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31/01/2018 15:40 CET | Aktualisiert 01/02/2018 11:59 CET

Tausende Flüchtlinge auf Lesbos leben im Elend – ein Lager zeigt, dass es anders geht

Eine Geschichte aus zwei Welten.

Josh Groeneveld
Das düstere Moria und das bunte PIKPA – zwei Flüchtlingslager wie Tag und Nacht. 
  • Lesbos ist eines der Epizentren der europäischen Flüchtlingskrise 
  • Wie groß die Not der Menschen ist und wie unterschiedlich damit umgegangen wird, zeigt sich in den zwei Lagern Moria und PIKPA

Mitten auf Lesbos, eine kleine Reise nordwestlich von der Inselhauptstadt Mytilene, geht die malerische griechische Hügellandschaft in Matsch, Müll und Stacheldraht über. 

Über Teilen des Flüchtlingslagers Moria steigt stickiger Rauch auf, die Wege im Camp sind staubig und voll von Schutt und Geröll. Vor dem Haupteingang lungern teilnahmslos wirkende Polizisten und Soldaten herum. In den Wassergräben und Wiesen um den gefängnisartigen Komplex liegen Plastikflaschen voll gelber Flüssigkeit. Es stinkt nach Urin. 

Fast 6000 Flüchtlinge leben in Moria – mehr als dreimal so viele, wie das Lager eigentlich beherbergen kann. Die Stimmung in den Zelten und Containern ist lethargisch, die meisten Lebenszeichen geben die vielen kleinen Kinder von sich, die im Dreck mit Abfall spielen.  

Josh Groeneveld
Kinderlachen ist eines der wenigen schönen Dinge im Lager Moria. 

Ganz anders ist das im Flüchtlingscamp PIKPA. Dorthin gelangt man über eine Straße entlang der Ostküste, von der man über das glitzernde Wasser hinweg die Berggipfel in der nicht fernen Türkei sehen kann. 

Das Lager selbst ist klein, 87 aus dem Nahen Osten, dem Maghreb und Zentralafrika geflohene Menschen leben hier. Alles in PIKPA ist bunt: Die Häuschen, die Bäume, alles wurde dekoriert. Flüchtlinge und Helfer essen, arbeiten und verbringen ihre Freizeit hier gemeinsam.

Sie organisieren gemeinsam das Zusammenleben – ohne Gelder der EU, auf Spendenbasis.  

► Es ist der komplette Kontrast zum unmenschlichen Lagerleben in Moria – ein Kontrast, der zeigt, wie sehr die EU bei ihrem Umgang mit Geflüchteten auf Lesbos versagt.

“Ich mache hier nichts, den ganzen Tag nichts”

Denn Moria, das ist die auf Lesbos wirklich gewordene Flüchtlingspolitik Europas. Seit dem Türkei-Deal werden Geflüchtete, die die Insel erreichen, hier festgesetzt. Die Menschen verbringen Monate des Wartens in Ungewissheit und Elend. 

So wie Levi, ein junger Mann aus Kinshasa, der von Gewalt heimgesuchten Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. “Ich mache hier nichts”, sagt er der HuffPost auf die Frage, wie er seine Zeit in Moria verbringt. “Den ganzen Tag nichts.” 

Josh Groeneveld
Warten ist in Moria eine Hauptbeschäftigung. 

Levi erzählt, dass er schon 13 Monate in Moria festsitze. “Ich bin krank”, sagt er. Im Kongo sei er schwer gefoltert worden. “Seitdem ist mein Arm paralysiert, es ist schwer, meine Finger zu bewegen.” Auch einen Teil seines Augenlichts habe er verloren. 

Mehr zum Thema: Mord, Folter, Vergewaltigungen: Wie die EU-Flüchtlingspolitik in Libyen versagt

Levi hält es in Moria nicht mehr aus. Eigentlich will er weiter reisen, auf das griechische Festland. “Aber: Immer Probleme mit den Papieren”, sagt er und wirft die Arme in die Luft. 

In Moria ist Levi nur eine Zahl. Einer von so und so vielen tausend Menschen, die abgefertigt werden müssen. Die Asylverfahren sind langsam, Aktivisten berichten davon, dass sie Jahre dauern können. 

Josh Groeneveld
Eine Frau laust in Moria ein Kind. 

Das ist in PIKPA nicht anders. Auch hier warten die Bewohner des Camps darauf, dass die EU über ihre Zukunft entscheidet, auch hier herrscht Ungewissheit während des langen Wartens. 

Aber, so berichten es die Helfer vor Ort, statt die Menschen sich selbst zu überlassen, werde in PIKPA versucht, ihnen ein Leben aufzubauen. 

“Hier geht es um Respekt”

Einer dieser Helfer ist der Norweger Knut, der seit Anfang Dezember in PIKPA aushilft. 

Knut heißt mit vollem Namen Knut Bry, er ist 71 und ein weltbekannter und preisgekrönter Fotograf aus Norwegen. Im vergangenen Jahr landete er durch Zufall in PIKPA – und kommt seitdem immer wieder, um zu helfen. 

“Hier geht es um Respekt, es gibt kein ‘Wir gegen die’”, sagt er der HuffPost über sein Engagement in dem kleinen Flüchtlingscamp. Er wolle hier den Menschen mit Anstand begegnen, dafür sorgen, dass sie nicht nur elendig warten müssen. 

