BLOG

Was ich erlebt habe, als ich Vollzeitvater und Hausmann wurde

Väter und Mütter: Wagt es! Macht es! Zieht es durch! Es ist ganz wunderbar!

01/02/2018 15:17 CET | Aktualisiert 02/02/2018 00:17 CET
Maskot via Getty Images
Für viele Männer ist ein Hausmann-Dasein immer noch undenkbar. Ein Fehler, findet Arne Ulbricht. (Symbolbild)

“Papa … ich habe eingepullert!“

Ich schaue auf die Leuchtziffern meiner Uhr. Es ist 4:43 Uhr. Mist. Meine Frau schläft tief und fest. Deshalb mache ich auch in dieser Nacht das, was ich jede Nacht mache.

Ich hole meine Tochter, drei Jahre alt, die eh weiß, dass ich komme und deshalb auch immer nur mich ruft, setze sie aufs Klo, ziehe ihr trockene Klamotten an und nehme sie mit zu mir ins Bett.

Zuerst drehen wir uns zueinander, nach wenigen Minuten drehen wir uns voneinander weg und schlafen Rücken an Rücken ein.

Ich bin Vater und Mutter zugleich

Das war 2010. Fünf Jahre lang ging das so, bis sie plötzlich nicht mehr kam und ich damit nicht umgehen konnte. (Mir fehlte schlicht etwas.)

Ja, ich weiß: Ich bin der Mann. Der Papa. Aber zugleich bin ich auch die klassische Mama, die zu Hause bleibt, wenn die Kinder krank sind und die werktags einfach immer da ist. Meine Frau ist eher der klassische Papa, der morgens zur Arbeit geht, am frühen Abend wiederkommt und oft auf Dienstreise geschickt wird.

Und im Großen und Ganzen liebe ich unser Leben und kann mir noch immer nichts anderes vorstellen, obwohl unsere Kinder Tag für Tag selbstständiger werden: Mein Sohn ist inzwischen 14 und meine Tochter 10.

Dabei gehörte das Vollzeit-Vatersein bis 1999 nun wirklich nicht zu meinem Lebensplan.

Mehr zum Thema: Vater und Kind: Diese 21 Fotos zeigen, wie Papas heute wirklich sind

Was war damals geschehen? Folgendes: In einer bestimmten Disco in Tübingen sah ich jeden Sonntag (Oldies Night!) eine bestimmte Frau, und ja, ich wollte zugegebenermaßen nur Sex mit ihr haben. Klingt doof, weiß ich. War aber so.

Später habe ich mich in sie verliebt und sie sich praktischerweise auch in mich, und nach und nach merkte ich, dass sie...

► ein deutlich besseres Abitur hatte...

► im Studium ständig Höchstnoten kassierte...

► beruflich konkrete Vorstellungen hatte, während ich davon träumte, Schriftsteller und mindestens so erfolgreich wie Daniel Kehlmann zu werden und gleichzeitig in einer Tour Absagen von Verlagen erhielt.

Bei uns wäre es geradezu idiotisch gewesen, hätten wir nicht schon vor dem ersten Kind ernsthaft über einen Rollentausch nachgedacht.

Als einziger Mann in der Krabbelgruppe

Und so kam es dann auch: Sie arbeitete nach der Geburt des ersten Kindes bald und nach der Geburt des zweiten Kindes sofort weiter, während ich mich frühzeitig werktags quasi alleinerziehend um die Kinder zu kümmern begann. Und ich fand es cool!

Ich fand meine Frau cool, weil sie sich in der Männerwelt in einem Unternehmen durchkämpfte. Ich fand mich cool, weil ich im Jahr 2007 mit unserem zweiten Kind gleich zwölf Monate in Elternzeit ging (anstatt die “zwei Vätermonate“ zu nehmen) und mich nicht scheute, mich in einem PEKIP-Kurs anzumelden.

Für alle, die es nicht wissen: In einem PEKIP-Kurs krabbeln in einem sehr, sehr, sehr warmen Raum nackte Babys herum und pinkeln manchmal auch fröhlich drauf los.

Dort war ich der einzige Mann. Schlimm? Nein.

Die Mütter haben mich schnell akzeptiert und mir war es zu keinem Zeitpunkt peinlich, mich mit meinem Baby mit Müttern und ihren Babys zu treffen. Einmal habe ich allerdings die Milch vergessen und ärgerte mich: Denn das wäre einer Mutter nicht passiert!

Meine Frau hat mit mir übrigens durchaus manch ein Problem. Zum Beispiel zanken wir jeden Tag darüber, dass meine Vorstellung von Ordnung eine andere ist als ihre. JEDEN Tag!

Aber dass Mütter mich ständig direkt auf dem Handy anrufen, gehörte nie zu den Problemen. Ich habe in meinem Handy ein Dutzend Nummern von Müttern. Meine Frau nennt das anerkennend mein “Mütternetzwerk“.

Ich habe mit meiner Frau auch manch ein Problem. Zum Beispiel regt sie sich viel zu viel darüber auf, dass Aufräumen nun wirklich nicht meine Stärke ist. Ist doch praktisch, wenn alles rumliegt. Dann muss man es oft nicht suchen. Aber dass sie erst abends von der Arbeit kommt und kaputt ist und dass sie meine Rechnungen bezahlt, gehörte nie dazu.

