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Ein Brief an meinen Lehrer: Sie haben mein Leben gerettet, mit nur einer Frage

Sie werden sich wohl nicht an mich erinnern, aber vor 26 Jahren haben Sie wahrscheinlich mein Leben gerettet.

03/01/2018 12:39 CET | Aktualisiert 16/01/2018 17:40 CET

Lieber Herr Powell,

Sie werden sich wohl nicht an mich erinnern, aber vor 26 Jahren haben Sie wahrscheinlich mein Leben gerettet.

Damals war ich ein Brille tragender, eigenartiger, 14-jähriger Teenager. Während die meisten meiner Altersgenossen heimlich selbstgedrehte Zigaretten bei den Fahrradständern rauchten, Sport machten oder Mädels hinterher jagten, war ich eher still und zurückgezogen.

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Damals trat die Depression in mein Leben und stellte es mit ihrer zerstörerischen Kraft völlig auf den Kopf. Ich kam nicht gut mit den anderen zurecht, den Großteil meiner Freizeit verbrachte ich alleine.

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Ich grübelte ständig über alles Mögliche nach und war frustriert darüber, nicht dazuzugehören.

Psychische Probleme, gepaart mit einer Kleinstadtmentalität

Die meisten würden wohl sagen, dass dies eine “schwierige Phase” der Pubertät war – die ganzen Hormone, die durch den Körper flogen, Haare, die an eigenartigen Stellen wuchsen, und die plötzliche Erkenntnis, Mädchen seien eigenartige, unlösbare Mysterien anstatt normale Menschen.

Kein Wunder, dass ich mich ein bisschen komisch fühlte!

Für mich war es aber schlimmer als einfach nur der Verlust meiner Unschuld.

Ich wuchs in den 80er Jahren auf und war somit Teil einer Generation von Kindern, die in ihrer emotionalen Entwicklung wenig Unterstützung erhielten.

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Unsere Eltern waren geradezu stoisch. Sie hatten keine Zeit für Dummheiten wie Gefühle. Wenn du ein Problem hattest, musstest du selbst damit zurechtkommen. Wenn das nicht klappte, stimmte mit dir offensichtlich etwas nicht und du wurdest schnell zum Opfer von Lästereien und Spott.

Psychische Probleme, gepaart mit einer Kleinstadtmentalität, waren nicht nur Grund für schiefe Blicke – die Probleme wurden aktiv beiseite geschoben.

Depressiv, ohne wirklich zu wissen, was Depressionen sind

Da war ich also, depressiv, ohne wirklich zu wissen, was Depressionen sind. Ich hatte Angst, mit meinen Freunden darüber zu sprechen, weil sie mich auslachen könnten. Auch mit meinen Eltern konnte ich nicht reden, weil ich sie nicht enttäuschen oder beschämen wollte.

Still vor mich her zu leiden, war also meine einzige Option. Aber eines Tages passierte etwas Komisches. Das werde ich niemals vergessen. Ich saß ganz vorne in Ihrer Biologieklasse und hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren.

Ich war damit beschäftigt, die ganzen dunklen Gedanken fernzuhalten. Als die Schulglocke endlich läutete, war ich erleichtert, in die Pause gehen und allein sein zu können.

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Aber Sie fragten mich, ob es mir gut ginge.

Ich erinnere mich, dass Ihre Frage mich erstaunte. Niemand fragte mich jemals, ob es mir gut ginge.

Ich konnte sehen, dass Sie besorgt waren, und plötzlich kamen alle Emotionen in mir hoch. Es war, als wäre etwas in mir zersprungen und alles brach aus mir heraus.

Sie haben mein Leben gerettet

Ich dachte, Sie würden mich verurteilen oder mich anschauen, als wäre ich verrückt. Aber das taten Sie nicht. Sie haben zugehört. Und das restliche Jahr über hörten Sie weiterhin zu. Sie haben mich niemals verurteilt oder ausgelacht.

Sie haben mir dabei geholfen, zu verstehen, dass das, was ich durchmachte, nicht meine Schuld war. Sie gaben mir Ratschläge und ermutigten mich. Vor allem gaben Sie mir die emotionale Unterstützung, die ich nirgendwo sonst fand. Und Sie haben mir eine ganze Menge über Biologie beigebracht!

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Seitdem gab es viele Höhen und Tiefen in meinem Leben. Ich bin durch die Welt gereist, habe viele Abenteuer erlebt und habe sogar geheiratet.

Die ganze Zeit über hatte ich mit Depressionen und Panikattacken zu kämpfen, mal mehr oder weniger erfolgreich.

Aber ohne Sie wüsste ich nicht einmal, wogegen ich anzukämpfen hatte.

Herr Powell, ich will Ihnen von ganzem Herzen danken

Bestimmt hätte ich es irgendwann selbst herausgefunden. Aber Ihre Offenheit und Ihr Mitgefühl halfen mir dabei, früher zu verstehen, was mit mir passierte. Ansonsten würde ich vielleicht nicht hier sitzen und diesen Brief an Sie schreiben.

Deswegen, Herr Powell, will ich Ihnen von ganzem Herzen danken.

Ich habe niemals vergessen, was Sie vor Jahren für mich getan haben. Ich bin vielleicht kein Weltklasse-Biologe, aber ich bin ein ganz anständiger Mensch geworden – und das vor allem Dank Ihnen.

Ich hoffe, das Leben hat Sie so gut behandelt, wie Sie es verdienen.

Viele Grüße,

Gary

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der HuffPost UK und wurde von Agatha Krempleweski aus dem Englischen übersetzt.

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