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"In München sind doch alle verschleiert" - was ich als junge Frau im bayerischen Yachtclub erlebt habe

"Du solltest lieber segeln oder Golf spielen", raten sie mir.

21/12/2017 19:31 CET | Aktualisiert 21/12/2017 19:36 CET
bonetta via Getty Images
Im Yachtclub trifft sich die gehobene Klasse

Was bisher geschah:

Da mir bewusst geworden ist, dass ich als Journalistin arm sterben werde, habe ich beschlossen, eine Woche lang einen Millionär in München zu suchen. Mein Ziel: reich heiraten. Die bekannte Millionärsgattin Irina Beller hat mir am ersten Tag meiner Suche Tipps gegeben, wie ich meinen Millionär finden kann. Schon am ersten Abend habe ich gemerkt, durch welchen plumpen Trick Millionäre anzulocken sind. Am zweiten Abend habe ich einen mysteriösen Millionär in einem Szene-Lokal kennengelernt, den ich für einen Porno-Produzenten hielt…

Bevor ich herausfinden kann, warum der ominöse Millionär Rudi so viel bares Geld mit sich herumträgt, verlässt das seltsame Trio das Lokal. Ich bin mir sicher, dass irgendetwas bei den drei Männern nicht mit rechten Dingen zugeht. Was genau nicht stimmt, werde ich wohl nie erfahren.

Nur einen Tag später bin ich selbst kurz davor, ein Verbrechen zu begehen. Ich stehe vor dem Bayerischen Yachtclub in Starnberg und überlege, ob ich einbrechen soll.

Es ist 19.30 Uhr, eiskalt und dunkel. Eine halbe Stunde lang habe ich nach dem Club gesucht. Dann, endlich, als ich kaum noch daran geglaubt habe, habe ich mein Ziel erreicht. Schlecht leserlich in der Dunkelheit steht ein Schild: “Bayerischer Yachtclub”. Fast will ich aufatmen, doch dann fällt mein Blick auf das, was darunter steht.

“Nur für Mitglieder”.

Ich überlege, einfach einzubrechen

Darunter leuchtet ein Ziffernblatt im Dunkeln. Offensichtlich ist ein Code erforderlich, um die Tür zu öffnen.

Ich rüttele an der eisernen Eingangspforte. Sie ist verschlossen. Ich bin verzweifelt, weiß nicht, was ich machen soll.

Dieser versteckte Yachtclub mit seinem Code hinter eisernen Toren - was müssen das für versnobte Menschen sein, die sich dort versammeln - in einem elitären Kreis und über ihre Schiffe sprechen, denke ich mir.

Ich bin genervt, will eigentlich lieber nach Hause. Aber gerade deshalb weigere ich mich, jetzt einfach umzudrehen und den dunklen Weg zurückzugehen. Ich bin doch nicht umsonst hierher gekommen.

Ich überlege, ob mich wohl jemand anzeigen wird, wenn ich über das Tor klettere. Gerade, als ich kurz davor bin, nähert sich ein Mann.

“Entschuldigen Sie”, sage ich. “Würden Sie mich mit reinnehmen?”

Der Mann lächelt freundlich. Im Licht der Straßenlaterne sehe ich, dass er weiße Haare hat. “Ja, natürlich”, sagt er. Das war leichter als gedacht. Ich bin drinnen.

Es ist auch noch ein Promi zu Gast

“Sind Sie zum ersten Mal hier?”, fragt er mich, während wir einen dunklen Hof überqueren.

“Ja”, sage ich. “Ich wollte mir das einfach mal anschauen.”

“Sind Sie mit niemandem verabredet?”, fragt er verwundert.

“Nein.”

“Sie haben aber Glück, dass Sie ausgerechnet heute da sind. Heute ist ein Prominenter bei uns zu Gast.”

“Oh. Wer denn?”

“Einer der berühmtesten Drachensegler.”

Ich habe noch nie in meinem Leben vom Drachensegeln gehört.

“Oh. Wow.”, sage ich.

“Segeln Sie?”, fragt er.

Es wäre logisch, ja zu sagen. Warum sonst sollte jemand schließlich in einen Yachtclub gehen. Als junge Frau. Alleine.

“Nein”, sage ich. “Aber ich bin sehr interessiert.”

50 weißhaarige Köpfe drehen sich zu uns um

Zu meiner Überraschung fragt er nicht weiter nach. Wir gehen zusammen ins Clubhaus. Schon durch das Fenster sehe ich lauter weißhaarige Köpfe.

“Ihnen ist schon bewusst, dass hier nur alte Säcke sind, oder?”, fragt er und lacht.

Macht nichts, ich will ja nur einen Millionär finden, denke ich mir.

Wir betreten das Clubhaus. An den Wänden hängen bunte Fähnchen und Bilder von Segelbooten.

