LIFESTYLE
12/01/2018 12:51 CET | Aktualisiert 12/01/2018 13:44 CET

Ich habe einen BDSM-Stammtisch besucht - und hatte viel Spaß

Als ich meinen Mantel hole, bin ich etwas aufgewühlt, aber es geht mir gut.

Franziska Kiefl
Auf dem Weg zum Stammtisch

Ich betrete ein kleines Nebenzimmer. Rund 40 Köpfe drehen sich nach mir um. Sie mustern mich neugierig.

“Ich bin für den Stammtisch hier”, sage ich.

“Da bist du hier richtig”, sagt mir ein junger Mann. “Melde dich doch kurz bei unserem Organisator.”

Bis dahin kannte ich den Mann nur von Mails. Ich musste ihm schreiben, um herauszufinden, wo der Stammtisch stattfinden sollte. Öffentlich ist der Ort nicht zu finden. Denn hier treffen sich Menschen, die einen besonderen Fetisch haben: BDSM.

BDSM steht für die englischen Worte Bondage, Dominance, Submission und Masochism. Übersetzt: Fesseln, Dominanz, Unterwerfung und Masochismus.

Und so habe ich mir den Organisator auch vorgestellt wie Christian aus “50 Shades of Grey”.

Einen reichen, schnittigen Unternehmer, der in seinem verglasten Büro hinter einem Luxus-Schreibtisch thront und nebenbei Bondage-Stammtische organisiert.

Gegenüber sitzt ein Mädchen mit Hundehalsband

In der Kneipe angekommen, bin ich etwas enttäuscht. Denn nach einem kontrollsüchtigen Millionär sieht hier niemand aus.

Ich muss mich also durchfragen, um Christian zu finden.

Es ist voll. Ich muss sagen, mit so vielen Teilnehmern hatte ich nicht gerechnet. Und doch finden sich unter den rund 40 Personen vielleicht acht Mädchen. Kein Wunder, dass ich angestarrt werde.

Der Organisator sieht unauffällig aus und begrüßt mich freundlich. “Such dir einfach irgendwo einen Platz”, sagt er.

Ich quetsche mich an einen Tisch, an dem zwei Mädchen und ungefähr neun Männer sitzen. Zu meiner rechten ein sportlich wirkender Kerl, links von mir ein ordentlich gekleideter junger Mann mit perfektem Haarschnitt. Typ Banker. Gegenüber sitzt ein Mädchen mit Hundehalsband.

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“Ist hier immer so viel los?”, frage ich in die Runde.

“Ja, eigentlich schon”, antwortet mir ein rothaariger Mann am Tischende. Er kommt zu uns rüber.

“Ich bin auch zum ersten Mal da”, sagt mir der Banker. Auch der Sportler ist wohl das erste Mal mit dabei.

“Bist du dominant oder devot?”

Der Rothaarige hat inzwischen neben mir Platz genommen und beugt sich so nah zu mir, dass ich mich unwohl fühlen würde, wären wir nicht unter so vielen Leuten.

“Warum bist du da?”, fragt mich der Rothaarige. Ich weiß nicht, ob ich mir die Anzüglichkeit in seiner Stimme nur einbilde.

“Mein neuer Freund steht auf BDSM. Ich wollte mir das Ganze mal ansehen. Mal mit Leuten quatschen, die schon ein bisschen mehr Erfahrung haben”, lüge ich. Dass ich nur für meine Arbeit hier bin, kann ich schließlich schlecht zugeben.  

“Dann bist du hier genau richtig”, antwortet mir. Sportler und Banker nicken zustimmend.

“Also, bist du dominant oder devot?”, fragt er mich geradeaus und blickt mir tief in die Augen.

“Ähh, devot schätze ich.” Ich frage mich, ob er mich in seinem Kopf schon angeleint und ausgepeitscht hat.

“Das sind die meisten Frauen”, klärt mich der Banker auf. “Ich denke die meisten Männer hier sind dominant.” Ich sehe mir die wenigen Mädchen im Raum an. Sie sind alle sicher nicht älter als 25, fallen kaum auf, reden wenn überhaupt nur sehr leise.

Die meisten von ihnen sitzen still und lächeln, wenn die Männer an ihrem Tisch in Gelächter ausbrechen.

Vielleicht falle ich auch deshalb auf. Ich bin neugierig und stelle viele Fragen.

“Vielleicht sehen wir uns ja morgen!”

Der Rothaarige starrt mich weiter an. Ich wünsche mir, er würde endlich an seinen Platz zurückgehen oder sich ein anderes Objekt der Begierde aussuchen. Mein Wunsch wird erhört.

“Ich muss jetzt gehen”, sagt er plötzlich. “Vielleicht sehen wir uns ja morgen.”

“Was ist morgen?”, frage ich nach.

“Der Fesseltreff!”

