POLITIK
13/02/2018 12:10 CET | Aktualisiert 14/02/2018 10:16 CET

Jobcenter-Wahnsinn: Hartz-IV-Empfängerin muss zahlen, um arbeiten zu dürfen

“Ich dachte: Ich oder die Welt – einer von uns hat einen Schuss.”

  • Andrea Schulteisz bezieht Hartz IV und hat einen 450-Euro-Job gefunden
  • Die Ämter streichen ihr deswegen 565 Euro von ihren Leistungen
  • Im Video oben erfahrt ihr, was Hartz-IV-Empfänger zu sagen haben

Es gibt wahrscheinlich keinen Deutschen, der sich noch nie über die Verwaltung in deutschen Ämtern aufgeregt hat. Lange Bearbeitungszeiten, fehlende Benachrichtigungen, verwirrende Sprache.

Was die Berlinerin Andrea Schulteisz erlebte, ist jedoch so chaotisch, dass man es sich schlimmer nicht hätte ausdenken können. Die Suche nach dem berühmten Passierschein A38 ist jedenfalls nichts dagegen.

Schulteisz ist Buchhalterin, doch nachdem ihr gekündigt wurde, fand die fast 60-Jährige auch nach mehreren Bewerbungen zunächst keine neue Anstellung, berichtet die Redaktion von “t-online.de”.

Die Freude über den neuen Job kann nur kurz gewesen sein

Also meldete sie sich arbeitslos und bezog seither Unterstützung von der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter.

Doch die Berlinerin gab nicht auf und schaffte es, bei ihrem alten Arbeitgeber wieder eine Anstellung auf immerhin 450-Euro-Basis zu erhalten.

Eigentlich ein Grund zur Freude, doch Schulteisz hatte nicht mit den Wirrungen der deutschen Bürokratie gerechnet.

Denn kurze Zeit später erhielt sie einen Brief, ab April würden ihr Leistungen im Wert von 565 Euro gestrichen.

► Die neue Anstellung würde sie folglich 115 Euro pro Monat kosten. Für die Berlinerin würde es sich also weit mehr lohnen, einfach daheim zu bleiben und nicht zu arbeiten.

Es würde ihr wohl auch kaum jemand verdenken, wenn mehrere Stunden zu arbeiten, bedeuten würde, am Ende mit weniger Geld dazustehen.

Das Jobcenter weist die Schuld von sich

“Ich dachte: Ich oder die Welt – einer von uns hat einen Schuss”, sagt Schulteisz gegenüber “t-online.de”.

Auf Nachfrage des Mediums gab das entsprechende Jobcenter erst an, dass das Vorgehen so in Ordnung sei.

Erst auf ein erneutes Nachfragen sagten die Mitarbeiter, ein Schreiben von Schulteisz sei missverständlich gewesen, daher haben man so gehandelt.

► So einen Schwachsinn lasse ich mir nicht unterstellen”, reagiert die ausgebildete Buchhalterin auf die Antwort des Jobcenters. Sie habe dem Jobcenter nämlich gar nichts geschickt. Die Anstellung habe sie der Agentur für Arbeit gemeldet und die hatten versprochen, es weiterzuleiten.

Tatsächlich hat die Agentur für Arbeit Marzahn-Hellersdorf dem Bericht zufolge auch zwei Schreiben dazu verfasst, doch davon wohl nur eins an das zuständige Jobcenter geschickt. Kopien von beiden Schreiben gingen nur an Schulteisz.

Auch die Agentur für Arbeit findet Ausreden

Statt den Fehler auf sich zu nehmen, druckst die  Agentur für Arbeit rum und schiebt die Hauptschuld auf die Hartz-IV-Empfängerin.

► “Der Kunde hat eine Mitwirkungspflicht, über sämtliche Veränderungen Agentur und Jobcenter zu informieren”, sagt Andreas Ebeling, Sprecher des Regionalbüros der Arbeitsagentur gegenüber “t-online.de”.

Dass die Agentur den Eindruck erweckt habe, die Daten an das Jobcenter weiterzuleiten, sei ein Versehen gewesen.

Damit reiht sich das Vorgehen leider in viele Fälle ein, die Hartz-IV-Empfänger mit Jobcentern und der Agentur für Arbeit erlebt hatten.

Solche Fälle kommen erschreckend oft vor

► So ist im Januar der Fall von Helmut Engel bekannt geworden. Dem hat das Jobcenter ein Jahr lang nicht einen Cent gezahlt, weil die Mitarbeiter glaubten, er verstecke irgendwo ein Vermögen.

Als das Jobcenter dann nach einem Jahr zugeben musste, dass er nichts hatte, hatte Engel schon sein Haus verloren. Weil er die Raten nicht begleichen konnten.

Auch hier war sich das Jobcenter keiner Schuld bewusst.

► Im Dezember gab es den Fall von Aron, der seinen ganzen Namen nicht nennen will. Als er aufgrund eines Schlaganfalls nicht zu einem vom Jobcenter vereinbarten Termin erscheinen konnte, strich die Behörde ihm 80 Prozent seiner Leistungen. Um sein Recht zu bekommen, musste er erst Anwälte einschalten.

50.000 Einwände monatlich gegen die Jobcenter

Da ist es kein Wunder, dass mehr als 50.000 Einsprüche monatlich gegen Entscheidungen der Jobcenter und der Agentur für Arbeit eingehen.

► Schulteisz kannte sich als Buchhalterin aus und daher war ihr klar, dass etwas mit ihrem Bescheid nicht stimmte. Daher ging sie dagegen vor und bekam Recht.

“Aber was macht denn jemand, der in die Behörden vertraut, die Bescheide nicht richtig lesen kann und die Beratungsstellen nicht kennt?”, kommentiert sie die Situation auf “t-online.de”.

(cho)