POLITIK
01/02/2018 22:03 CET | Aktualisiert 02/02/2018 20:04 CET

Wie die Bewohner auf Lesbos mit der Flüchtlingskrise auf ihrer Insel umgehen

"Die Balance hier ist zerstört. Aber auch die Flüchtlinge haben eine Balance verdient."

Josh Groeneveld
Der griechische Bauer Vasili inmitten seiner abgeschlachteten Schafe. 
  • Etwas mehr als 86.000 Menschen leben auf Lesbos, zusammen mit rund 8000 Geflüchteten
  • Viele der Inselbewohner sind wegen der Flüchtlingskrise wütend – und doch herrscht auf Lesbos eine Stimmung des Wohlwollens

Blut und Fliegen übersähen den Boden unter den Stiefeln des griechischen Bauern Vasili.

Die Sonne brennt auf über ein Dutzend Kadaver nieder, die um ihn herum verstreut liegen. Ihnen wurden die Köpfe und Füße abgeschnitten, übrig geblieben sind nur noch das Fell und die aufgeblähten Eingeweide. 

Vasilis Schafweiden und Olivenhaine liegen auf Lesbos, direkt westlich von Moria, dem verwahrlosten Flüchtlingslager, das von innen und außen wie ein Gefängnis wirkt. 

Jede Nacht, erklärt der alte Grieche der HuffPost, würden sich Menschen aus dem Lager auf seine Ländereien schleichen. “Sie schlachten meine Schafe ab”, sagt Vasili. Dabei fährt er sich mit der Hand über den Hals. “Sie ziehen ihnen das Fleisch von den Knochen, den Rest lassen sie hier liegen.” 

Er senkt den Blick auf eines der Tiere, das in einer noch frischen Blutlache liegt. “Sie ruinieren mich”, sagt er. 

Wut ringt mit Verständnis

Es ist ein Gefühl, das auf Lesbos bei vielen Menschen wahrzunehmen ist – auch, wenn die meisten von ihnen nicht so direkt von der Flüchtlingskrise betroffen sind wie Vasili. 

Da sind die Passanten, die den bettelnden Flüchtlingsgruppen am Hafen verächtliche Blicke zuwerfen. Da sind die Bar- und Restaurantbesitzer, von denen Flüchtlingshelfer berichten, dass sie keine Migranten in ihre Geschäfte lassen wollen. 

Da ist der Taxifahrer, der behauptet, dass es früher auf Lesbos keine Verbrechen gegeben habe und erst mit den Flüchtlingen Drogen, Prostitution und Gewalt auf die Insel gekommen seien.  

Josh Groeneveld
Die Innenstadt von Mytilene, der Hauptstadt von Lesbos. 

► Doch es ist eine stille Wut.

Eine, die sich nicht direkt gegen die Flüchtlinge richtet, die auf der Insel festgehalten werden – sondern vor allem gegen das politische System. Denn es ist die Politik, die die Ungewissheit und das Leid der Flüchtlinge zur Last der Bewohner von Lesbos gemacht hat.

Es ist außerdem keine blinde Wut, die in den Gesprächen mit den Menschen auf der Insel auflodert. Sondern eine Wut, die mit dem Verständnis für das Leid der Flüchtlinge ringt.

So auch bei Vasili. 

Mehr zum Thema: Mord, Folter, Vergewaltigungen: Wie die EU-Flüchtlingspolitik in Libyen versagt

“Die bleiben unter sich genervt, kein Problem”

Das lässt sich beobachten, als der Schafshirte und Olivenfarmer auf einem gegenüberliegenden Hang eine kleine Gruppe von Geflüchteten entdeckt. 

Zunächst wird Vasili rasend. Er brüllt den Eindringlingen über die Landschaft hinweg in einer Mischung aus Englisch und Griechisch zu, dass sie sofort verschwinden sollen. Dann stapft er wutentbrannt los. 

Doch bei der Gruppe angekommen, bricht kein Streit aus. Auf einmal diskutiert Vasili ruhig, er erklärt der Familie, die es sich auf einer Decke gemütlich gemacht hat, dass sie seine Sachen nicht anrühren dürfen. Selbst mit einem Trunkenbold, der sich dazu gesellt, hat er Geduld. 

Genau das macht auf Lesbos den Umgang mit den Geflüchteten aus: Ruhe und Geduld.

“Wir haben viele Menschen hier, die wegen der Flüchtlingssituation extrem genervt sind”, sagt Jula, ein Mitarbeiter des Flüchtlingszentrums Mosaik in Lesbos’ Hauptstadt Mytilene der HuffPost. “Aber: Die bleiben unter sich genervt, das ist kein Problem.” 

Auf anderen griechischen Inseln habe es in der Vergangenheit schon Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben. “Hier passieren solche radikalen Dinge nicht”, sagt Jula. 

Eine Frage der Balance

Glaubt man der Sozialpädagogin Katerina Varela, könnte das an einer Eigenart der Bewohner von Lesbos liegen. Varela arbeitet in einem Projekt des Flüchtlingscamps PIKPA, in dem die Kinder von Griechen und Flüchtlingen gemeinsam in den Kindergarten gehen. 

Sie sagt, auf Lesbos gäbe es eine besondere Art, mit Problemen umzugehen: Die Leute seien schlichtweg stoisch. “Die Dinge werden gesagt und dann werden sie getan.” 

Josh Groeneveld
Ein Bewohner des Flüchtlingscamps Moria füttert vor dessen Toren zwei Pferde. 

Im Umgang mit den festsitzenden Flüchtlingen zeigt sich dieser Pragmatismus der Menschen auf Lesbos deutlich. Die Neuankömmlinge auf der Insel werden im Grunde einfach hingenommen.

► Wut und Wohlwollen gegenüber den Geflüchteten wechseln sich ab. Ohne, dass die eine oder andere Emotion die Oberhand gewinnen würde.

Es ist ausgerechnet der massige Taxi-Fahrer, der sich so über die angebliche Kriminalität der Flüchtlinge aufgeregt hatte, der dieses Gemüt der Einwohner von Lesbos auf den Punkt bringt. 

“Wir hatten hier eine Balance”, sagt er ernst. “Die haben sie uns kaputt gemacht.” 

Und dann fügt er hinzu: “Aber diese Menschen, die haben auch eine Balance verdient. So wie wir. ” 

Dieser Artikel ist Teil einer HuffPost-Serie über die Arbeit von Flüchtlingshelfern auf Lesbos. Die ersten beiden Reportagen der Serie könnt ihr hier lesen:

► “Welcome to Europe ist zum Witz geworden”: Was Aktivisten auf Lesbos motiviert, Flüchtlingen zu helfen

► Vor einem Jahr strandete er in Griechenland, jetzt rettet ein junger Afghane auf Lesbos Flüchtlinge

Tausende Flüchtlinge auf Lesbos leben im Elend – ein Lager zeigt, dass es anders geht

(ll)