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Ich war 15 Jahre lang Opernsängerin - dann habe ich gemerkt, dass Pornos die viel größere Kunst sind

"Pornos gehören ins Museum und ins Theater."

29/12/2017 16:43 CET | Aktualisiert 30/12/2017 07:01 CET
Adrineh Simonian
Will sich Pornos in Museen ansehen: Adrineh Simonian

Fünfzehn Jahre lang habe ich als Opernsängerin vor allem auf den Bühnen Wiens gestanden. Es war immer mein Traum, Opernsängerin zu werden. Doch irgendwann habe ich begonnen, mich mehr und mehr mit Sexualität zu befassen, vor allem mit Pornografie - und war zunächst entsetzt, was ich alles im Internet zu sehen bekam.

Auf Plattformen, die auch für Kinder frei zugänglich sind, fand ich die ekelhaftesten und frauenfeindlichsten Pornos, die man sich nur vorstellen kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: Vier Männer stecken einer Frau gleichzeitig ihre Penisse in den Hintern.

So etwas ist nur möglich, wenn die Darstellerin vorher eine Tablette einnimmt, die Frauen auch kurz vor der Geburt bekommen: Dadurch dehnt sich ihr Körper leichter. Für Pornos ist eine solche Tablette aber eigentlich nicht gedacht. Ich bin mir sicher, dass die Darstellerin danach ins Krankenhaus musste.

Pornos wie diese dienen nur einem Zweck: Sie befriedigen Männer-Fantasien. Aber mit Sexualität hat das für mich nichts zu tun.

“Sprung von der Oper zum Porno ist nicht groß”

Sexualität sollte für mich von Mann und Frau ausgehen. Doch die meisten Mainstream-Pornos sind einseitig. Sie orientieren sich nur an den Männern.

Ich wollte das ändern, also habe ich beschlossen: Ich werde Porno-Produzentin. Das war im Sommer 2014. Seitdem habe ich keinen Ton mehr gesungen und produziere stattdessen feministische Pornos.

Ich habe mir ein kleines Produktions-Team zusammengestellt und mich an dem gemeinsamen Konto von meinem Ehemann und mir bedient. Er ist auch Opernsänger, sogar ein sehr berühmter, aber er steht glücklicherweise voll und ganz hinter mir. Denn er findet das, was ich tue, extrem wichtig.

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Der Sprung von der Opernsängerin zur Porno-Produzentin war für mich gar nicht so groß. Beides ist Kunst. Als Opernsängerin ging es mir immer darum, meine Rolle so authentisch wie möglich darzustellen. Als Porno-Produzentin geht es mir nun darum, meine Pornos so authentisch wie möglich zu gestalten.

“Als Opernsängerin habe ich mich wie eine Prostituierte gefühlt”

Insgesamt ist für mich die Pornografie sogar die noch viel größere Kunst. Als Opernsängerin habe ich mich oft wie eine Prostituierte gefühlt. Denn du bist in dem, was du tust, nicht frei.

Schon bei den Proben bestimmen der Dirigent und der Regisseur über dich. Und du darfst keine Widerworte geben, wenn dir etwas nicht passt. Sonst wirst du ganz schnell ausgetauscht.

Als Porno-Produzentin bin ich jetzt vollkommen frei und weil mir das so wichtig ist, lasse ich auch die Darsteller meiner Porno-Filme so frei wie möglich. Bei mir sind ohnehin keine typischen Porno-Darsteller zu sehen.

Ich hatte beispielsweise schon eine Juristin, eine Psychologin und einen Sprachwissenschaftler vor der Kamera. Das sind alles sehr reflektierte Menschen, denen es um den Sex geht und nicht darum, ihr Geschlechtsteil möglichst präsent in die Kamera zu halten.

“Nichts für jemanden, der sich nur einen abschütteln will”

Oft filme ich sogar ganz ohne Drehbuch. In der sogenannten Black Box filmen wir Paare beim Sex, die schon lange zusammen sind. Das ist oft sehr liebevoller Sex.

Von Zuschauern bekomme ich deshalb manchmal Beschwerde-Mails: “Das ist doch kein Porno, das ist Kuschel-Sex”, schreiben sie mir. “Das macht mich überhaupt nicht geil!”

Aber genau darum geht es mir. Ich möchte Intimität zwischen Menschen zeigen und nicht etwas für jemanden produzieren, der sich nur einen abschütteln will.

Das heißt noch lange nicht, dass ich nur harmlosen Kuschel-Sex zeige. Bei manchen Pärchen geht es schließlich auch hart zur Sache. Wenn die Frau darauf steht, dass der Mann sie schlägt oder ihr ins Gesicht spritzt, sage ich: “Wunderbar!”

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Denn bei mir ist alles erlaubt, so lange meine Darsteller eine Regel befolgen: Alles muss einvernehmlich geschehen. Das ist bei Mainstream-Pornos oft nicht der Fall.

“Pornos gehören ins Theater und Museum”

In einem anderen Format zeige ich durchaus auch Menschen beim Sex, die sich vorher noch nie gesehen haben. Doch wenn ich beim Dreh merke: Bei denen stimmt die Chemie nicht, dann breche ich es ab.

Ein Mensch, der den Geruch eines anderen nicht mag, sollte keinen Sex mit ihm haben. Das ist meine Meinung. Bei mir wird niemand zu etwas gezwungen, alles passiert aus freiem Willen. Das ist das Besondere an meinen Pornos.

In Wien wurden sie sogar schon im Theater mit Live-Musik gezeigt. Ich finde, das ist genau der richtige Ansatz. Wir müssen Pornos als etwas Normales in die Gesellschaft bringen. Pornos gehören auch ins Museum und Theater.

Aber es sollte dabei nicht nur um Männer-Fantasien gehen, sondern um einvernehmlichen, leidenschaftlichen Sex. Denn seien wir ehrlich: Nur dann ist er doch auch wirklich schön.

Das Protokoll wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.

(jg)