ELTERN
15/02/2018 17:19 CET | Aktualisiert 15/02/2018 17:19 CET

Tech-Experten raten: So könnt ihr eure Kinder an digitale Medien heranführen

Es ist immer noch nicht bekannt, wie genau sich der digitale Konsum auf Kinder auswirkt.

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Unsere Welt wird zunehmend digitalisiert – laufend kommen neue Smartphones, Tablets und andere technische Geräte auf den Markt.
  • Die American Academy of Pediatrics hat Computerzeit-Empfehlungen für Kinder herausgegeben
  • Wie gehen Technik-Experten mit diesem Thema um?

Unsere Welt wird immer digitaler – laufend kommen neue Smartphones, Tablets und andere technische Geräte auf den Markt.

Unsere Kinder wachsen mit diesen Geräten auf – und interessieren sich natürlich sehr für die blinkenden, Geräusche von sich gebenden, faszinierenden Spielzeuge. 

Aber wie viel Zeit sollten Kinder eigentlich mit den Geräten verbringen? Immer wieder warnen Experten davor, dass es Kindern schade, wenn sie zu lange mit Gadgets spielen. 

Laut der American Academy of Pediatrics die Empfehlung brauchen Kinder eine “konsequente und konstante Grenze für den Medienkonsum“. Außerdem ruft die Organisation Eltern dazu auf, die Technik (Shows, Videospiele) gemeinsam mit den Kindern zu entdecken, um gemeinsam mit ihnen darüber zu sprechen, wie sie die Bilder wahrnehmen.

Mehr zum Thema: Muttimedia: Meine Top-10-Situationen, in denen das Handy als Erziehungsmittel wirklich funktioniert

Doch bei der Fülle an Apps und Gadgets reichen einfache Zeitbegrenzungen nicht mehr aus. Denn es ist immer noch nicht bekannt, wie genau sich der digitale Konsum auf Kinder auswirkt. 

Immer mehr Technik-Experten fordern, dass sich die großen Tech-Konzerne mit dem Thema auseinandersetzen. 

Im Januar schrieben zum Beispiel zwei Apple-Aktionäre einen offenen Brief an das Unternehmen, in dem sie darum baten, dass Apple das Thema aufgreift, wie Technik Kinder beeinflusst.

Eltern und auch Kinderärzte rufen außerdem Facebook dazu auf, den umstrittenen Messenger-Dienst für Kinder einzustellen.

Die HuffPost hat mit Technik-Experten gesprochen, um zu erfahren, wie sie in ihren Familien mit dem digitalen Medienkonsum umgehen.

Ausgewogener Konsum

Amy Bruckman, Professorin an der School of Interactive Computing am Georgia Institute of Technology, hat zwei Söhne im Alter von 12 und 14 Jahren.

Wie viele andere Eltern auch hat Amy zunächst versucht, die Zeit, die ihre Kinder am Computer verbringen, im Auge zu behalten, besonders was Videospiele betraf. Aber dann entschied sie sich dazu, ihren Fokus zu verlagern.

Bruckmans neuer Plan sieht vor, ihre Söhne entscheiden zu lassen, wie viel Zeit sie am Wochenende am Computer verbringen wollen, so lange sie zwischendurch auch eine Stunde lang ein Buch lesen, Sport treiben und ganz einfach auf ein gesundes Gleichgewicht achten.

Der Plan hat ihre “kühnsten Erwartungen noch übertroffen“ erzählt sie. Warum?

Weil ihre Söhne die Werte hinter dem neuen System zu schätzen wussten. Die Jungs wissen, wie wichtig es ist, auch einmal ein gutes Buch zu lesen, Sport zu treiben und die Freizeit nicht nur mit Medien und Technik zu verbringen.

“Ich sage ihnen auch, dass ich mir dieselben Sorgen machen würde, wenn sie in jeder freien Minute wie besessen ein Musikinstrument übten“, erklärt Bruckman.

Unter der Woche gestaltet sich die Techniknutzung etwas anders. Bruckman erlaubt ihren Kindern, nach der Schule, nachdem sie ihre Hausaufgaben erledigt haben, Videospiele zu spielen oder ihr Smartphone zu nutzen.

Unter dem Strich sei das sowieso nicht so viel Zeit. Telefone am Frühstückstisch sind in Ordnung, aber beim Abendessen haben die Geräte nichts verloren. 

