WIRTSCHAFT
06/02/2018 12:24 CET

Warum der Tarifabschluss im Südwesten ein Glücksfall für Deutschland ist

Genau dieses Verantwortungsbewusstsein ist nötig, um die Demokratie zu stabilisieren.

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Ein Stahlarbeiter auf einer Demonstration der IG Metal. 
  • Der Abschluss für die Metall- und Elektroindustrie steht – zur Zufriedenheit aller Beteiligten
  • Die Einigung ist ein wichtiges Signal für den Arbeitsmarkt der Zukunft in Deutschland

Die Gewerkschafter der IG Metall sind ein Vorbild für das ganze Land.

Endlich mal Arbeitnehmervertreter, die nicht ständig von der Angst getrieben sind, ihren Anteil am Aufschwung fordern und für die gemeinsame Sache auch einen Streik riskieren.

So etwas kannte man in den vergangenen Jahren ja fast nur noch von einer kleinen, streitbaren Lokführer-Gewerkschaft

► Insgesamt 4,3 Prozent mehr Lohn soll es in den kommenden 27 Monaten für die beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg geben.

Dazu ab kommenden Jahr ein Urlaubsgeld (viele jüngere Arbeitnehmer kennen ja den Begriff kaum noch).

► Plus eine dreistellige Einmalzahlung für die ersten Monate des Jahres 2018. Plus eine dreistellige Sonderzahlung für 2019.

Dieser Abschluss klingt nach einem sagenhaft guten Deal für die Arbeitnehmer. Was soll man sagen? Das ist er auch. 

Deutschland und die niedrigen Löhne

Und das musste auch so sein.

In kaum einem anderen westeuropäischen Land sind die Nettolöhne derart niedrig wie in Deutschland

Wenn wir jetzt nicht anfangen, die einfachen Angestellten an dem nunmehr seit acht Jahren anhaltenden Boom zu beteiligen, dann droht sich die ohnehin schon vorhandene soziale Spaltung in diesem Land so weit zu vertiefen, dass die politischen Verhältnisse ins Wanken geraten.

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Ein hoher Lohnabschluss, das ist auch ein wenig Prophylaxe gegen weitere Wahlerfolge der AfD.

Auch die Arbeitgeber in der südwestdeutschen Metallindustrie sind ein Vorbild für dieses Land. Sie haben im richtigen Moment Verantwortung für ihre Arbeitnehmer übernommen und erkannt, dass die Jahre des Verzichts vorbei sind.

Natürlich haben auch die Arbeitgeber mit harten Bandagen verhandelt. Sonst wäre es nicht zu Streiks gekommen. Südwestmetall-Chef Stefan Wolf sagte am Dienstag, dass die “Vier vor dem Komma“ schmerze. Andererseits biete die lange Laufzeit des Tarifvertrags auch Planungssicherheit. 

“Wir haben als Tarifpartner in Baden-Württemberg unter Beweis gestellt, dass wir schwierige Themen vernünftig regeln können“, bilanzierte Roman Zitzelsberger von der IG Metall

Und das ist vielleicht die wichtigste Feststellung des Tages: Trotz aller gegenseitigen Interessen und der bisweilen nötigen Drohkulisse saßen sich dort immer noch Menschen gegenüber, die wissen, dass sie am Ende besser miteinander als gegeneinander arbeiten sollten.

Das Relikt der 40-Stunden-Woche

Dass es in diesen Tarifverhandlungen tatsächlich nicht nur um Beschäftigte, sondern auch um Menschen ging, zeigt die Einigung über die Einführung einer auf zwei Jahre befristeten 28-Stunden-Woche.

► Hunderttausende von Arbeitnehmern haben dadurch die Möglichkeit, Beruf und Privatleben besser in Einklang zu bringen.

Die starre 40-Stunden-Woche ist ein Relikt aus jener Zeit, in der Familien von einem “Alleinversorger“ ernährt wurden. Das ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich überholt. Welcher Metaller kann heute noch, allein mit seinem Lohn, eine vierköpfige Familie versorgen?

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Die 28-Stunden-Woche kann Familien dabei helfen, besser als Team zu funktionieren. Sowohl in der Kindererziehung als auch in der Pflege von kranken Familienmitgliedern.

Ebenfalls bemerkenswert: Eltern von kleinen Kindern können auf das Urlaubsgeld verzichten und bekommen dafür acht zusätzliche freie Tage im Jahr. 

Der Abschluss in der südwestdeutschen Metall- und Elektroindustrie hat stets Vorbildcharakter für andere Branchen in ganz Deutschland, zum Beispiel auch für den öffentlichen Dienst.

► Man kann nur hoffen, dass dies auch in diesem Jahr der Fall ist.

Das gilt nicht nur für die Höhe des Abschlusses, sondern auch für die Art und Weise, wie Tarifpartner in Deutschland zusammenarbeiten.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Baden-Württemberg haben heute bewiesen, dass ihnen der soziale Zusammenhalt dieses Landes wichtig ist. Genau dieses Verantwortungsbewusstsein ist nötig, um die Demokratie zu stabilisieren.

(jg)