POLITIK
10/01/2018 17:46 CET | Aktualisiert 10/01/2018 21:32 CET

Gegen den Lehrermangel: Flüchtlinge könnten als Hilfskräfte arbeiten

Ein neues Modellprojekt in Nordrhein-Westfalen bereitet die Einwanderer auf ihre Aufgabe vor.

Nigel Treblin / Reuters
Flüchtlinge in einer Schule in Hameln, Niedersachsen.
  • Flüchtlinge sollen in NRW helfen, den Lehrermangel zu lindern 

  • Das klingt nach einer guten Lösung für Schüler und Lehrer – hat aber einen Haken

Im Jahr 2025 wird es in Deutschland wohl viel mehr Schüler geben, als die Kultusminister dachten: 8,3 Millionen statt 7,2 Millionen. Das ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Sommer.

Das stellt die Bundesrepublik vor ein gravierendes Problem. Denn um diese Schüler zu unterrichten, schreiben die Autoren der Studie, fehlten Zehntausende Lehrer.

Die Universität Bielefeld will mit dem Qualifizierungsprojekt “Lehrkräfte Plus” Abhilfe schaffen: Flüchtlinge sollen dort zu Fachkräften ausgebildet und künftig etwa als Sprach- oder Vertretungslehrer eingesetzt werden. 

25 Flüchtlinge für das Projekt ausgewählt

Das Projekt, gefördert von der Bertelsmann Stiftung, richtet sich an Geflüchtete, die über gute Deutschkenntnisse verfügen und bereits in ihren Herkunftsländern als Lehrer gearbeitet haben. 

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Aus 240 Bewerbern wurden acht Frauen und 17 Männer ausgewählt. Sie stammen aus Afghanistan, Armenien, Guinea, Irak, Pakistan und Syrien.

Die angehenden Vertretungslehrer haben ein anspruchsvolles, ein Jahr dauerndes Vollzeitprogramm vor sich: Zunächst werden sie im Deutschunterricht gedrillt. Danach absolvieren sie Praktika und hospitieren in Schulen. Wer die Anforderungen erfüllt, bekommt zum Abschluss ein entsprechendes Zertifikat.

Lehrermangel schon jetzt gravierend

Eine gute Nachricht für die überlasteten deutschen Kollegen. Denn schon 2017 sorgten Nachrichten über extremen Unterrichtsausfall in Nordrhein-Westfalen für Empörung.

Nach einer Recherche der “Neuen Westfälischen” müssen in Nordrhein-Westfalen acht Prozent aller Unterrichtsstunden ersatzlos gestrichen werden. Das seien vier mal so viel wie vom Ministerium offiziell angegeben. Im deutschlandweiten Vergleich stellt das Bundesland damit einen traurigen Rekord auf.

“Der Umgang mit Kindern hat mir gefehlt”

Shogine Kamoyan ist eine der Kandidatinnen. Die 40-jährige Armenierin hospitiert derzeit an der Bielefelder Gesamtschule Rosenhöhe und ist glücklich über die Chance, die ihr das Programm bietet:

“Der Umgang mit den Kindern hat mir sehr gefehlt”, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. “Ich denke, ich bin als Lehrerin geboren.”

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Die neuen Lehrer könnten auch Flüchtlingskindern mit Integrationsschwierigkeiten helfen, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der HuffPost. Sie hätten unter den Lehrern künftig mehr Ansprechpartner aus ihrem eigenen Kulturkreis, die bei Problemen vermitteln könnten.  

Lehrer könnten den Alltag in den Schulen besser repräsentieren und intensiver auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen.

Kann das Programm die Hoffnungen der Bewerber erfüllen? 

Eine Garantie, dass Kamoyan und die anderen später eine Anstellung bekommen, gibt es aber nicht – ein Grund für Kritik. 

“Wir befürchten, dass die Programme Hoffnungen auf eine spätere Vollbeschäftigung im Lehrberuf wecken. Diese können leider nicht erfüllt werden”, sagt Meidinger.

Das Programm sei hinsichtlich der Beschreibung der beruflichen Perspektive “nebulös”. Generell gebe es “das Berufsbild einer Vertretungs- oder Hilfslehrkraft in Deutschland nicht.” Eine Einstellung in den staatlichen Schuldienst mit entsprechender Bezahlung sei für die Bewerber des Programms nicht möglich.

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Ähnliches Projekt in Brandenburg

Ein ähnliches Projekt existiert bereits an der Universität Potsdam. Von den 26 Kandidaten aus dem Programm arbeiten nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur mittlerweile zwölf als Assistenzlehrer in Brandenburg.

Die übrigen hätten die Sprachprüfung jedoch im ersten Anlauf nicht bestanden und müssten wiederholen.

(sk)