POLITIK
10/01/2018 14:38 CET | Aktualisiert 10/01/2018 22:03 CET

Es ist eine Schande, dass der Kika vor den rechten Hetzern einknickt

Wie wäre die Sache ausgegangen, wenn der Kanal selbstbewusst zu seinem Film gestanden hätte?

  • Die AfD hat sich über eine Doku im Kinderkanal über die Beziehung eines Mädchens und eines Flüchtlings empört
  • Der Kika hat zu vorsichtig darauf reagiert – anstatt den rechten Hetzern die Stirn zu bieten
  • Im Video oben seht ihr, wie der Kika auf die Anschuldigungen der AfD reagiert hat

Die Macher des Kinderkanals in Erfurt können einem derzeit fast leidtun. Man darf davon ausgehen, dass politische Krisenkommunikation nicht gerade zu den Kernkompetenzen der dort arbeitenden TV-Redakteure gehört.

Wie man sich gegen rechte Hetzer wehrt, das lernt man vielleicht in den Redaktionen von Dunja Hayali oder Anja Reschke.

Aber sicherlich nicht bei einem Sender, der tagsüber Animationsfilme mit Garfield und Blinky Bill zeigt, und ab dem frühen Abend dann “Bernd das Brot” in Endlosrotation durch die Fernsehnacht schickt.

Nun aber ist der Kika das Ziel von rechten Hetzern geworden. Schuld daran ist die Aufregung, die der AfD-Bundestagsabgeordnete Dirk Spaniel in den sozialen Medien gegen den Dokumentationsfilm “Malvina, Diaa und die Liebe” geschürt hat.

Die Reaktion des Kanals darauf ist eine Schande.

Man möchte dem Paar im Film eigentlich gratulieren

In “Malvina, Diaa und die Liebe” geht es um eine 16-jährige Deutsche, die eine Liebesbeziehung mit einem aus Aleppo geflüchteten Syrer eingeht.

Wer sich die Dokumentation anschaut, sieht vor allem ein liebenswürdiges junges Paar, das sehr vertraut miteinander umgeht. Malvina scheint eine für ihr Alter sehr selbstbewusstes Jugendliche zu sein. Der junge Mann macht einen reflektierten und intelligenten Eindruck.

Und natürlich gibt es bei Partnern mit unterschiedlicher kultureller Herkunft gewisse Probleme. Da prallen Wertvorstellungen aufeinander, und auch unterschiedliche Sozialisationen. 

Oft ist es ein Problem, dass mindestens einer der Partner kein Bewusstsein für diese Schwierigkeiten hat. In dem Film jedoch reden Malvina und ihr Freund offen darüber. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Und man möchte dieser klugen jungen Frau fast dazu gratulieren, dass sie diese Schwierigkeiten gleich zu Beginn des Films auch als solche benennt.

Die “Bild” mischt sich ein

Trotzdem müssen die beiden sich derzeit gefallen lassen, dass sich die rechte Hälfte des Landes gerade das Maul über ihre Beziehung zerreißt.

► Die Hetzer von “kath.net” etwa veröffentlichen Texte wie “Kika-Sendung korrigiert Alter eines Flüchtlings, jetzt 19- UPDATES!”, ganz so, als ginge es hier gerade um die jüngsten Enthüllungen über die Kontakte von US-Präsident Donald Trump nach Moskau.

Die “Bild”-Zeitung recherchierte, dass der Mann wohl mittlerweile 20 Jahre alt geworden ist. Ohne jeden weiteren Anhaltspunkt spekulieren die Redakteure darüber, dass er am 1. Januar Geburtstag gehabt haben könnte und damit am Ende ein “Papierloser” sei, der in Wahrheit womöglich noch viel älter ist.

Außerdem heiße er gar nicht “Diaa”, sondern – oh Schreck –  “Mohammed”. Und um das Bedrohungspotenzial zu illustrieren, das der geneigte “Bild”-Leser aus diesem Namen wohl schon herausgehört hat, wird ein Szenenbild als Aufmacher für den Artikel gewählt, auf dem der eigentlich so sanfte Mohammed wie ein Schlägertyp wirkt, der dem deutschen Mädchen gleich die Rippen bricht. 

Der Kika hat Fehler gemacht

Leider hat sich der Kinderkanal in dieser Debatte nicht klug verhalten. Es muss den Redakteuren klar gewesen sein, dass es hier um ein sensibles Thema geht. Allein aus Rücksicht auf die beiden jungen Protagonisten hätte man hier mit äußerster Sorgfalt arbeiten müssen.

Stattdessen veröffentlichte der Sender in Einblendungen erst ein falsches Alter (im Film wird Mohammed als 17-Jähriger bezeichnet), und dann wurde Verwirrung um den wahren Namen des jungen Mannes gestiftet.

Schließlich löschte der Kinderkanal noch – aus Angst vor den rechten Hetzern? – eine Talksendung aus der Mediathek, in der sich Malvina und Mohammed den Fragen des Publikums stellten.

Man fragt sich außerdem, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn der Kika von Anfang an selbstbewusst zu diesem eigentlich sehr schönen Film Stellung bezogen hätte.

Etwa so: Wir haben versucht, den Alltag in einer nicht immer einfachen Beziehung einzufangen – so wie es sie tausendfach unter jungen Menschen in Deutschland gibt. Daran ist nichts Falsches. Punkt.

Mehr zum Thema: AfD und Rechte empören sich über Kika-Beitrag – nun hat der Sender reagiert

Rassismus bleibt Rassismus

Vielleicht ist es aber auch gerade diese einfache Feststellung, die vielen rechten Hetzern in Deutschland so sauer aufstößt. In der Kritik an dem Film kommt einiges zusammen: So wie bei dem hitzigen Reden über die Beziehungstat von Kandel, als ein Afghane seine deutsche Ex-Freundin erstach.

Da geht es um vermeintliche Beschützerinstinkte bei besorgten deutschen Bürgereltern. Oder den Uralt-Topos des unschuldigen deutschen Mädchens, das sich durch seine Naivität in die Arme eines “Südländers” begibt.

Und schon hat sich der Stammtisch in Rage geredet. Die Angst um die Kinder lässt einen ja bekanntlich Dinge sagen, die man normalerweise nie sagen würde.

Deswegen aus aktuellen Anlass noch eines: Rassismus bleibt Rassismus. Doch wenn man Kinder und Jugendliche dafür benutzt, um von der eigenen Niedertracht abzulenken, ist es obendrein auch noch unfassbar feige.

Mehr zum Thema: Die Scharia gilt schon längst in Deutschland - doch ganz anders, als viele denken

(ll)