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Hartz-IV-Reform: So müsste das System aussehen, um Arbeitslosen zu helfen

Andere Länder sind hier viel weiter

06/02/2018 13:35 CET | Aktualisiert 06/02/2018 14:58 CET
ullstein bild via Getty Images
Der Besuch in einem Jobcenter wird für viele Betroffene oft zum Alptraum. 
  • Viele Hartz-IV-Empfänger berichten über Probleme mit den Jobcentern
  • Eine Betroffene erklärt, wie sich das System verändern muss, um Langzeitarbeitslosen wirklich zu helfen

Menschen, die auf Hartz-IV-Bezüge angewiesen sind, haben in der Regel schon größere Probleme im privaten Bereich, bevor sie das erste Mal beim Jobcenter einen Antrag auf Unterstützung stellen.

Chronisch Kranke, Menschen mit Behinderung, Alleinerziehende, Menschen mit psychischen Problemen, ältere Menschen, die so schnell keinen Job mehr finden, Ausländer mit Aufenthaltsstatus und Arbeitserlaubnis, Einzelschicksale, von denen jeder eigentlich intensive Betreuung bräuchte, um wieder den Anschluss an den 1. Arbeitsmarkt zu finden.

Wobei ich die Klassifizierung “Erster, zweiter und dritter Arbeitsmarkt” als widersinnig empfinde, denn es gibt nur einen Arbeitsmarkt und gearbeitet wird überall gleich hart.

Nun kommen diejenigen, die eh´ schon Probleme mit sich selber haben, zum Jobcenter und erhoffen sich Hilfe von den Sachbearbeitern.

Im Jobcenter kommt der erste Schock

Zumindest haben sie die Hoffnung, dass das Leben besser wird, irgendwann, und dafür sind sie auch bereit, sich ins Zeug zu legen, Bewerbungen zu schreiben, aktiv bei der Arbeitssuche mitzuwirken und Eigeninitiative zu zeigen.

Keiner sitzt gerne auf lange Sicht tatenlos zu Hause herum. Das mag nur für ein paar Wochen ganz angenehm sein, aber dann setzt die Langeweile ein und gleichzeitig beginnt, oft unbemerkt, der geistige und körperliche Abbau.

Man lässt sich gehen und wird krank.

Nun kommen diese hoffnungsvollen Menschen zum Jobcenter und bekommen den ersten Schock, wenn sie das Antragsformular in den Händen halten.

Die Behörde will alles ganz genau wissen. Und wehe, man antwortet nicht GANZ GENAU, vergisst etwas oder lässt Fragen offen, die man nicht sofort beantworten kann.

Dann verzögert sich eben die Bearbeitung des Antrags und man steht so lange ohne Geld da.

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Eigentlich heißt die Devise ja bei den Jobcentern: “Fördern und Fordern”. Über die teils absurden Forderungen und Schikanen kann fast jeder Jobsuchende berichten. Ich selber habe auch einschlägige Erfahrungen mit den Jobcentern gemacht, die man getrost als Schikane bezeichnen kann. Beispiele gefällig?

1. Beim Jobcenter Minden wurde ich im Jahr 2007 als “Faul” bezeichnet,obwohl ich vom Arzt durchgehend krank geschrieben war und ohne Rollator gar nicht mehr laufen konnte.

2. Das Jobcenter Troisdorf verschleppte im Jahr 2008 die Antragsbearbeitung so lange, bis ich von meinem Vermieter die Drohung erhielt, mich zwangsräumen zu lassen, da seit zwei Monaten die Miete ausstand.

3. Vom Jobcenter Troisdorf erhielt ich an Heiligabend 2010 die “Einladung”, mich am 29. Dezember zu einem Gespräch zwecks Arbeitsmöglichkeit im Jobcenter einzufinden. Zu dieser Zeit waren die Straßen verschneit und vereist.

Um einen Job zu bekommen, musste ich nach Großbritannien gehen

Man darf getrost davon ausgehen, dass die Behörden wussten, dass der 2-km-Trip zum Jobcenter für mich mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war, denn Rollatoren haben kein rutschfestes Radprofil und sind nicht wintertauglich.