Ich persönlich versuche mir immer ganz genau im Klaren darüber zu sein, ob ich die Technik nutze oder ob die Technik mich nutzt. Dr. Neema Moraveji, Vater und Mitgründer der Firma Spire

 Brad Stone, Tech-Journalist und Buchautor achtet ebenfalls auf ein gesundes Gleichgewicht bei seinen zehnjährigen Zwillingen.

“Sie haben kein Smartphone und das wird von Tag zu Tag schwieriger, denn Bildschirme ziehen sie magisch an“, erzählt er.

Stone scherzt, dass auch er gegen diese magnetische Anziehung richtiggehend ankämpfen muss. Zwar versucht er seinen Zwillingen Grenzen zu setzen, aber viel zu oft erliegt er selbst auch der Verführung der Technik.

“Dann rügen die Kinder mich und es wird nur noch schwieriger, ihnen Grenzen zu setzen“, sagt er. “Ich spüre den Konflikt, der bei mir zuhause schwelt, und ich weiß, dass es vielen Eltern da genauso geht.“

Stone hat keine “strengen, in Stein gemeißelte Regeln“ aufgestellt, was die Computerzeit seiner Kinder betrifft, aber sie haben keine eigenen Computer (für Hausaufgaben zum Beispiel nutzen sie Stones‘ Rechner). Die Familie verbietet außerdem Handys beim Essen und in Restaurants.

 “Da bleibt die Technik draußen“, sagt er.

Ein bewusster Umgang mit Technik

Für Dr. Neem Moraveji, Wissenschaftler und Mitbegründer der Firma Spire, einem Hersteller von tragbaren Geräten um die eigenen Gesundheitswerte zu tracken, ist es am wichtigsten, zu analysieren, wie die Technik genutzt wird.

“Ich persönlich versuche mir immer ganz genau im Klaren darüber zu sein, ob ich die Technik nutze, oder ob die Technik mich nutzt“, sagt er.

Moraveji hat eine vierjährige Tochter, einen einjährigen Sohn und ein drittes Kind ist unterwegs.

Seine Denkweise bezüglich der Technik gleicht der Denkweise bezüglich seiner Kinder. Er und seine Frau versuchen ihrer Tochter einen bewussten Umgang mit Technik beizubringen.

 “Meine Frau und ich bemühen uns, den Moment zu nutzen, wenn wir unserer Tochter den Umgang mit Technik beibringen. Dabei gehen wir nicht belehrend als Technik-Experten vor, sondern wir teilen unser Wissen mit ihr, so dass sie es eines Tages noch besser nutzen kann“, erklärt er.

“Wenn sie an einem Tag bereits einige Zeit am Computer verbracht hat, dann sagen wir ihr, dass es jetzt genug sei und es für diesen Tag reicht.

“Wir verbieten technische Geräte auch am Esstisch. Wir haben viel ausprobiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass eine Kernfähigkeit das richtige Bewusstsein ist. In lehrenden Momenten muss man seinen Kindern beibringen, selber ein Bewusstsein für einen gesunden Umgang mit Technik zu entwickeln.“

Um das zu erreichen, hat Moraveji eine Regel im Umgang seiner Tochter mit Technik. Wenn er oder seine Frau der Meinung sind, ihre Tochter habe genug Zeit mit einem digitalen Gerät verbracht, dann nehmen sie ihr das Gerät nicht weg.

 “Ich lasse sie wissen, wie viele Minuten sie noch hat“, sagt er. “Wir möchten einfach, dass sie selber entscheidet, das Gerät auszuschalten.

Ich stelle das Gerät nie für sie aus oder nehme es ihr weg, damit sie eine kleine Pause macht. Ich bitte sie selber darum. Letztendlich lehrt man die Kinder so, erwachsen mit ihrer Zeit zu haushalten.“

Pramod Sharma ist Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Osmo, einem Hersteller von digitalen Lernspielen.

Er setzt bei seinen Kindern, sie sind acht und drei Jahre alt, auf einen ähnlichen Umgang mit Technik.

Am besten gemeinsam entdecken

Zwar achtet seine Familie sehr darauf, Zeit ohne technische Geräte zu verbringen, aber sie achtet andererseits auch sehr darauf, wie die Zeit mit den Geräten verbracht wird. Sharma ist der Meinung, dass technische Geräte am besten gemeinsam entdeckt werden

Als ein Experte für Lerntechnik betont Sharma auch, dass Eltern nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität beim Umgang mit Technik achten sollten.