 

Mich störten in meiner Hardcorevaterphase zwischen 2004 und 2017 andere Dinge. Vor allem störte es mich, nie mit Männern reden zu können, die ebenfalls ihre Frauen arbeiten ließen und sich mit größter Selbstverständlichkeit um die Kinder kümmerten und sich im Notfall am Muttertag als einziger Vater in die Kita setzten, um sich von der Tochter bedienen zu lassen.

Ach, wie gern hätte ich mich mit echten Vollzeitvätern über Mütter unterhalten. Aber in all den Jahren waren zwei Mütter eben auch meine besten Freunde geworden, weil es die Vollzeitväter nicht gab.

Mehr zum Thema: Ein Vater packt seiner Tochter jeden Tag das Pausenbrot - doch an ihrem letzten Schultag läuft alles anders

Und mich störte, wenn ich gefragt worden bin: “Vermisst deine Frau denn die Kinder nicht?“ O Mann! Ist so eine bescheuerte Frage eigentlich jemals einem berufstätigen Vater gestellt worden? Oder setzt man voraus, dass ein Vater sein Kind eh nicht vermisst?

Und mich störte, dass meine Frau bei einer Bewerbung gefragt worden ist: “Wie schaffen Sie das denn mit den Kindern?“ Mein Bruder, der sechs Kinder hat und Professor ist, hat sich eine solche Frage niemals anhören müssen.

Warum eigentlich nicht? Ganz einfach: Man setzt voraus, dass die Mütter sich ja eh um die Kinder kümmern und nie auf die Idee kämen, trotz Kinder eine berufliche Karriere (was auch immer das im Einzelfall ist) anzustreben.

“Na, fehlt dir deine Mutter?”

Müttern werden solche Fragen immer gestellt. Als gäbe es Väter, die einen Bezug zu ihren Kindern haben UND sich liebend gern um sie kümmern, nicht mal theoretisch.

Und mich störte, als meine Tochter auf meinem Arm schrie und sich eine Frau jenseits der sechzig zu uns umdrehte und meine Tochter – zu dem Zeitpunkt ein Jahr alt – fragte: “Na, fehlt dir deine Mutter?“ Als wenn all den brüllenden Kindern auf den Armen der Mütter der Vater fehlen würde.

Und am meisten störte mich, wenn mir die “normalen“ Väter sagten: “Toll, Arne! Also ich könnte das nicht!“

Tut mir leid, aber das ist SCHWACHSINN!!!

Stillen können wir nicht, das stimmt. Aber den Rest können wir genauso gut, nur toben, das können wir besser.

Die Wahrheit ist: Männer, die diesen Schwachsinn behaupten, denen graust es allein schon bei der Vorstellung, Windeln zu wechseln oder eben nicht wie bei den Neandertalern derjenige zu sein, der auf die Jagd geht und das Essen oder das Geld nach Hause bringt.

Mehr zum Thema: Als ich mich um unser erstes Kind kümmern wollte, drohte mir der Chef mit der Kündigung

Aber die Zeiten haben sich geändert. Männer- und Frauenschubladen sollten einfach mal geleert werden.

Viel mehr Paare sollten den Rollentausch wagen

Denn vor dem Hintergrund, dass viel mehr Mädchen Abitur ablegen als Jungs und dass inzwischen viel mehr Frauen als Männer Medizin und Jura studieren und damit wahrscheinlich oft mindestens genauso viel oder mehr verdienen könnten als die Männer, die die Väter ihrer Kinder werden, sollten viel mehr Paare einen Rollentausch wagen – der sich übrigens immer als Option anbietet, wenn man dadurch keine erheblichen finanziellen Nachteile hat.

Es gibt zum Beispiel Tausende Lehrerehepaare. Aber ich habe noch nie ein solches Paar kennengelernt, das sich für einen Rollentausch entschieden hat. Stets ist es die Frau gewesen, die deutlich länger in Elternzeit gegangen ist.

Also, Väter und Mütter: wagt es! Macht es! Zieht es durch! Es ist ganz wunderbar!

Denn man taucht ein in Welten, die einem sonst verborgen bleiben. Das Leben ist nicht besser. Aber interessanter. Behaupte ich, auch wenn ich dafür Prügel beziehe.

Und wenn sich dieses Modell irgendwann doch mal als vollkommen übliches Modell durchsetzt, dann stehen auf einer Party auch mal ein paar Mütter, die sich über ihre Männer ärgern, die zu Hause nicht aufgeräumt haben, und in der anderen Ecke stehen Männer und schimpfen über ihre Frauen, weil die immer so überarbeitet sind.

Das wäre doch was!

Arne Ulbricht arbeitet inzwischen tatsächlich als Schriftsteller. In seinem Buch “Mama ist auf Dienstreise” schildert er seine Erfahrungen als Hausmann und Vollzeitvater ausführlich. Derzeit ist Ulbricht mit seinem Roman “Maupassant” auf Buchtournee. Mehr über den Autor erfahren Sie auf www.arneulbricht.de.  

(amr)