“Und Sie sind wirklich mit niemandem verabredet?”, fragt er mich erneut. Ich sehe ihn an und bemerke, dass er fast genauso aussieht wie Richard Gere. Er trägt sogar die gleiche Brille. Aber er ist zu alt für mich. Mindestens 65.

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“Nein, ich wollte mir das wirklich einfach nur mal anschauen”, sage ich.

“Also dann: Folgen Sie mir, setzen Sie sich zu mir und sagen Sie keinen Ton”, befiehlt mir Richard Gere.

Er öffnet die Tür und ich tue, was er gesagt hat. Ich folge ihm durch den Raum und setze mich schweigend zu ihm. Ungefähr 50 weißhaarige Männerköpfe mit verblüffter Miene haben sich zu uns umgedreht.

Sie sehen ihn und mich kurz mit fragendem Blick an und drehen sich dann wieder weg. Wahrscheinlich würden sie gerne miteinander flüstern, aber sind zu höflich dafür.

Ich fühle mich fast wie ein Mitglied des Clubs

Sie sitzen an Holztischen und essen, weiter hinten im Raum steht ein großer Tannenbaum vor einer Bar. Die meisten der Männer sehen aus wie pensionierte Professoren von Elite-Unis. Der ein oder andere könnte auch ein Graf aus einem britischen Film sein.

Einige tragen ihr weißes Haar in ordentlich nach hinten gekämmten Wellen. Bei den meisten schauen die Spitzen bunt geblümter Einstecktücher aus den Brusttaschen der Sakkos.

Wenn jemand an unseren Tisch kommt, sagt Richard Gere jedes Mal nur: “Das ist Amelie”, als sei ich eine gute Freundin. Alle stellen sich höflich vor und geben mir die Hand. Ich habe meinen Vornamen verraten und erzählt, dass ich noch Studentin sei.

“Deine Hand ist ja ganz kalt”, sagt der etwa 70-jährige Mann, der mir jetzt gegenüber sitzt. “Ich bestelle dir einen Wein. Willst du auch einen Teller Gulasch essen?”

“Nein, danke”, sage ich, aber bin überrascht von so viel Freundlichkeit. Die Männer behandeln mich, als sei ich bereits Mitglied ihres Clubs.

Ich bin eine von vier Frauen

“Hier sind aber wenige Frauen”, sage ich zu dem Mann, der sich als Günther (Name geändert) vorstellt.

“Nun ja, heute ist sportlicher Abend”, sagt Günther als Erklärung.

“Und das heißt?”, frage ich, als hätte ich nicht verstanden, was er damit sagen will.

“Na ja, da kommen halt weniger Frauen. Frauen sind doch nicht so sportinteressiert.”

Ah ja. Fast vergessen.

“Was machst du denn für Sport?”, will er wissen.

Vor vielen Jahren habe ich mal Tennis gespielt. Ein Sport, der im Yachtclub vielleicht ganz gut ankommen könnte, denke ich.

“Ich spiele Tennis.”

Günther verzieht die Miene.

“Das wäre nichts für mich. Da muss man so viel laufen. Deshalb segle ich lieber oder spiele Golf”, sagt er. “Du solltest auch lieber segeln oder Golf spielen.”

Dann beginnt er, mir ausführlich von seinen gesundheitlichen Problemen zu berichten, er hat es mit dem Rücken und mit dem Knie.

“Neulich habe ich mir ganz tolle Schneeschuhe gekauft”, sagt er. “Die erleichtern mir das Gehen. Dadurch kann ich lange Spaziergänge im Schnee machen.”

Ich brauche einen Millionär unter 70, merke ich

Ich bin dazu übergegangen, nur noch zu lächeln und zu nicken. Doch mir wird eines bewusst: Ich sollte mir dringend einen Millionär unter 70 suchen. Leider ist das hier in etwa das Durchschnittsalter.

Als der berühmte Drachensegler mit seinem Vortrag beginnt, verstehe ich kaum ein Wort. Aber die Club-Mitglieder sind begeistert. Bei den Fotos von Drachenseglern, die der angebliche Promi an die Wand projiziert, erklingen “Aaaaah”- und “Ooooh”- Laute.

Richard Gere und Günther sehen mich erwartungsvoll an, also sage ich auch ein paar Mal “Aaaah” und “Ooooh”.

Am Ende des Vortrags erscheint ein Foto von nackten Frauen mit großen Brüsten und Weihnachtsmützen an der Wand. “Ups. Falscher Vortrag”, sagt der Drachensegler.

Dröhnendes Gelächter erklingt im Saal. Die Männer klatschen laut in die Hände, einer weint vor Lachen und wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. Als sich unsere Blicke treffen, guckt er ganz ernst und zieht seine Krawatte zurecht.

Das Bild mit den Frauen lässt der Drachensegler auch nach seinem Vortrag an der Wand. Viele der Männer starren es an.

“Wer will die Dame auf die Toilette begleiten?”