Ich machte mich trotzdem auf den Weg und als ich bei meiner Sachbearbeiterin eintrat, schaute sie, als käme ein Geist in ihr Zimmer geschneit.

Ich erklärte ihr bei dieser Gelegenheit, dass der Amtsarzt mich dauerhaft Arbeitsunfähig geschrieben und mir nahe gelegt hatte, die Rente zu beantragen.

Um überhaupt einen Job zu bekommen, musste ich nach Großbritannien gehen.

Die Briten verstehen etwas davon, Menschen mit Behinderungen in den normalen Arbeitsmarkt zu integrieren.

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Während ich von deutschen Jobcentern nur hörte: “Sie sind krank” , “Sie sind faul” , oder “Sie brauchen das gar nicht erst zu versuchen; Sie können das sowieso nicht” , fragten die Briten mich: “Kannst du das?” oder “Traust du dir das zu?” und gaben mir eine Chance, wenn ich “Ja” sagte.

Und auch wenn ich für eine bestimmte Stelle doch nicht geeignet war, halfen sie mir so lange, bis ich das Passende für mich gefunden hatte.

Das ist etwas, was ich mir von deutschen Jobcentern und Firmenbossen dringend gewünscht hätte: Akzeptanz und eine Chance, mir meine Altersrente in meinem Heimatland (Deutschland) zu erarbeiten. Statt dessen kommt meine Altersrente nun aus Großbritannien. Eine Schande für die Deutschen!

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Was muss sich ändern bei den Jobcentern?

1. Zunächst einmal müsste das Klima der Angst in den Jobcentern beseitigt werden. Es kann nicht sein, dass man mit Hoffnungen in ein Jobcenter kommt und dann mit Demütigungen und Schikane traktiert wird. Die Antragstellung müsste vereinfacht werden und den Wust an Papierkram, der sich mit der Zeit ansammelt, braucht auch kein Mensch.

2. Die Sanktionen müssen weg. Es kann nicht sein, dass man vom Existenzminimum noch etwas abgezogen bekommt. Meiner Meinung nach ist dies mit den Menschenrechten unvereinbar.

3. Forderungen des Jobcenters sind ja in Ordnung; aber wo bleibt die Förderung? Die Hilfe, einen Job zu bekommen und auch zu behalten? Ein-Euro-Jobs, begrenzt auf 6 Monate, betrachte ich nicht als Förderung, da sie nicht zu einer regulär bezahlten Tätigkeit führen.

4. Oft hatte ich bei den Jobcentern den Eindruck, dass die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut, was an der hohen Fluktuation der Jobcenter-Angestellten liegen mag.

Ich hätte mir einen festen Sachbearbeiter gewünscht, der gut ausgebildet und kompetent genug ist, auch Problemfälle wie mich auf dem regulären Arbeitsmarkt unterzubringen. Praktikantenstellen können da ein guter Ansatz sein, wenn man nicht weiß, wo seine Talente liegen.

5. Es kann nicht sein, dass Jobcenter Menschen mit leichter/mittelschwerer Behinderung oder Menschen mit psychischen Problemen in Behindertenwerkstätten abschieben, die

a) für den Steuerzahler immens teuer und

b) für die betroffenen Menschen kaum einen Nutzen bringen.

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Die Behindertenwerkstätten haben schon lange keine Daseinsberechtigung mehr, wie man an Beispielen sehen kann, wie andere europäische Länder ihre Behinderten in die reguläre Arbeitswelt integrieren.

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Christine Singh ist Autorin des Buchs “Engel kennen keine Grenzen”. Es beschreibt den Werdegang eines jungen Gründers, der aus Eifersucht unwissentlich einen behinderten Menschen zusammenschlägt und vom Sanitäter zur Wiedergutmachung verdonnert wird. 

Wie er das macht und wie seine junge Firma davon profitiert, mit behinderten Menschen zusammen zu arbeiten erfahrt ihr im Buch.

Es ist unter anderem hier erhältlich.

(jz)