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Ich kam als Einwanderer, heute bin ich Arzt – das können Flüchtlinge von mir lernen

Gefahr. Angst. Wegrennen. Das war alles, was ich als Kind kannte.

03/01/2018 14:24 CET | Aktualisiert 03/01/2018 16:03 CET

Gefahr. Angst. Wegrennen.

Das war alles, was ich als Kind kannte. Ich war 5 Jahre alt, als 1983 der Bürgerkrieg in meinem Heimatland Sri Lanka begann.

Im Video oben: “Hamburg ist meine Heimat”: Flüchtling macht bewegende Liebeserklärung

Was Frieden ist, das wusste ich nicht. Mein Leben und mein Alltag waren nur geprägt von Krieg und Leid.

Und von meiner Schwester. Sie ist während des Kriegs schwer krank geworden. Ständig war ich mit meiner Familie beim Arzt. Stundenlang saßen wir in Warteräumen. Und immer wieder sagte meine Mutter: ‘Hätten wir doch nur jemanden in der Familie, der Arzt ist, dann hätten wir all diese Sorgen nicht.’

Von da an hatte ich den Wunsch, selbst Arzt zu werden. Doch mir diesen Traum zu erfüllen, schien unmöglich. Nach einigen Kriegsjahren war meine Schule dauerhaft geschlossen. Ich ging immer gerne in die Schule, war der beste Junge in meiner Klasse. Aber ich konnte nicht mehr hingehen. Stattdessen habe ich auf dem Markt Obst und Gemüse verkauft. Das war besser, als gar nichts zu tun.

Meine Eltern wollten kein Kind mehr sterben sehen

Als meine Schwester zwölf Jahre alt war, starb sie. Ich war damals zehn. Meine Eltern hatten ein Grundstück verkauft, um mit dem Geld meine Schwester für eine Therapie ins Ausland zu schicken. Aber sie war tot.

Meine Eltern wollten kein Kind mehr sterben sehen. Sie wollten, dass ich rauskomme, es besser habe, die Familie rette. Also investierten sie das Geld in mich.

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Und so kam ich schließlich nach Deutschland. Acht Monate war ich unterwegs. Sie schickten mich im Januar 1991 mit einem Schlepper los, und über Singapur, Dubai, Togo, Ghana, Lagos landete ich schließlich in Hamburg.

Ich sprach kein Wort Deutsch oder Englisch, war alleine, kannte lediglich die Adresse meines Onkels. Der lebte dort seit einiger Zeit mit seiner Familie. Mit Hilfe einer Jugendamtsmitarbeiterin schaffte ich es zu ihm.

Wer in einer anderen Kultur aufgewachsen ist, kann die deutsche nicht kennen

Nach einem halben Jahr in der Vorbereitungsklasse wurde ich dann in die 7. Klasse einer Hamburger Schule eingeschult. Ich hatte Angst, zitterte, wenn ich etwas sagen oder vorlesen musste. Und erfuhr ich so viel Liebe in der Schule.

Dort lernte ich, was Toleranz bedeutet. In meiner Schule waren 60 Prozent der Schüler Kinder aus Zuwandererfamilien. Türken, Polen, Jugoslawen.

Noch heute profitiere ich davon, zu wissen, wie welche Menschen ticken. Wir alle müssen verstehen, wie andere Kulturen und Religionen funktionieren. Nur so kann unsere Gesellschaft stabil sein.

Heute bin ich Herzchirurg im bayerischen Bad Neustadt. Und ich habe zwei große Wünsche. Der erste richtet sich an die, die heute zu uns nach Deutschland kommen. Ich will, dass ihr in 20 Jahren genauso wie ich heute sagen werdet, dass ihr gerne hier seid.

Aber dafür dürft ihr nicht nur fordern. Es ist ein Geben und Nehmen. Und das Wichtigste: Lernt Deutsch! Und lernt die Regeln der deutschen Kultur. Wer in einer anderen Kultur aufgewachsen ist, kann die deutsche nicht kennen. Aber ihr müsst offen dafür sein, sie kennen und verstehen zu lernen.

Ihr müsst versuchen, dankbar zu sein

Gleichzeitig müssen die Menschen, die euch in Deutschland aufnehmen, verstehen, dass sie euch erst erklären müssen, was Demokratie bedeutet, welche Regeln ein demokratisches Miteinander ausmachen. Es muss ein Dialog sein, der von beiden Seiten kommt.