“Ich glaube nicht, dass sich die Nutzung hochwertiger digitaler Produkte und die Einhaltung von Grenzen beim Umgang mit Technik gegenseitig ausschließen“, sagt er.

“Es ist die Qualität der Computerzeit, auf die es ankommt. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass sich Kinder nicht passiv wie Zombies in der digitalen, technischen Welt bewegen, sondern dass sie wirklich aktiv miteinander und mit der Welt um sich herum interagieren.“

“Vielleicht sollten wir mal eine „gesunde Technikzeit-Pyramide“ aufstellen, so wie es sie auch für Lebensmittelgruppen gibt“, sagt er.

“Passive Technikzeit und Solo-Technikzeit sollte nur in kleinen Dosierungen vorkommen.“ Pramod Sharma, Vater und Gründer von Osmo, einem Hersteller von digitalen Lernspielen

Gemeinsam an der Technik teilnehmen

Die Techniknutzung zu überwachen bedeutet nicht, die Technik komplett zu verbannen, das betonen auch unsere Technik-Experten.

Als Kind waren seine Eltern besorgt darüber, wie viel Fernsehkonsum gut für ein Kind sei, erzählt Brad Stone. Jetzt ist das Fernsehen fast ein ganz normales Mittel für Familien, um mehr Zeit miteinander zu verbringen. 

Auch Moraveji hat an der Computerzeit seiner Tochter teil, indem er ihr Fragen zu dem Programm stellt, wenn es vorbei ist.

 “Wenn sie sich etwas angesehen hat, dann stellen wir ihr anschließend Fragen dazu. Was ist in dem Video passiert? Was hat das Tier getan? Warum hast du gelacht? – diese Dinge.“ erklärt er. 

Wenn Eltern die Techniknutzung einschränken, dann ist es wichtig, dass auch sie sich an diese Regel halten. Die Kinder dazu anhalten, auch mal ein Buch zu lesen und Sport zu treiben. Bruckman macht genau das.

“Kinder sehen, wie die Eltern sich verhalten“, erklärt Amy Bruckman. “Das beste Lehrwerkzeug ist das eigene Verhalten.” 

Buchautorin Any Kamenetz schlägt in dieselbe Kerbe wie Bruckman und betont, dass die Computerzeit in der Familie etwas Tolles sein kann, so lange sie in einem ausgewogenen Verhältnis zu anderen Aktivitäten steht.

Sie hat auch einen einfachen Tipp für Eltern, wenn diese vor ihren Kindern zum Handy greifen.

“Erklärt den Kindern immer, was ihr tut, wenn ihr vor euren Kindern zum Handy greift, zum Beispiel ‘Ich will Mama schnell daran erinnern, Milch mitzubringen’“, so Kamenetz. “Das sorgt für Transparenz und Glaubwürdigkeit.“

Sich an das Gute erinnern

Und natürlich sollten Eltern auch die positiven Seiten der Technik nicht vergessen. So sehr Stone die eingeschränkte Techniknutzung seiner Familie auch schätzt, so will er auch, dass sich seine Kinder im Umgang mit Technik wohlfühlen.

“Als Eltern ist es oft nicht klar, wo man die Grenze ziehen soll“, sagt er. Einerseits möchte man seinen Kindern die Technik nicht vorenthalten, schließlich ist das wichtig für ihre Zukunft. Kinder sollen an Technik herangeführt werden und sich im Umgang mit Computern wohlfühlen.“

Moraveji ist der Meinung, dass viele digitale Spiele auch hilfreich sein und Kinder viel im Umgang mit ihnen lernen können, so lange man den Medienkonsum im Auge behält.

Bruckman weiß, dass ihr Sohn immer noch Kontakt zu Schulfreunden von früher hat, weil sie gemeinsam Videospiele für mehrere Teilnehmer spielen und über das System der Spiele kommunizieren. 

“Dennoch ist die Computerzeit ein schwieriges Thema“, sagt sie.

“In den 1950er-Jahren bereiteten Comics den Menschen Sorgen. Es bestand die Angst, dass Comics das Gewissen einer ganzen Generation zerstören würden“, so Bruckman.

Jede Generation macht sich Sorgen über die Medienwahl ihrer Kinder. Ich mache mir Gedanken darüber, warum meine Kinder so gerne Videos schauen, in denen andere Menschen Videospiele spielen.

Das werde ich nie verstehen. Meine Eltern haben sich bezüglich meiner Medienwahl Sorgen gemacht – so läuft das nun mal.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt. 

(ks)