türkische Gebäck hat zum guten nachbarschaftlichen Verhältnis natürlich auch beigetragen.

Die Polizei schickt uns wieder heim

Nach einer halben Stunde zu Hause und einer Zigarette zur Beruhigung haben wir uns entschieden, bei der Polizei eine Strafanzeige wegen Bedrohung und Beleidigung zu stellen.

Doch im Revier erklärte uns der Beamte, dass die Drohung, mich zu schlagen, keine Straftat sei – weil der Mann ja nicht wirklich zugeschlagen “habe” haben. Die rassistische Beleidigung sei keine -  weil der Mann mich nicht persönlich, sondern alle Ausländer gemeint habe.

Eine Anzeige sei nicht möglich, habe keine Aussicht auf Erfolg. Der Polizist hat mir noch die Broschüre “Das Hessische Schiedsamt“ in die Hand gedrückt und den Hinweis gegeben, dass wir Gebühren für die Schlichtung dort  zahlen müssten. 

Muss jemand erst ein Hakenkreuz an meine Tür schmieren oder mich oder meine Tochter schlagen, damit ich Anzeige erstatten darf?

Das war kein simpler Nachbarschaftsstreit. Das war mehr.

Es war eine rassistische Diskriminierung meiner Person und meiner Tochter. Die Würde des Menschen ist offenbar doch nicht so unantastbar, wie ich dachte.

Ich bin zur Antidiskriminierungsstelle der Stadt Offenbach gegangen. Der ehrenamtliche Beauftragte dort hat dem Polizeipräsidenten geschrieben.

Kurz darauf rief ein Polizist der örtlichen Dienststelle an und sagte, das sei ein Missverständnis gewesen, natürlich dürfe ich Anzeige erstatten. Das habe ich auch getan.

Seither fühle ich mich nicht mehr so alleine gelassen. Und ich möchte mich bei meinem deutschen Nachbarn bedanken, der Zivilcourage gezeigt hat und mich dort nicht alleine gelassen hat.

Trotzdem habe ich Angst. Am liebsten würde ich nicht darüber nachdenken. Aber ich habe eine Tochter. Und wir müssen jeden Tag an seiner Tür vorbei. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

 

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