POLITIK
18/01/2018 12:55 CET | Aktualisiert 19/01/2018 08:44 CET

Liebe Eltern, schimpft nicht auf die Politiker – ihr seid schuld an der Schulmisere!

Was hättet ihr verloren, wenn euer Kind in einer besseren Welt statt mit einem besseren Lebenslauf aufwächst?

AFP
Französisch-Unterricht in einer Grundschule. 

Liebe Eltern

Ihr wisst es. Ich weiß es. Alle wissen es.

Im deutschen Bildungssystem läuft seit Jahrzehnten ganz grundsätzlich etwas schief. Die Probleme sind für alle sichtbar, doch niemand scheint den Mut zu haben, dagegen etwas zu unternehmen.

► Wer in Deutschland aus einer Akademikerfamilie kommt, hat dreimal höhere Chancen auf ein Uni-Studium als ein gleichaltriges Arbeiterkind.

► Das gleiche Akademikerkind hat gar eine zehnmal höhere Chance auf den Abschluss einer Promotion als ein Spross aus dem bildungsfernen Milieu.

► Jedes Jahr produziert unser Bildungssystem sechs Prozent Schulabbrecher. Oder, mit anderen Worten: Knapp 50.000 junge Menschen werden in ihrem künftigen Leben nur sehr eingeschränkte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Wir produzieren jedes Jahr Ungerechtigkeit

Wir leisten uns ein Schulsystem, dass den Riss zementiert, der ohnehin schon durch Deutschland geht und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in dieser Republik gefährdet.

Wir arbeiten daran, jedes Jahr aufs Neue Ungerechtigkeit zu produzieren.

Manche Dinge haben sich zuletzt scheinbar verbessert. So machen heute mehr Kinder aus dem Arbeitermilieu Abitur als noch vor 15 Jahren. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn die Zahl der Abiturienten ist insgesamt gestiegen. Wir leben in Zeiten der zweiten Bildungsexpansion.

Leider haben in der gleichen Zeit – besonders im großstädtischen Bereich – viele Eltern aus dem bildungsbürgerlichen Milieu angefangen, sich ihre eigenen kleinen Inseln im Bildungsbetrieb zu schaffen.

Wenn Bionadetrinker zu Reaktionären werden

Wo früher nur das Abitur als Ausweis eines elitären Bildungswegs war, muss es heute das Abitur an einer Privatschule sein. Oder zumindest an einer öffentlichen Schule, an der möglichst wenig Schüler mit Migrationshintergrund lernen.

Das ist sogar in Prenzlauer Berg Realität – jener Bezirk in Berlin also, den der CSU-Politiker Alexander Dobrindt mit seiner “konservativen Revolution” beglücken will. Wenn es um die eigenen Söhne oder Töchter geht, werden selbst aus Bionadetrinkern ziemlich schnell Reaktionäre.

Liebe Eltern

Ihr seid es, die diesen marktradikalen Wettbewerb um die besten Chancen anzettelt. Vielleicht, weil Ihr nur das Beste für Eure Kinder wollt. Manchen von Euch dürfte es aber auch um das eigene Ansehen gehen, als Manager der frühen Karrieren Eures Nachwuchses.

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Für Arbeiterkinder ist Karriere machen immer noch schwer

Dieser Wettbewerb setzt sich für Eure Kinder im Erwachsenenalter fort. Wo früher bei einem Hochschulabschluss nach dem Fach gefragt wurde, steht heute die Uni im Mittelpunkt, an der dieser Abschluss erworben wurde.

Wer in Gießen, Hannover oder Halle studiert, genießt nicht das gleiche Prestige wie jene, die in Paris, Oxford oder Cambridge lernen.

► Besonders für jene, die nicht mit den besten Ausgangsvoraussetzungen in diesen Wettbewerb um Anerkennung und berufliche Chancen gegangen sind, rennen in diesem System stets hinter der ausgestreckten Karotte her, ohne je eine wirkliche Chance zu haben, sie auch zu bekommen.

Man sagte den Arbeiterkindern einst, dass sie Abitur machen sollten, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben. Als immer mehr Arbeiterkinder Abitur machten, sagte man ihnen, dass sie ohne Uni-Abschluss nichts werden können. Und heute sagt man ihnen, dass sie eben an der richtigen Uni studieren müssten.

Was Chancengleichheit schaffen würde, ist bekannt

Eigentlich müssten wir unser Schulsystem radikal umkrempeln. Vielleicht wäre es ein Anfang, dass alle Schüler, egal wie begabt, bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Es gibt genügend Studien, die belegen, dass so die Chancengleichheit steigt.

Das Geld, das bisher für Eliteförderung ausgegeben wurde, sollte in die Förderung jener gesteckt werden, die Gefahr laufen, den Schulabschluss zu verpassen.

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Wenn wir im Jahr auch nur die Hälfte der knapp 50.000 Schulabbrecher durch gezielte Fördermaßnahmen vor der sehr wahrscheinlichen Arbeitslosigkeit infolge geringer Qualifikation bewahren könnten, wäre der gesellschaftliche Gesamtnutzen größer, als wenn Leonie und Friedrich nach dem Klarinettenunterricht auch noch die Möglichkeit bekommen, Cello spielen können.

Dann müsstet Ihr aber endlich mitspielen, liebe Eltern. Viele Veränderungen fangen im Kleinen an. Und die Politik wird es kaum wagen, gegen Euren Willen etwas zu verändern.

Bessere Welt statt besserer Lebenslauf

Was spräche dagegen, das Wohl des eigenen Kindes nur ein bisschen zurückzustellen, wenn dadurch die Gemeinschaft profitiert?

Was hättet Ihr denn verloren, wenn Euer Kind in einer besseren Welt statt mit einem besseren Lebenslauf aufwachsen würde?

Klingt Euch zu idealistisch?

Dann fragt Euch mal, woher Eure Angst kommt, wenn Euer Kind das nächste Mal an einem vermeintlichen Brennpunkt unterwegs ist.

Denn wer sich der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft verweigert, der muss sich auch nicht wundern, wenn dieses Land am Ende zu einem hässlichen Ort wird.