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Ich kam als Flüchtling – jetzt baue ich in Berlin Häuser für Obdachlose

Ich tue, was ich kann, um dieses Land mitzugestalten.

15/02/2018 10:57 CET | Aktualisiert 15/02/2018 13:37 CET
Apo

Als ich sieben war, flohen meine Eltern mit mir aus der Türkei nach Deutschland.

Die Bundesrepublik hat es mir nicht leicht gemacht. Heute bin ich 28 Jahre alt und habe weder einen deutschen Pass, noch eine Arbeitserlaubnis.

Doch ich tue, was ich kann, um die Zukunft Deutschlands mitzugestalten. Ich baue Häuser. Für bedürftige Mitglieder der deutschen Gesellschaft.

Ich sehe sie jeden Tag: obdachlose Menschen, Flüchtlinge, einsame Menschen. Für sie versuche ich, Lösungen zu schaffen.

Tiny Houses sind günstig und platzsparend 

Tiny House University heißt der Verein, in dem ich mit sieben anderen jungen Menschen Häuser baue – auf maximal zehn Quadratmetern. Die Häuser sind auf Anhängern befestigt, können überall aufgestellt werden, wo es Strom und Wasser gibt.

Die erste kleine Gemeinde aus den “Tiny Houses” entstand in Berlin, auf dem Bauhaus Campus. Dort wohne ich auch selbst – zusammen mit vielen verschiedenen Menschen: Geflüchteten, ehemaligen Obdachlosen und Künstlern, wie auch ich einer bin.

Bauhaus Campus Berlin
Die Tiny Houses stehen auf Anhängern. 

Innerhalb unseres “Tinyvillages” bin ich deshalb vor allem für das Beleben der Häuser zuständig. Ich kümmere mich um alles, was mit Kunst und Kultur zu tun hat. Aber natürlich baue und gestalte ich auch, gemeinsam mit den Bewohnern unseres kleinen Dorfes.

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Unser Ziel: Unsere Idee verbreiten, Menschen damit inspirieren und vielleicht sogar den geschätzten 860.000 Obdachlosen in Deutschland ein Dach über dem Kopf schenken.

Tiny Houses sind günstig, platzsparend und können fast überall aufgestellt werden. Auch wenn es nur wenige Quadratmeter sind, die jeder von uns besitzt – es ist ein eigenes kleines Zuhause.

Dass wir nicht für alle Bedürftigen Häuser bauen können, wissen wir. Aber wir wollen mit unserer Idee andere Menschen anstecken.

Pro Jahr werden in Deutschland 70.000 Wohnungen zu wenig gebaut

Nach einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe könnte die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland in diesem Jahr auf 1,2 Millionen steigen. 

Bauhaus Campus Berlin
Tiny Houses können überall aufgebaut werden

Dazu kommen die Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren in Deutschland Zuflucht gesucht haben.

Deutsche Großstädte sind restlos überfüllt und es gibt viel zu wenig Sozialwohnungen. Bundesweit ist der Bestand an Sozialwohnungen seit 1990 um 60 Prozent gesunken. Pro Jahr werden in Deutschland 70.000 Wohnungen zu wenig gebaut.

Ich weiß selbst allzu gut, wie es ist, Zukunftsängste zu haben. Nach meinem Schauspielstudium in Berlin musste ich feststellen: Für mich ist es gar nicht so einfach, an staatlichen Theaterhäusern Arbeit zu finden.

Denn obwohl ich jetzt schon einige Zeit in Deutschland lebe, mit der deutschen Sprache aufgewachsen bin und dieses Land liebe, habe ich hier immer noch keine Arbeitserlaubnis.

Bevor ich auf die Tiny House University gestoßen bin, machte ich mir oft Sorgen, in einer prekären Lebenssituation zu enden.

Vor Obdachlosigkeit oder Armut habe ich jetzt jedoch keine Angst mehr. Ich jobbe mittlerweile an kleineren Theatern. Vor allem aber habe ich ein eigenes kleines Haus und eine unterstützende Gemeinschaft an meiner Seite.

Bauhaus Campus Berlin
Bevor ich auf die Tiny House University gestoßen bin, macht ich mir oft Sorgen, in einer prekären Lebenssituation zu enden.

Die Betroffenen aufzufangen, ist die oberste Pflicht unserer Gesellschaft

Unter ihnen sind auch zwei italienische Handwerker. Sie kamen nach Berlin und lebten dort eine Weile in einem Park, weil sie keine Wohnung fanden. Jetzt sind sie Hausbesitzer und haben sich in Deutschland auf 10 Quadratmetern ein Leben aufgebaut.

Von ihnen weiß ich: Armut, Obdachlosigkeit und Einsamkeit kann jeden treffen. Eine falsche Entscheidung, eine unglückliche Fügung – und man steht auf der Straße.

Die Betroffenen aufzufangen, ist die oberste Pflicht unserer Gesellschaft. Und dieser Pflicht kommt Deutschland momentan noch nicht so gut nach.

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Ich hatte immer eine Wahl. Ich hätte Deutschland jederzeit verlassen und woanders neu anfangen können. Vielleicht in einem Land, in dem ich schneller eine Arbeitserlaubnis bekommen hätte.

Doch ich bin geblieben. Deutschland ist meine Wahlheimat. Und deshalb helfe ich meinem Land, seine Probleme zu lösen und seine Pflicht zu erfüllen.

In den kommenden 3 drei Monaten kommt Apo mit dem tinyvillage in die Lutherstadt Wittenberg (Cranach Museum). Dort kann man bei einem Workshop mit Unterstützung sein eigenes Haus bauen.