LIFESTYLE
11/01/2018 16:06 CET | Aktualisiert 12/01/2018 08:34 CET

Ich habe Menschen im Internet nach ihren dunkelsten Geheimnissen gefragt

"Bei vielen Geschichten bekomme ich immer noch Gänsehaut."

  • Ich habe Menschen gebeten, mir ihre dunkelsten Geheimnisse anzuvertrauen
  • Am Anfang waren sie noch harmlos, mit der Zeit wurden sie immer schlimmer
  • Im Video oben seht ihr, wie ich mit den Geständnissen umgegangen bin und warum ich denke, dass sie tatsächlich wahr sind

Bereits vor einiger Zeit berichteten wir bei der HuffPost über einen Erzieher, der sich online anonym als Pädophiler outete. Auf der Website “Reddit” bekannte er sich zu seiner Neigung und beantwortete Fragen.

Diese Geschichte brannte sich in mir fest. Jeder von uns hat Geheimnisse, aber wie viele Menschen tragen Gedanken und Geschichten mit sich herum, die sie niemandem anvertrauen wollen? Und was treibt manche Menschen dazu, sie trotzdem zu erzählen?

“Erzählt mir eure Geheimnisse!”

Um das zu beantworten, startete ich vor einigen Wochen einen Aufruf. Ich legte mir die Dating-App “OkCupid” zu, auf der man von Usern (sowohl männlich als auch weiblich) auf der ganzen Welt angeschrieben werden kann. Und zwar so, dass Wohnort, Alter und Profilbild für den Empfänger sichtbar sind.

In meinem Profil stand einfach nur:

“Für einen Artikel sammle ich verschiedenste Geheimnisse. Wenn ihr etwas Lustiges/Seltsames/Schlimmes habt, schreibt es mir einfach! Es wird natürlich am Ende komplett anonym sein.”

Ich war mir absolut unsicher, ob das ausreichen würde, um Menschen dazu zu bewegen, sich mir anzuvertrauen.

Keine 24 Stunden später...

Es dauerte allerdings keine 24 Stunden, da hatte ich die ersten Geheimnisse in meinem Posteingang. Insgesamt haben mir inzwischen schon mehr als hundert Menschen geschrieben. Eine Auswahl:

Anfänglich waren es noch eher “harmlose” Geschichten. Dieser Mann zerkratzte zum Beispiel in jungen Jahren das Auto eines Vaters, dessen Sohn er nicht leiden konnte. So erzählt er es zumindest. Er habe die Schrift des Sohnes imitiert, woraufhin dieser von seinem Vater verprügelt worden sei.

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Natürlich waren auch viele sexuelle Geheimnisse dabei. Dieser Mann erzählte mir zum Beispiel, er kaufe gerne Kleidung für Frauen, um sie danach darin zu “dominieren”. 

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Eines der Gespräche, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind, war dieses: Ein Mann erzählte mir, dass er zwar gerade drogenfrei sei, seine Zeit als Süchtiger aber sehr vermisse. Menschen würden von ihm erwarten, dass er öffentlich behaupte, ohne Drogen glücklicher zu sein. Aber dem sei nicht so.

Ihm sei egal, ob er lebe, im Knast sitze oder tot sei. 

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Ihr stellt euch bestimmt, genau wie ich, die Frage: Wieso öffneten sich so viele Menschen einer absolut Fremden im Web? Bis auf das Versprechen in meiner Profilbeschreibung hatten sie keine Sicherheit, dass ihre Geschichten oder Gedanken anonym bleiben.

Die Psychologie hinter dunklen Geheimnissen 

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass dunkle Geheimnisse immense Auswirkungen auf einen Menschen haben können, der sie mit sich herumträgt. Sie zu verschweigen führt zu Stress, zur Einschränkung des Denkvermögens und es kann negative gesundheitliche Folgen haben.

Es gibt also Betroffene, die die sprichwörtliche “Last auf den Schultern” tatsächlich spüren. Vor allem für Menschen, die sich nicht in Therapie befinden, muss es also unglaublich befreiend sein, jemandem ihr Herz auszuschütten.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Bei vielen Geschichten bekomme ich immer noch Gänsehaut. Aber seht selbst. Hier sind einige der Dinge, die ich in den letzten Wochen über Fremde erfahren habe: 

Einer der Menschen, die sich mir anvertrauten, hatte angeblich in der Vergangenheit einen Unfall auf einer Autobahn verursacht. Er beging Fahrerflucht und niemand fand es jemals heraus. 

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Ein Geständnis, das ich unfassbar oft bekam: Sex mit Geschwistern. Auf meine Nachfragen beteuerten immer alle Absender, es sei einvernehmlich geschehen. 

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Dieser junge Mann erzählte mir, er würde sich immer, wenn er sich im Badezimmer einer Frau befinde, zu ihren benutzten Höschen selbst befriedigen. 

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Immer wieder waren Geschichten dabei, die mich nicht losließen. Diese Frau erzählte, sie habe gesehen, dass ihr Onkel umgebracht wurde – und sie könne die Gesichter der Mörder nicht vergessen. 

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Eine weitere Frau gab mir die Wahl zwischen zwei Geheimnissen: Sie habe als Kind viele Süßigkeiten geklaut. Außerdem sei sie die wahre Mutter ihrer kleinen Schwester. Welches ich für wichtiger halte, sollte ich selber entscheiden. 

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Diese Konversation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Mann erzählte von seiner Neigung, Frauen beim Sex mit Tieren zu beobachten. Er sagte, es müsse einvernehmlich geschehen und niemand dürfte Schmerzen davontragen. Außerdem schäme er sich sehr dafür.

Ich fragte ihn, ob er sich denn in Therapie befinde, und sagte auch ausdrücklich, dass Tiere meiner Meinung nach nicht einwilligen könnten. Er schien sehr selbstreflektiert zu sein und auch gewillt, sich Hilfe zu holen. 

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Definitiv ein Geheimnis, das mich noch jetzt schlecht schlafen lässt: Ein Mann erklärte mir, er habe sich einmal zu einem Bild selbst befriedigt, auf dem eine erhängte KZ-Wächterin zu sehen war. 

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Dieser Mann hatte anscheinend während seines Urlaubs genug von den Regeln des Hostels und versenkte Ecstasy im Kaffee des Aufsehers, damit er und seine Freunde ungestört weiter feiern konnten. 

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Eines der letzten, die ich bisher erhalten habe, ist dieses Geheimnis: Eine Frau erzählte mir, sie habe beinahe jemanden umgebracht, der ihre Freundin vergewaltigen wollte.

Auf mein Nachfragen, wie sie sich nun fühle, sagte sie nur: “Ich weiß, ich sollte mich heldenhaft fühlen, allerdings fühle ich mich nur schuldig.”

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Ich bin immer noch überwältigt von den vielen Menschen, die mir geschrieben haben. Ich kann mir natürlich nicht bei jedem sicher sein, dass seine Geschichte wahr ist. Aber ihre detailreichen Schilderungen klingen glaubwürdig.

Am häufigsten waren wohl Geständnisse, die Fremdgehen betreffen, was wohl an der Art der Plattform lag. Es war immerhin eine Dating-App.

Ich werde meinen Aufruf noch eine Weile stehen lassen. Es sieht so aus, als seien viele Menschen sehr dankbar für ein offenes Ohr. 

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(jds)