WIRTSCHAFT
30/01/2018 22:46 CET | Aktualisiert 31/01/2018 08:46 CET

Kinderarzt: Die Gesundheitsschäden von Abgasen sind unbestreitbar

"Der Druck wächst."

Sean Gallup via Getty Images
Autos auf der Leipziger Straße in Berlin
  • Weltweit herrscht Empörung über die Abgasversuche an Menschen und Affen
  • Doch das lenkt vom eigentlichen Skandal ab, der sich in der Politik abspielt, sagt Kinderarzt Gerald Hofner

Die deutsche Autoindustrie ist um ein weiteres hässliches Kapitel in ihrer Geschichte reicher:

Vergangene Woche wurde bekannt, dass 10 Affen in einem US-Labor von Volkswagen stundenlang Abgase eingeatmet haben. Als Teil einer Studie.

Auch 25 gesunde Menschen wurden in Aachen über mehrere Stunden Stickstoffdioxid in unterschiedlichen Konzentrationen ausgesetzt – durchgeführt von der Forschungsvereinigung EUGT, die von den Autokonzernen VW, Daimler, BMW sowie dem Zulieferer Bosch gegründet wurde. 

All das nur, um vermeintlich zu beweisen, dass keine Gesundheitsgefahr von Diesel-Abgasen ausgeht.

►  Ein Skandal, der die Abgas-Affäre erneut befeuert und weltweit für Empörung sorgt – bei Umweltschützern, aber auch bei Autokonzernen und der Politik.

Dass Abgase der menschlichen Gesundheit schaden, ist lange bekannt

Gerald Hofner kann darüber nur den Kopf schütteln. Er ist Kinderpneumologe und -kardiologe im bayerischen Neudrossenfeld und sagt: “Dass die Schadstoffe existieren, wussten wir seit den 1970er Jahren. Das ist nichts Neues.”

Und diese Schädlichkeit sei auch nachweisbar. “Es gibt auf Abgase zurückführbare Krankheiten. Und auch solche, die aus einer erhöhten Feinstaubbelastung resultieren”, sagt Hofner.  

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Er beobachtet schon lange die dramatische Wirkung, die Verkehrsemissionen auf die Körper von Kindern und Jugendlichen haben können.

Stickoxid fördert Asthma, Schwindel, Kopfschmerzen

“In den Großstädten können wir vermehrt Symptome beobachten, die auf die Belastung durch Abgase zurückzuführen sind”, sagt Hofner.

Der Arzt unterscheidet zwischen der Belastung durch Gase wie Stickoxid und der Belastung durch Feinstaub.

► “Gase können zwar kurzfristig sehr schädlich sein, werden aber schnell wieder neutralisiert.” Auf Asthmatiker hätten sie jedoch eine akute Wirkung. Die Anzahl der Asthma-Anfälle erhöhe sich so deutlich.

Die Gase reizen die Schleimhäute, fördern Kopfschmerzen, Atemwegreizungen, und Krupphusten. Niedrige Konzentrationen führen zu Schwindel und Kopfschmerzen, höhere Konzentrationen können Atemnot und Lungenödeme hervorrufen, wie eine WHO-Studie beweist.

Laut dem Umweltbundesamt ist der Autoverkehr in Innenstädten zu 61 Prozent für die Stickstoffdioxid-Belastung verantwortlich.

Mit 72,5 Prozent haben Diesel-Pkws an diesen Emissionen den größten Anteil.

2016 geht das Umweltbundesamt für alle Diesel-Fahrzeuge in Deutschland von einem durchschnittlichen Ausstoß von 767 Milligramm Stickstoffdioxid pro Kilometer aus. Der Grenzwert liegt bei 180 Milligramm.

Feinstaub erhöht das Risiko für Krebs und Arteriosklerose

► Doch noch schlimmer als die Gase sei – besonders für Kinder – der Feinstaub, sagt Hofner. Am gefährlichsten für die Gesundheit des Menschen sind ultrafeine Partikel, die einen Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometer haben.

“Je kleiner die Partikel, desto schädlicher sind sie. Partikel unter 0,1 Mikrometer geraten in die Lunge oder sogar in die Blutbahn”, sagt Hofner. “Sie werden dort abgelagert und in Verbindung mit Krebsentwicklung und Arteriosklerose gebracht.”

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Der Ruß aus einem Diesel-Fahrzeug habe besonders kleine Partikel, erklärt der Arzt. “Ähnlich wie Asbest wird er in der Lunge abgelagert und es besteht ein erhöhtes Risiko für Krebs.

Unter dem Feinstaub würden besonders die Menschen leiden, die dicht an stark befahrenen Straßen wie dem Neckartor in Stuttgart oder der Landshuter Allee in München leben würden. “Der Feinstaub wird durch den Verkehr nur in einem Radius von 10 bis 20 Metern aufgewirbelt”, sagt Hofner.

Seit dem 1. Januar 2005 gilt in der EU ein Grenzwert für Feinstaub der Größe PM10 (Partikelgröße bis 1 Mikrometer). Ein Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter darf seither maximal 35 mal im Jahr überschritten werden.

Alle Autos, die seit dem 1. September 2009 in der EU auf den Markt kommen, haben als Feinstaub-Höchstwert 5 Milligramm pro Kilometer.

Soll der Feinstaub-Ausstoß gesenkt werden, stoßen Motoren allerdings mehr Stickoxid aus. Um Feinstaubpartikel zu verbrennen, braucht der Motor nämlich eine höhere Temperatur, wodurch der wiederum mehr Stickstoff verbrennt – und Stickoxid ausstößt.

Das heißt: Die Feinstaub-Vorgabe der EU ist auch dafür verantwortlich, dass Diesel-Autos höhere Abgaswerte vorweisen – und deutsche Autobauer zu Schummelsoftware griffen.

Feinstaub kann zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma und verschiedene Arten von Krebs verursachen oder verschlimmern. Außerdem können sowohl Feinstaub wie auch Stickoxid zu Schlaganfällen und Herzinfarkten führen.

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Der Druck auf die deutsche Politik wächst

Hofner versteht die derzeitige Empörung der Politik nicht. Stattdessen sieht er vor allem dort dringenden Handlungsbedarf.

Denn Labortests hin oder her: Nach Berechnungen von Wissenschaftlern steht fest, dass die erhöhten Stickoxid-Grenzwerte von Dieselfahrzeugen in der Europäischen Union jährlich zu mehr als 11.000 vorzeitigen Todesfällen führen. 

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“Der Druck wächst”, ist sich Hofner sicher. Zum einen von der Europäischen Union, dringend die Grenzwerte einzuhalten. Und zum anderen durch die Klagen von der Deutschen Umwelthilfe und anderen NGOs, die dazu führen werden, dass die deutsche Politik handeln wird.

(ll)