Von Moria und der dahinter stehenden EU-Politik ist er angewidert. “Sie wollen die Menschen brechen”, sagt Bry, “immer weiter, selbst wenn sie schon längst zerbrochen sind.” In PIKPA werde den Flüchtlingen dagegen als Mensch begegnet, “es geht um Solidarität.” 

Josh Groeneveld
Ein Star-Fotograf als Koch: Knut Bry in der Gemeinschaftsküche im Camp PIKPA.

Und: Um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. 

Einer der vielen weiteren Freiwilligen in PIKPA, der Ire Cian O’Cuirk, erklärt, wie das funktionieren soll. Alle Geflüchteten seien angehalten, Englisch oder Griechisch zu sprechen und sich mit der europäischen Kultur vertraut zu machen.

Sie müssen und sollen im Camp zudem Verantwortung und Aufgaben übernehmen. 

Das bringe die Menschen in PIKPA enger zusammen, sagt O’Cuirk der HuffPost: “Viele der Bewohner sehe ich als Kollegen oder sogar Freunde.”

Und: Das schaffe Erfolge. 

O’Cuirk berichtet von einer Familie, die bei der Ankunft im Camp vorhatte, weiter nach Deutschland oder Frankreich zu reisen. Mittlerweile habe der Vater einen Job in Mytilene, die Familie wolle sich nun auf Lesbos ein Leben aufbauen. 

Licht am dunklen Abgrund 

Nicht allen Menschen in PIKPA gelingt das. Der graue Alltag holt die bunte Realität des Camps immer wieder ein. 

Da gibt es Geschichten von Geflüchteten und Freunden, die abgeschoben wurden, die von der Polizei verhaftet wurden, weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde, die es nach Deutschland schafften, nur um dort zu scheitern und wieder nach Lesbos zurückzukehren. 

Vor der Ungewissheit, die die EU-Politik den Flüchtlingen auf Lesbos aufzwingt, kann auch PIKPA diese nicht uneingeschränkt schützen. Das Projekt ist ein optimistischer Mikrokosmos in einem tristen Ganzen.

Aber: Es versucht, den Menschen ein wenig ihrer Würde zurückzugeben. 

In Moria, der verwahrlosten und chaotischen Massenunterkunft, kann davon keine Rede sein. Die Helfer, die sich um das Lager versammeln, leisten einen verzweifelten Kampf gegen die Not der Menschen. 

Etwa die Krankenschwester Katarina, die für Ärzte ohne Grenzen Familien und Kinder versorgt. “Die Patienten sind alle wahnsinnig angespannt”, sagt sie der HuffPost. “Ich habe nicht das Gefühl, dass ich sie richtig behandeln kann. Ich verschaffe ihnen nur eine Art Entlastung.” 

Josh Groeneveld
"Mein Sohn lebt, weil es dich gibt", sagte ein junge Mutter aus Moria Katarina einmal. Sie sagt: "Das ist es, was diese Arbeit für mich so wertvoll macht." 

Katarina berichtet von der sexuellen Gewalt im Camp, von der verängstigten Stimmung der Familien, die teilweise mit 20 Menschen in einem Container hausen.

“Die Menschen hier haben es wirklich schwer”, sagt sie. “Ich bin froh, wenn ich hier wenigstens einen kleinen Unterschied machen kann.” 

► Auf viel mehr können die Flüchtlinge in Moria auch nicht hoffen.

Die EU macht derzeit keinerlei Anzeichen, ihre Flüchtlingspolitik im Sinne der Geflüchteten zu reformieren und die besonders auf Lesbos so folgenreiche Abschottungs- und Internierungspolitik zu beenden. Gespräche über eine Verteilung der ankommenden Menschen auf alle Mitgliedsländer sind zuletzt gescheitert

Derweil kommen jeden Monat hunderte neue Flüchtlinge auf Lesbos an. Auf ein Leben im Camp PIKPA können die wenigsten hoffen. Die meisten werden stattdessen in Moria landen. 

Wo es für viele der Bewohner nicht einmal Strom oder warmes Wasser gibt. Wo es so dreckig ist, dass Mütter ihre Kinder lausen müssen und die Krätze ausgebrochen ist. Wo Ärzte Kinder ins Krankenhaus schicken, weil deren Erkältungen ihr Leben gefährden. 

Wo auf die Menschen nur Matsch, Müll und Stacheldraht warten – und die EU ihre eigenen Werte mit Füßen tritt. 

Wenn ihr die Arbeit der Menschen und Geflüchteten in PIKPA unterstützen wollt, könnt ihr das unter diesem Link mit einer Spende tun. 

Wenn ihr die Arbeit der Krankenschwester Katarina und von Ärzte ohne Grenzen im Lager Moria unterstützen wollt, dann klickt diesen Link.

Dieser Artikel ist Teil einer HuffPost-Serie über die Arbeit von Flüchtlingshelfern auf Lesbos. Die ersten beiden Reportagen der Serie könnt ihr hier lesen:

► “Welcome to Europe ist zum Witz geworden”: Was Aktivisten auf Lesbos motiviert, Flüchtlingen zu helfen

► Vor einem Jahr strandete er in Griechenland, jetzt rettet ein junger Afghane auf Lesbos Flüchtlinge

(lp)