Es gibt viele Stolpersteine, ob es Behörden sind oder misstrauische Nachbarn. Aber ihr müsst trotzdem versuchen, dankbar zu sein. Dankbar denen gegenüber, die früher mich unterstützt haben und die heute euch helfen wollen.

Im Krankenhaus habe ich mal einen Jungen kennengelernt, der auch geflüchtet war und nicht einsehen wollte, dass er sich bemühen muss, wenn er richtig ankommen möchte. Er hatte keine Lust, Deutsch zu lernen, keine Lust, eine Ausbildung anzufangen.

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Ich habe ihm gesagt, wie wichtig es ist, dass er Deutsche kennenlernt, auf sie zugeht. Nicht nur fordert, dass sie auf ihn zugehen. Ich habe ihm gesagt, dass er Gast ist in Deutschland und sich auch so verhalten muss. ‘Lern unsere Regeln, versuch nicht die Regeln deines Landes hier vorzuführen’, habe ich ihm gesagt.

Es ist nicht fair, hier an die Tür zu klopfen und nach Hilfe zu rufen und dann erst einmal zu sagen: Die Farbe deiner Wand gefällt mir nicht. Als Gast ist es selbstverständlich, dass ich mich auf die deutsche Sprache und Kultur zubewege. Heute ist er mir dankbar und hat verstanden, warum all das so wichtig ist.

Der Weg ist so schwer, aber er lohnt sich

Der Weg ist so schwer, aber er lohnt sich – und zwar für beide Seiten. Und das ist mein zweiter Wunsch. Ich will, dass Deutsche, die sich an Fremden im Land stören, verstehen, dass sie nicht mehr auf uns verzichten können.

Viele von euch schauen nur auf ihren eigenen Weg und sehen nicht, wer ihnen auf dem Weg hilft. Ihr solltet euch einmal fragen: Wer putzt denn in den Krankenhäusern, in denen ihr behandelt werdet, wenn ihr krank seid? Wer wäscht eure Teller, wenn ihr im Restaurant gegessen habt? Wer arbeitet in Fabriken an den Fließbändern? Wer schuftet auf Feldern und Äckern? Und wer zieht freiwillig wie ich von einer Großstadt wie Hamburg aufs bayerische Land, um euer krankes Herz zu reparieren?

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Wir sind in Deutschland darauf angewiesen, dass Menschen aus aller Welt zu uns kommen. Das Gesundheitssystem mit allem drum und dran aufrechtzuerhalten, würde zum Beispiel sonst nicht funktionieren. Ist es nicht ein Gewinn für Deutschland, wenn ein syrischer Arzt zu uns kommt und bei uns arbeiten will?

Ich bin stolz, hier leben zu dürfen

Auch ich habe lange von dem deutschen Sozialsystem profitiert – und will jetzt etwas zurückgeben und meine Dankbarkeit zeigen. Ich zahle gerne Steuern und unterstützte damit andere, die das Geld brauchen. Egal ob das Menschen sind, die in Deutschland geboren sind, oder solche, die zu uns geflüchtet sind.

Der Weg ist steinig – für uns alle. Aber wir können es schaffen. Ich hatte einmal einen Patienten, ein älterer Herr, der sich erst geweigert hat, sich von mir behandeln zu lassen. Ich habe ihn trotzdem behandelt, ich war nett zu ihm, bin mit ihm umgegangen, als ob er mein eigener Vater wäre.

Denn das ist mein Job und ich werde jedem helfen, der meine Hilfe benötigt. Am Ende, als er das Krankenhaus wieder verlassen hat, hat er mir auf die Schulter geklopft und gesagt: ‘Du bist ein Guter’.

Der Mensch ist in der Lage, seine Vorurteile abzubauen und zu lernen. Er muss nur wollen. In diesem Land ist alles für jeden möglich. Ich bin stolz, hier leben zu dürfen.

Das Gespräch wurde von Uschi Jonas geführt und aufgezeichnet.

Wer mehr über das Leben von Umeswaran Arunagirinathan erfahren möchte, sollte einen Blick in seine Bücher “Der Fremde Deutsche” und “Allein auf der Flucht” werfen.

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