POLITIK
02/01/2018 13:12 CET | Aktualisiert 02/01/2018 18:25 CET

Warum ein Regime-Sturz im Iran andere Folgen haben könnte, als alle denken

Auf den Ayatollah könnte ein anderes Übel folgen.

dpa
Menschen bringen sich am 31. Dezember bei einer Demonstration in Tuyserkan, im Nordwest-Iran, in Sicherheit.
  • Wer hofft, dass die Proteste im Iran der Beginn einer demokratischen Bewegung sind, könnte sich täuschen
  • Denn anders als bei der Grünen Revolution 2009, sehnen sich viele der Demonstranten nach einem alten Herrscher zurück: dem Schah

Sie rufen “Tod dem Diktator” und “Tod dem Ayatollah”. Sie brüllen den Sicherheitskräften entgegen, dass sie die Islamische Republik nicht länger akzeptieren. Dass sie sich den Iran jetzt zurückholen werden

Mehr als 20 der Demonstranten, die aktuell zu Tausenden auf die Straßen gehen, sind für dieses Ziel gestorben, Hunderte wurden verhaftet. Dabei ist unstrittig: Die Demonstranten, die seit Tagen im ganzen Land auf die Straße gehen, werden den Iran verändern. 

Nicht ganz so sicher ist jedoch, wie sie das tun werden. Denn dem Wunsch nach einem Sturz des Regimes geht nicht automatisch der nach einer iranischen Demokratie nach.

Schließlich haben die Demonstranten in vielen Regionen des Landes noch eine weitere Botschaft. Sie rufen: “Lang lebe Reza Schah.”

Der Iran erlebt keine Grüne Revolution 

Tatsächlich fordern viele der Demonstranten, etwa in der heiligen Stadt Ghom, die Rückkehr zur iranischen Monarchie. 

Mehdi Mirghaderi, ein iranischer Blogger und Teilnehmer an den Demonstrationen in der Provinz Lorestan, sagte der HuffPost: “Die Menschen verlangen einen Regimewechsel. Viele Menschen verlangen die Rückkehr des letzten Sohn des Schahs, Prinz Reza Pahlavi, als Anführer der Nation.”

Das könnte zwei Gründe haben: 

► Zum einen den, dass sich Reza Pahlavi - der aktuell in den USA lebt - öffentlich als Erneuerer und Streiter für Menschenrechte gibt, als Streiter für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie.

Im Zuge der aktuellen Proteste hat Pahlavi so die internationale Gemeinschaft aufgerufen, die Demonstranten in ihrem Freiheitskampf zu unterstützen. 

► Ein zweiter Grund für das Verlangen nach einer Rückkehr des Schahs könnte an einer Besonderheit der derzeitigen Proteste im Iran liegen: Sie finden landesweit und in über 50 Städten statt.

➨ Mehr zum Thema: Eine Karte zeigt, warum die Proteste im Iran anders als in der Vergangenheit sind

Das bedeutet, dass es anders als bei der Grünen Revolution 2009 nicht nur die jungen und gut gebildeten Iraner sind, die sich gegen das Regime auflehnen – sondern auch Bauern, Handwerker und Arbeiter.

So sagte etwa ein junger Demonstrant aus Teheran der Journalistin Sanam Shantyaei, die für den Sender France24 arbeitet: “Das ist nicht unser Protest. Das sind Demonstranten mit geringem Einkommen. Sie haben nichts zu verlieren.” 

Es sind Menschen, die nicht an Universitäten vom westlichen Leben träumen, sondern schlichtweg von der Vergangenheit, von der Zeit vor den Mullahs. Einer Zeit, in der die Pahlavi-Dynastie den Iran beherrschte. 

➨ Mehr zum Thema: Unruhen oder Revolution? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Iran-Protesten

Die sehnsüchtige Verklärung der Vergangenheit

Es ist kaum möglich zu sagen, wie viel Einfluss diese Monarchisten auf die Stoßrichtung der Proteste haben oder wie groß ihre Anzahl wirklich ist. Klar ist jedoch, dass sie sich nun erstmals laut Gehör verschaffen

► Weder bei der Grünen Revolution noch bei den letzten größeren Protesten im Iran in den Jahren 2011 und 2012 waren Rufe nach einer Rückkehr des Schahs in der heutigen Deutlichkeit zu hören. 

Doch was würde eigentlich eine Rückkehr zur Monarchie bedeuten?

Die Grauen der Gegenwart sollten nicht darüber hinweg täuschen, dass auch die Schahs das iranische Volk brutal ausbeuteten und knechteten

Was heute die Revolutionsgarde ist, war unter den Pahlavis die gefürchtete Geheimpolizei SAVAK, die Feinde des Schahs foltern und hinrichten ließ und Bücher, Filme und die Medien zensierte.

Warum der Schah im Iran trotz seiner Gewaltherrschaft wieder zu einem Hoffnungsträger vieler Iraner heranreifte, schrieb schon 2015 der Teheran-Korrespondent des britischen “Guardian”

“Der größte Reiz an der Figur des Schahs ist, dass er für alles steht, was die Islamische Republik nicht ist. Er ist wie Rock n’ Roll, Miniröcke und harte Drinks. Mohammad Reza Pahlavi ist ein Auffangbecken für die unterdrückte Wut und Frustration der Iraner geworden, eine Leinwand, auf die sie eine bessere Version des Landes malen können – auch, wenn diese nie existiert hat. Es ist ein Umsturz durch Nostalgie.” 

► Es ist diese Nostalgie, die auch die aktuellen Proteste gegen das Regime durchsetzt.

Und die das Lager der Demonstranten spaltet: In die, die sich demokratische Reformen erhoffen, und die, die sich damit zufrieden geben würden, beherrscht zu werden – solange der Herrschende kein Ayatollah, sondern ein Schah ist. 

(ben)

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