“Ich gehe mal kurz auf die Toilette”, entschuldige ich mich.

“Wer möchte die junge Dame auf die Toilette begleiten?”, ruft einer der Männer bei mir am Tisch und wieder erklingt dröhnendes Gelächter.

Ich merke, dass die Männer mit jedem Glas Alkohol unangenehmer werden. Als ich durch den Raum auf die Toilette gehe, bleiben mir die musternden Blicke nicht verborgen. Die Mienen der Männer sind nicht besonders freundlich. Einigen steht ins Gesicht geschrieben, was sie denken: “Welchen alten Sack hat sich die junge Frau gekrallt, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen?”

Als ich zurückkomme, hat mir jemand ein neues Glas Wein bestellt. Günther beginnt mich auszufragen. Ich behaupte, dass ich ein abgeschlossenes Medienstudium hätte und jetzt noch einmal neu mit Jura angefangen hätte.

“Ach Mensch, das ist ja was”, sagt Günther begeistert. “Wir sind fast alle Juristen.”

“Du kannst mit uns segeln gehen”, sagen sie

Er deutet auf einen Mann mit grauem Sakko und orange-geblümtem Einstecktuch.

“Das ist ein großer Name unter Juristen”, sagt er. “Einer der besten. Ihr solltet euch unterhalten.”

Vermutlich sollte ich lieber bald gehen. “Oh ja, das wäre toll”, sage ich stattdessen.

“Du kannst mit uns segeln gehen”, schlägt Günther vor. “Im Frühling.”

“Aber Günther, sie will doch nicht mit uns alten Säcken segeln”, schaltet sich jetzt Richard Gere ein. “Wir sollten ihr einen jungen Burschen suchen.”

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Sie schlagen mir vor, dass ich in den Jugend-Segelclub eintrete. Dort seien viele geeignete junge Burschen. Die Mitgliedschaft sei allerdings sehr teuer.

“Aber du lebst doch bestimmt eh von Papa”, sagt einer der Männer.

“Tatsächlich arbeite ich auch neben dem Studium”, erwidere ich.

“Du solltest aber nicht neben dem Jura-Studium arbeiten”, sagt ein anderer Mann ernst. “Du solltest dich voll und ganz auf Jura konzentrieren.”

“Ich bezahle meinen Kindern das Studium”, sagt ein anderer. “Man sollte seinen Kindern das Studium bezahlen.”

“Wenn das geht, ist das gut”, sage ich nur. Offenbar haben sie noch nicht davon gehört, dass einige Eltern ihren Kindern während des Studiums nicht alles zahlen können.

“In München City sind alle nur noch verschleiert”

Obwohl es noch früh am Abend ist, leert sich der Raum immer mehr. “Wir alten Säcke müssen früh ins Bett”, sagt Richard Gere. “Außerdem muss ich noch mit dem Zug nach München fahren.”

Als ich sage, dass ich auch nach München muss, scheint er erfreut. Günther bietet an, uns zum Bahnhof zu fahren. Ich will das Angebot eigentlich ausschlagen, aber es ist kalt, dunkel und der Zug sollte bald kommen. Also steige ich mit ein.

Günther zündet sich beim Fahren eine Zigarette an. Er beginnt anders zu reden, nicht mehr ganz so formell. Als hätte er die Rolle, die er im Yachtclub spielt, abgelegt.

“München gefällt mir überhaupt nicht mehr. Ich fahr gar nicht mehr nach München City”, sagt er. “Da sind alle nur noch verschleiert.”

Oh ja, München ist sicherlich die Hauptstadt der Verschleierung, denke ich mir. Die verschleierten Frauen, die ich bisher in München gesehen habe, kann ich an einer Hand abzählen.

“Na ja”, sage ich nur.

“Doch, doch”, sagt er. “Gerade in der Maximilianstraße. Da sind alle nur noch verschleiert. Furchtbar.”

Die Männer sind mir im Laufe des Abends immer unsympathischer geworden. Und jetzt muss ich auch noch mit einem von ihnen zusammen Bahn fahren. Wird also Richard Gere mein Millionär?, frage ich mich. Und werden mir genug Lügen einfallen, um die ganze Fahrt zu überbrücken?

Die Autorin hat eine Woche lang versucht, einen Millionär zu finden. Ihre Suche könnt ihr auch auf Instagram verfolgen. Die Fortsetzung folgt morgen. 

Hier findet ihr alle Teile der Millionärssuche:

Teil 1: Ich bin 25 und suche einen reichen Mann - diese Tipps hat mir eine Millionärsgattin gegeben 

➨ Teil 2: Ich wollte nach Büroschluss einen Millionär aufreißen - so lange hat es gedauert

➨ Teil 3: “Stell dich nicht an”, sagt er und packt mich - was passierte, als ich einen Millionär getroffen habe

 

 

 

 

 

 

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