POLITIK
23/01/2018 12:07 CET | Aktualisiert 23/01/2018 20:40 CET

Wie das berüchtigte Rummerkeln der CDU-Chefin gerade die Macht sichert

Merkel steckt in ihrer bisher wohl schwierigsten Phase als Kanzlerin.

Michael Hanschke / Reuters
Eher schattenhaft agiert Merkel derzeit in Berlin.
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel sorgt selbst derzeit kaum für Schlagzeilen
  • Es ist eine kluge Taktik – aber nicht mehr lange

Die CDU-Chefin und Kanzlerin ist berüchtigt dafür. So sehr, dass sich ein eigenes Wort dafür geprägt hat. Es heißt “rummerkeln”.

Angela Merkel ist Meisterin darin, mit großem Ernst ohne jeden Unterhaltungswert Reden zu halten, ohne dabei Greifbares zu sagen. Im Hintergrund ihre Männermannschaft zu dirigieren, ohne nach außen als diejenige aufzufallen, die die Hosen anhat. Zu taktieren und zu warten, ohne sich festzulegen.

Lange hat das gut funktioniert, Merkel sah souverän aus . Dann nervte es, ließ Merkel unentschlossen wirken – das überschaubare Wahlergebnis der CDU dürfte auch diesem Auftreten geschuldet sein.

► Jetzt aber, da Merkel in der wohl schwierigsten Phase ihrer bisherigen Zeit als Kanzlerin steckt, profitiert sie von der Perfektion in ihrer Paradedisziplin wie vielleicht nie zuvor.

Wie ein Phantom

Zwar absolvierte Merkel in den vergangenen Tagen als geschäftsführende Bundeskanzlerin Termine in Paris und Sofia.

Doch wirklich in Erinnerung wird Merkel mit diesen Auftritten nicht bleiben. Es sind Pflichttermine für die Kanzlerin, keine Bühnen für große Reden.

► Ihr ruhiges Abwarten ist – zumindest noch – eine kluge Taktik.

Merkel steht für Stabilität wie nie zuvor

Sehnten sich viele zur Bundestagswahl noch nach Veränderung, ist während des Verhandlungschaos die Sehnsucht nach Verlässlichkeit gewachsen.

► Die Hoffnungsträger der Veränderung, FDP-Chef Christian Lindner und SPD-Chef Schulz, haben sich unglaubwürdig gemacht.

Der eine, weil er es mit dem Gestaltungswillen wohl doch nicht so ernst nahm. Der andere, weil er erst sein eigenes Nein zu einer GroKo nicht mehr ernst nahm und dann seine Partei ihn nicht mehr.

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Merkel dagegen ist nicht mit den Schlagzeilen vom Scheitern oder Fast-Scheitern der Sondierungsverhandlungen verknüpft.

Merkel sichert sich durchs Stillhalten die Macht ...

Merkel tut gut daran, jetzt nicht den Lautsprecher zu geben. Zumindest jeder öffentliche Druck auf ihre potenziellen Koalitionspartner CSU und SPD würde nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine GroKo scheitert. 

Sowohl SPD als auch CSU müssen sich öffentlich profilieren und könnten nur mit Gegendruck reagieren.

► Die CSU hat im Herbst Wahlen zu bestehen. Sie braucht neben Parteichef Horst Seehofer, der dem Vernehmen nach auf Kompromisse bedacht ist, Krawallmacher wie Alexander Dobrindt oder Andreas Scheuer, um den Bayern die Handlungsfähigkeit der Partei vor Augen zu führen. 

► Die SPD muss nach dem schlechtesten Wahlergebnis nach dem Zweiten Weltkrieg ordentlich Remmidemmi machen, um ihr Gesicht nicht zu verlieren – und die internen GroKo-Kritiker zu besänftigen.

Merkel Kritiker sagen, ihre Zurückhaltung beruhe darauf, dass sie schlicht keine Position habe. Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding giftete im “Business Insider” gar: “Bei ihrem unfassbaren Schwenk in der Energiepolitik hin zur GroKo hat die CDU gezeigt, dass sie im Grunde gar keine Position vertritt.”

► Tatsächlich hat die CDU anders als jetzt SPD und CSU keine Themen, die sie um jeden Preis durchbekommen muss.

... vorerst

Es mehren sich allerdings die Hinweise, dass Merkel ihre Taktik nicht mehr lange verfolgen können wird – aus Rücksicht auf die eigene Partei. 

Der CDU-Wirtschaftsrat forderte am Montag, die CDU dürfe der SPD nicht noch weiter entgegenkommen. Käme es tatsächlich zu Neuwahlen, bräuchte die CDU ein klares Profil. 

Und Merkel müsste wieder deutlicher zeigen, wer der Chef ist. Denn innerparteiliche Rivalen wie Jens Spahn bringen sich in Stellung. 

Vielleicht war das Herummerkeln in den vergangenen Monaten das letzte Mal, dass Merkel in ihrer Paradedisziplin glänzen konnte. 

(lp)