POLITIK
11/01/2018 18:09 CET | Aktualisiert 12/01/2018 10:54 CET

In Berlin zeigt sich, warum unser Schulsystem bald zusammen brechen könnte

“Ich bin mir sicher, dass die Schüler die Quittung dafür bekommen”.

Hannibal Hanschke / Reuters
Überfüllte Klassenzimmer und Lehrermangel - für viele Schüler in Deutschland Alltag. 
  • Anfang des Schuljahres 2016 herrschte in Berlin enormer Lehrermangel
  • In letzter Minute konnten die freien Stellen noch besetzt werden: mit fachfremden Quereinsteigern

Wenn pensionierte Lehrer wieder schuften müssen und Surflehrer Kindern Mathe beibringen, ist das ein sicheres Anzeichen dafür, dass in einem Schulsystem etwas falsch läuft. 

Doch genau das passiert. Mitten in Deutschland, in Berlin. 

In Deutschlands Hauptstadt fehlten vor Beginn dieses Schuljahres so viele Lehrer wie noch nie. Das berichtet die Online-Nachrichtenseite “Die Welt”. 

Zwar konnten die rund 3000 fehlenden Stellen noch rechtzeitig besetzt werden, aber von den neu eingestellten Lehrern sind 40 Prozent Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung.

Lehrerverband: 60 Prozent der Grundschullehrer sind Quereinsteiger

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, kennt den Grund für die Notlage. “Die Hauptursache für den starken Lehrermangel ist, dass der Geburtenanstieg unterschätzt wurde, da die Kultusministerin die Statistiken so schleppend angeglichen hat.”

Demnach ist die sachgerechte Ausbildung der deutschen Schülerinnen und Schüler vor allem ein administratives Problem. 

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Das beginnt schon in der untersten Schulstufe: In Berlin seien 60 Prozent der Grundschullehrer Quereinsteiger, warnt Meidinger.

“Dasselbe Problem haben wir in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Da kann das System zusammenbrechen.”

Denn bis eine Lehrkraft voll ausgebildet ist, dauert es Jahre. 

Surflehrer und Heilpraktiker als Lösung für den Lehrermangel

“Wenn Quer- und Seiteneinsteiger entsprechend ordentlich nachqualifiziert werden, ist das in Ordnung”, sagt Meidinger. “Es ist aber ein Irrglaube, dass Naturbegabung ausreicht, um Lehrer zu werden.”

“In manchen Bundesländern, zum Beispiel in Berlin, werden Quereinsteiger zu schnell eingesetzt”, warnt Meidinger. Man setze dort darauf, dass ein paar Zusatzstunden ausreichen, um die Aushilfslehrer komplett auszubilden. 

Wessen Abschluss zu berufsfremd ist, kann nicht damit rechnen, eine Festanstellung als Lehrer zu bekommen.

Allerdings ist ein passender Abschluss für den Beruf des Vertretungslehrers weitaus unwichtiger. So könnte es auch als Surflehrer oder Heilpraktiker möglich sein, Kinder zu unterrichten. 

“Ich bin mir sicher, dass die Schüler die Quittung dafür bekommen”, meint Meidinger. Doch so viele bessere Lösungen gibt es nicht.

Überall in Deutschland unterrichten pensionierte Lehrer

In vielen Bundesländern werden inzwischen pensionierte Lehrer wieder aus der Rente geholt. 

Lehrerpräsident Meidinger geht sogar davon aus, dass in fast jeder Schule in Deutschland, zumindest in allen weiterführenden Schulen, pensionierte Lehrkräfte einspringen müssen. 

“Ich sehe das nicht dramatisch. Sie sind erfahren, man kann sie bedenkenlos
einsetzen. Diese Leute unterrichten gerne”, so Meidinger. 

Den Lehrermangel nachhaltig beseitigen - das können pensionierte Lehrer allerdings nicht. 

“Das Problem ist, dass die meisten pensionierten Beamten nicht mehr verdienen dürfen als in ihrer aktiven Zeit”, sagt der Lehrerpräsident. 

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Das heißt, sie könnten maximal fünf oder sechs Stunden pro Woche unterrichten. Die sogenannte Kappungsgrenze besage, dass alles, was über den bisherigen Verdienst geht, vom Staat einbehalten wird.

Pensionierte Lehrer können das Problem also nur begrenzt lindern. 

Der deutsche Lehrerverband fordere deshalb die Bundesländer auf, diese Regelungen zu ändern.

“Um gerade in Notsituationen mehr pensionierte Lehrkräfte gewinnen zu können”, so der Lehrerpräsident

Das Problem wird also erkannt und angegangen. Doch wenn wir verhindern wollen, dass das deutsche Schulsystem zusammenbricht, dann ist das auch höchste Zeit. 

(jz)

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