Banker und Sportler sind nett. Also frage ich die beiden, was es mit dem Fesseltreff auf sich hat.

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“Sie gehen in eine Turnhalle und fesseln sich gegenseitig.”

Damit scheint das Thema abgehakt - und ich fühle mich jetzt, wo der Rothaarige abgezogen ist, mittlerweile wohl. Mit Banker und Sportler verstehe ich mich richtig gut. Es gibt jetzt sogar kostenlose Plätzchen.

Langsam bekomme ich das Gefühl, ich befinde mich in einer Fetisch-Partnerbörse

“Wie seid ihr auf die Idee gekommen, hierher zu kommen?”, frage ich die beiden also.

Ihre Geschichten sind sehr ähnlich. Sie sind beide dominant und hatten in der Vergangenheit nur Beziehungen, in denen sie ihren Fetisch nicht ausleben konnten. Jetzt sind sie hier.

“Dein Freund hat Glück, dass du ihm zuliebe in die Szene hinein schnupperst”, lobt mich der Banker mit schwärmerischem Gesichtsausdruck.

Langsam bekomme ich das Gefühl, ich befinde mich in einer Fetisch-Partnerbörse. Dieser Verdacht sollte sich im Laufe des Abends noch erhärten.

Nach einer Weile kommt noch ein junger Mann dazu. Er setzt sich neben mich und ich merke, dass er schüchterner auftritt als die meisten Männer im Raum. Ich bohre ein wenig nach.

“Für mich ist es nicht so leicht, jemanden zu finden, mit dem ich meinen Fetisch ausleben kann”, sagt er schließlich. “Ich bin nämlich devot - das ist eher selten bei Männern. Dominante Frauen zu finden ist schwierig.”

Ich will ihn fragen, ob er deshalb hier ist, aber dazu kommt es nicht. Eine junge Frau an unserem Tisch mischt sich in unser Gespräch ein.

Ich erkläre ihr, warum ich hier bin. Dann erzählt sie mir ihre Geschichte.

“Naturkaviar ist für mich ein Hard Limit”

“Seitdem ich 18 Jahre bin, habe ich verschiedene Herren, denen ich mich unterwerfe”, erklärt sie mir. Sie ist jetzt nicht viel älter. Sie ist hübsch und freundlich. Ich merke, dass sie mir helfen will, in ihrer Welt anzukommen.

“Als Einsteiger ist es wichtig, nur das zu tun, worauf du Lust hast”, sagt sie mir. “Lass dich von niemandem beeinflussen, es gibt nichts, was du in der Szene tun musst. Lass mit dir nur das machen, was du auch möchtest.”

Ich lerne von ihr, wie wichtig es ist, sich “Hard Limits” und “Soft Limits” zu setzen - also Grenzen, die dein “Spielpartner” keinesfalls überschreiten darf und solche, an die er sich langsam rantasten darf.

“Naturkaviar ist für mich zum Beispiel ein Hard Limit”, sagt sie. “Das heißt, angekackt zu werden.”

Ich weiß nicht ganz, was ich dazu sagen soll. Sie merkt es und redet weiter. 

“In der letzten Zeit  habe ich jetzt auch schon öfters mal den dominanten Part übernommen”, erzählt sie mir.

Der Schüchterne neben mir wird hellhörig. “Du bist dominant?”, fragt er nach.

Plötzlich ist der Schüchterne gar nicht mehr so schüchtern. Eher aufgeregt. Das Mädchen nickt und die beiden tauschen Facebook-Namen aus. Das mit der Partnervermittlung hat also zumindest bei den beiden schonmal geklappt.

Sie wollten mich in der Szene an die Hand nehmen

Ich habe genug gehört. Ich verabschiede mich höflich und bedanke mich, von allen so nett aufgenommen worden zu sein.

Bis auf den gruseligen Rothaarigen, der von körperlichem Freiraum nichts hielt, waren sie alle freundlich zu mir. Sie wollten mich in der Szene an die Hand nehmen. Wenn auch manche von ihnen nicht nur sprichwörtlich.

Als ich meinen Mantel hole, wird mir bewusst: Ich hatte Spaß. Ich fühle mich ein bisschen aufgewühlt, aber glücklich. Obwohl ich eigentlich nicht in die Runde gepasst habe, war es ein netter Abend.

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Ihr Fetisch hat mit der Persönlichkeit dieser Menschen gar nichts zu tun.

Auf dem Weg nach draußen kommt mir der Sportler entgegen.

“Tschüss, Franzi, und bis morgen beim Fesseltreff”, ruft er mir zu.

Und obwohl ich absolut nicht die Absicht habe, mich morgen früh von einer Gruppe Fremder in einer Schul-Turnhalle fesseln zu lassen, muss ich lächeln.

Wenn ich mal einen BDSM-Partner bräuchte, dann weiß ich jetzt wenigstens, wo ich suchen muss.

(ks)

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