POLITIK
30/01/2018 21:07 CET | Aktualisiert 31/01/2018 08:18 CET

Vor einem Jahr strandete er in Griechenland, jetzt hilft er dort Flüchtlingen

"Ich sage ihnen: Ich hatte es noch viel schlimmer als ihr – und ich habe auch überlebt."

Josh Groeneveld
Die Menschen im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos brauchen nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch jemanden, der zuhört – wie Mahyar Alami. 
  • Mahyar Alami ist im Februar 2017 als Flüchtling auf der griechischen Insel Lesbos gelandet
  • Ein Jahr später hilft er dort, das Leben der Menschen im berüchtigten Flüchtlingslager Moria zu verbessern

“Man muss die Dinge hinter sich lassen”, sagt Mayhar Alami. Er lächelt dabei. 

Alami hat viel hinter sich gelassen. Er ist 19 Jahre alt und am 19. Februar 2017 in Griechenland als Flüchtling angekommen. “Ich hatte nichts”, sagt Alami – keine Familie, keine Freunde, kein Zuhause. 

Doch statt aufzugeben, hat es der junge Afghane innerhalb von nur einem Jahr geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen – und zugleich vielen anderen Flüchtlingen dabei zu helfen, dasselbe zu schaffen. 

Vom Verstoßenen zum Mutmacher

Alamis Leidengeschichte beginnt im Alter von 13 Jahren. Terroristen köpfen seinen Vater. Sie zwingen den Sohn, dabei zuzusehen. Als Alami sich in den Iran zu seiner Mutter flüchten wollte, verstieß sie ihn, nachdem sie eine Fehlgeburt erlitten hatte.

“Sie sagte, ich würde nur Unglück bringen”, erinnert sich Alami im Gespräch mit der HuffPost. Von da an habe er alleine überlebt. 

Mit 16 habe die iranische Regierung ihn schließlich gezwungen, in den Syrienkrieg zu ziehen, erzählt Alami weiter. Er habe im Lazarett helfen müssen. Nach einigen Monaten habe er beschlossen, zu fliehen – und landete über einen langen Umweg in Griechenland. 

Auch dort nimmt das Leid des Afghanen kein Ende. Auf offener Straße wird er von Anhängern der rassistischen Partei Goldene Morgenröte attackiert. “Sie stachen mit Messern auf mich ein”, sagt Alami. Seine Arme und Beine sind mit Narben übersät. 

Trotzdem schaffte Alami es, sich durch Jobs als Übersetzer für die Flüchtlingsorganisation der UN und später auch für die griechische Luftwaffe eine Existenz aufzubauen. 

Heute arbeitet er auf Lesbos, direkt vor den Toren des gefängnisartigen und hoffnungslos überfüllten Flüchtlingslagers Moria

Tausende Flüchtlinge leben hier auf engstem Raum in dreckig-feuchten Zelten und Containern, die Lebensbedingungen sind katastrophal. Knapp ein Dutzend Helfer von Ärzte ohne Grenzen versucht, die medizinische Versorgung der Menschen zu gewährleisten.

Einer von ihnen ist Alami. Er ist der Vermittler zwischen den Medizinern und Geflüchteten – und für viele derjenigen, die in Moria Not leiden, ist er zu einem echten Mutmacher geworden.

“Schon ein paar Worte können viel erreichen”

Es sind Menschen, denen es hier in Moria an allem mangelt: Verpflegung, Medizin, Perspektiven – und vor allem auch an Würde. 

Viele von ihnen kommen deshalb zur Station von Ärzte ohne Grenzen.

Und zu Alami. Sein offizieller Titel ist der eines “kulturellen Mediators”, erklärt er. In der Praxis heißt das: Der 19-Jährige ist für alle Flüchtlinge der erste Ansprechpartner.

“Die Menschen erzählen mir viel von ihrem Leid”, sagt Alami. “Eine junge Mutter kam zu uns, sie weinte bitterlich. Ihr Kind war auf hoher See ertrunken.”

In solchen Situationen müsse man sehr sensibel sein, sagt der 19-Jährige. Er rede den Menschen dann gut zu, und mache ihnen Mut. Viele fordere er zudem auf, ihr Leben selbst anzupacken

Josh Groeneveld
Ein Leben wie im Gefängnis: Flüchtlinge im Lager Moria auf Lesbos.

“Ich sage ihnen: Ich hatte es noch viel schlimmer als ihr – und ich habe auch überlebt”, sagt Alami. “Schon ein paar Worte können viel erreichen.” 

Die Menschen in Moria hätten große Probleme. Sie seien aber eben auch nach Europa gekommen, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen. “Ich mache ihnen klar, dass sie dafür selbst etwas tun müssen”, betont Alami. 

Er berichtet von dem Fall einer jungen Frau, die in Panik zu ihm gekommen sei. Sie habe Angst um die Sicherheit ihrer Kinder gehabt und es in Moria nicht mehr ausgehalten. 

“Ich sagte ihr, sie dürfe nicht aufgeben und müsse für die Zukunft ihrer Kinder kämpfen”, erzählt Alami. “Drei Wochen später kam sie wieder und umarmte mich vor Freude. Sie hatte es geschafft, dass ihre Familie bald nach Athen reisen darf.”

“Niemals aufgeben” 

Es seien diese Begegnungen, die ihn motivierten, sagt Alami. Sie würden ihm klar machen, dass er etwas Gutes mit seiner Arbeit tue. 

Alami hebt dabei einen Moment besonders hervor. “Der hat uns allen unheimlich viel Energie gegeben, weiter zu machen”, sagt er. Eine afghanische Familie habe den Mitarbeitern von Ärzten ohne Grenzen einen Brief geschrieben. 

“Sie haben uns gedankt, dass wir ihnen geholfen haben und sich entschuldigt, dass sie uns nichts zurückgeben können, außer diesem Brief”, erzählt Alami. “Sie haben geschrieben, dass sie sich auch für Menschen einsetzen wollen. So wie wir.” 

Als er den Brief übersetzt habe, sagt Alami, habe er geweint. Eigentlich, fügt er hinzu, tue er das nie. Seine Gefühle behalte er lieber für sich.

“Man muss stark sein”, sagt der ehemalige Flüchtling. “Und darf niemals aufgeben.”  

Wenn ihr die Arbeit von Mahyar Alami und Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos und in Griechenland unterstützen wollt, könnt ihr das unter diesem Link mit einer Spende tun. 

Dieser Artikel ist Teil einer HuffPost-Serie über die Arbeit von Flüchtlingshelfern auf Lesbos. Den ersten Teil der Reportage-Reihe lest ihr hier: 

► Die wahren Europäer: Wie Aktivisten auf Lesbos da helfen, wo die Politik versagt

(ll)