POLITIK
10/01/2018 19:43 CET | Aktualisiert 10/01/2018 23:01 CET

Hunderte erkranken an Krebs: Das ist der tödlichste Ort der USA

Die Bürger fühlen sich allein gelassen.

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Früher boomte in Minden der Kohle-Abbau.
  • In Minden in West Virginia leben nur 250 Einwohner
  • Seit Jahrzehnten sterben die Bürger dort an Krebs, weil der Boden vergiftet ist

“Jeder einzelne meiner Nachbarn ist an Krebs gestorben”, erzählt Annetta Coffman. Sie lebt in Minden im US-Bundesstaat West Virginia – dem wohl tödlichsten Ort der USA.

Insgesamt sind es 35 Menschen aus Coffmans Umfeld, die ihr Leben wegen einer Krebserkrankung verloren haben. Darunter auch ihre Mutter und ihr vor drei Jahren erkrankter 18 Jahre alter Sohn, wie das US-Magazin “Mother Jones” berichtet.

Minden ist ein kleiner Ort mit 250 Einwohnern. Er liegt im Herzen der Appalachen-Region, früher boomte dort der Kohle-Abbau.

Doch der einstige Segen wurde zum Fluch für die Stadt. Zurückgeblieben sind zerfallene Häuser – und giftige Abfälle.

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Der kleine Ort Minden liegt im Herzen der Appalachen-Region.

Die Region kämpft mit Armut und Arbeitslosigkeit

Der Müll macht die Menschen, die noch immer dort leben, krank. Außerdem kämpft der gesamte Bezirk Fayette, in dem Minden liegt, mit Armut und Arbeitslosigkeit.

2016 waren dort rund 44.000 Bürger arbeitslos, was einer Arbeitslosenquote von 8 Prozent entspricht. 19 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Früher war das anders. 

Von 1970 bis 1984 produzierte die “Shaffer Equipment Company” technische Ausrüstung für die Kohleindustrie.

In den Produktionsanlagen und Maschinen kam ein Öl zum Einsatz, das zahlreiche Giftstoffe enthält. Dieses Öl wurde anschließend in einer stillgelegten Mine entsorgt, die ebenfalls in Minden liegt.

Die Firma verwendet Chemikalien, die Krebs fördern

Unter den giftigen Stoffen, die im Öl enthalten waren, war auch PCB, eine Chlorverbindung. Bereits 1979 wurde die Verwendung der Chemikalie von der Umweltschutzbehörde verboten. Denn es ist nachgewiesen, dass PCB Krebs fördert.

Dennoch wurde die Chemikalie weiter benutzt. Als dann 1984 Experten des “West Virginia Department of Natural Resources” die Firma inspizierten, stellten sie fest, dass das in der Mine gelagerte Öl den Boden und einen nahe gelegenen Fluss kontaminierte.

Es folgte ein jahrzehntelanger Rechtsstreit zwischen Umweltschützern, dem Unternehmen, der Landesregierung, den Bürgern und der US-Umweltschutzbehörde EPA (United States Environmental Protection Agency).

Jahre später, 2002, hat das “US Army Corps of Engineers” eine Art Kappe für den giftigen Boden und Bauschutt entworfen und installiert.

Die Bürger fühlen sich betrogen und allein gelassen

Doch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. “Die Kappe ist nur ein Pflaster gegen eine Schusswunde”, sagt Brandon Richardson, der Gründer von “Headwaters Defense”, einer lokalen Umweltorganisation. “Hier sind wir Jahre später, und es ist immer noch giftig.”

Irgendwann wussten die Bewohner nicht mehr, wem sie glauben oder vertrauen konnten. Sie fühlten sich durch die Behörden hinters Licht geführt. Sie wussten nur eins: Sie sind krank.

Richardson’s Umweltgruppe führte Umfragen in Minden durch. “Wir haben in den letzten vier Jahren 110 Menschen gezählt, die an Krebs erkrankt oder an Krebs gestorben sind”, sagt er gegenüber “Mother Jones”.

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So ging es auch Annetta Coffman. Schon in den 1980er Jahren, als sie noch ein kleines Mädchen war, hörte sie Geschichten über den Giftmüll. Damals machte sie sich noch keine Gedanken darüber. Doch dann starb ihre Mutter 2007 an Gebärmutter-, Brust- und Eierstockkrebs.

Sie begann, zu hinterfragen, was hinter den Krebserkrankten in ihrem Dorf steckt und hat eine Facebook-Seite eingerichtet, um dort über die Erfahrungen der Einwohner zu berichten.

“Es ist schmerzhaft und enttäuschend”

Doch die Behörden ignorieren das Problem offenbar weiterhin. EPA habe keine Beweise dafür, dass es einen Zusammenhang mit den vielen Krebskranken und der verschmutzten Umwelt gebe. Die Bürger fühlen sich vor den Kopf gestoßen und von den Behörden im Stich gelassen.

“Es ist schmerzhaft und enttäuschend”, sagt Coffman. “Ich habe das Gefühl, wenn wir eine andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung hätten, würde es anders laufen.”

Im Oktober 2017 gab EPA dann offiziell bekannt, dass sie an den von ihr getesteten Standorten eine “beunruhigende” Menge an PCB gefunden habe. Allerdings müssten weitere Tests durchgeführt werden. Nur so könne das weitere Vorgehen festgelegt werden.

Die Bürger wollen den gesamten Ort verlegen

Inzwischen haben sich die Mindener auch dafür eingesetzt, auf der Liste eines nationalen Unterstützungsprogramms zu landen. Dahinter steckt ein Fonds, der giftige Orte in den USA identifiziert und dabei hilft, sie zu säubern.

Doch es gibt einen Haken: Um dort aufgenommen zu werden, müsste die EPA offiziell bestätigen, dass Minden verschmutzt ist. Aber das ist bislang nicht geschehen.

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Mittlerweile haben Anwohner sogar den republikanischen Gouverneur Jim Justice um Hilfe gebeten. Sie wollen Unterstützung von ihm, um die gesamte Gemeinde an einen anderen Ort umzusiedeln.

“Minden ist so giftig, dass die meisten Menschen hier weg wollen”, sagt Umweltschützer Richardson.

Und das sagt auch Coffman. “Ich liebe unsere Gemeinschaft. Ich liebe die Nachbarn, die ich kenne, seit ich ein kleines Mädchen war.”

Trotzdem kann sie sich nicht vorstellen, länger in ihrer Heimatstadt zu bleiben. “Ich möchte mich nicht ständig fragen, ob ich die nächste Person sein werde, die Krebs bekommt.”

(best)

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