POLITIK
27/01/2018 22:11 CET | Aktualisiert 27/01/2018 23:59 CET

Folter und Vergewaltigungen: Wie die EU-Flüchtlingspolitik in Libyen versagt

“Mein Freund starb direkt vor meinen Augen an den Elektroschocks.”

MAHMUD TURKIA via Getty Images
Migranten in der libyschen Wüstenstadt Bani Walid.
  • Die EU verspricht in einem aktuellen Report, dass das oberste Ziel ihrer Flüchtlingspolitik in Libyen sei, Migranten zu schützen
  • Ein Blick auf die Realität in Libyen offenbart das als heuchlerisches Versagen 

Es ist fast genau ein Jahr her, da wurde ein interner Bericht aus dem Auswärtigen Amt über die Lage von Flüchtlingen in Libyen publik. Von “Exekutionen, Folter und Vergewaltigungen” war darin die Rede. Und von “KZ-ähnlichen Zuständen”

Eine Woche später einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf einen Zehn-Punkte-Plan für eine gemeinsame Flüchtlingspolitik. Das wichtigste Ergebnis darin: Libyen soll als Partner die europäische Außengrenze schützen. 

Wie Libyen das seit zwölf Monaten tut, macht nun ein Bericht des Nachrichtenportals “Al Jazeera” klar – nämlich weiterhin mit Exekutionen, Folter und Vergewaltigungen.

Erst versklavt, dann misshandelt

“Mein Freund starb direkt vor meinen Augen an den Elektroschocks”, sagt der 18-jährige Sami aus Eritrea. “Er floh mit mir und wir überlebten die Reise durch die Wüste, nur, damit er nun hier als Sklave sterben musste.” 

Sami wurde laut “Al Jazeera” an der libyschen Grenze festgenommen, nachdem er es über Äthiopien, den Sudan und den Tschad dorthin geschafft hatte. Aus den Händen tschadischen Schmuggler geriet er in die Fänge libyscher Sklaventreiber. 

Er sollte ihnen Geld zahlen. Geld, das er nicht hatte. “Also hängten sie mich kopfüber, sie schlugen mich wie wild und versetzten mir Stromschläge”, berichtet Sami. “Sie riefen meine Mutter an, damit sie meine Schreie hören konnte.” 

Mehr zum Thema: Was ich als Arzt in Libyen in einem Gefangenenlager für Flüchtlinge erlebt habe

Monatelang musste der 18-Jährige danach in einem schmutzigen Container ausharren – zusammen mit 320 anderen Flüchtlingen und einer Toilette. Die Frauen im Container wurden regelmäßig von den libyschen Wärtern vergewaltigt, wie er sagt.

“Das war das schlimmste Gefühl, dass ich je hatte”

Von ähnlichen Grausamkeiten berichtet 24-jährige Yonathan. Auch er wurde von Schmugglern gefangen genommen und gefoltert. “Sie schlugen mich zusammen, bis ich Blut im Urin und im Stuhl hatte”, sagt Yonathan zu “Al Jazeera”. 

Wie bei Sami verlangten die Schmuggler von Yonathan Geld, damit er weiter reisen dürfte. Und wie Sami besorgte Yonathan es irgendwie – über Verwandte und Freunde in Eritrea, die sich für die beiden verschuldeten. 

Er sei zum Sklaven geworden, sagt Yonathan. “Das war das schlimmste Gefühl, das ich je hatte.”

Aber, so berichten es sowohl Sami als auch Yonathan im Gespräch mit “Al Jazeera”, zurück in ihre Heimat wollten sie trotz der schlimmen Lage in Libyen nicht.

► Doch genau dorthin will die EU Menschen wie Sami und Yonathan hinbringen. 

Mehr zum Thema: “Tagesthemen”-Kommentator rechnet mit der EU-Flüchtlingspolitik ab

“Es ist in Ordnung, wenn ich auf See sterbe”

So vereinbarten es der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einem Hinterzimmer-Treffen auf dem Afrika-Gipfel im November

Die EU will in Libyen demnach sogenannte “Rückkehrhilfen” finanziell unterstützen. Wer als Wirtschaftsflüchtling gilt – und so stuft die Union den allergrößten Teil der Flüchtlinge in Libyen ein –, wird in seine Heimat abgeschoben. 

► 15.000 Flüchtlinge sollen so aus Libyen wieder nach Zentralafrika gebracht werden. 

Für Sami und Yonathan wäre das ein Alptraum. 

“Es ist in Ordnung, wenn ich auf See sterbe”, sagt der 18-Jährige zu “Al Jazeera”. “Das ist besser als die Hölle in Libyen oder die Hölle, die auf mich in Eritrea wartet.”  

Yonathan sagt: “Der Gedanke, nach Eritrea zurückzumüssen, ist wie der, in ein anderes, größeres Gefängnis zu kommen. Wenn ich dorthin gegen meinen Willen zurückmuss, würde ich wieder versuchen, dort wegzukommen.” 

Käme Yonathan dann noch einmal in Libyen an, würde er wohl nochmals abgeschoben. Oder in einem libyschen Foltergefängnis landen. Vielleicht würde er aber auch in der Sahara sterben. Oder im Mittelmeer. 

Diese Alternativen sieht die derzeitige EU-Flüchtlingspolitik für Libyen vor. Zu der heißt es übrigens in einem aktuellen Bericht des Auswärtigen Dienstes der Europäischen Union: “Unsere größte Priorität ist es, die Migranten in Libyen zu schützen.” 

(sk)