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Hartz IV hat meine Freundin krank gemacht – und ich konnte ihr nicht helfen

Eine Kindheit in Armut kann man nicht mit Liebe allein einfach ungeschehen machen.

02/02/2018 16:51 CET | Aktualisiert 02/02/2018 20:17 CET

Als ich ein Kind war, sagten meine Eltern mir und meiner Schwester oft, wir würden alles erreichen können, was wir uns vornehmen. Auch wenn ich schnell gemerkt habe, dass das nicht so einfach ist, habe ich das doch bis zum Studium geglaubt.

Bis zu dem Tag, als ich mir eingestehen musste, bei einer Sache völlig machtlos zu sein. Der Tag, an dem ich merkte, dass ich der Frau, die ich liebte, nicht helfen konnte.

Wir lernten uns ziemlich zu Beginn des Studiums kennen. In einer Studiengruppe, die irgendwas mit Kunst zu tun hatte. Sofort ist mir aufgefallen, wie hübsch sie war. Doch verliebt habe ich mich wegen etwas anderem.

Sie war so tough, so leidenschaftlich in allen Dingen.

Je mehr ich über sie herausfand, umso mehr verliebte ich mich in sie.

Hartz IV war nichts Neues für sie

Seit ihrem 18. Lebensjahr lebte sie allein. Finanzierte sich abwechselnd durch Kellnerjobs, Schüler-Bafög und Hartz IV.

Hartz IV war nichts Neues für sie.

Im Video oben: So wohnen Hartz-IV-Empfänger in Deutschland

Ihre Eltern kamen Ende der 70er aus Osteuropa nach Deutschland. Es fing gut an für die Familie. Der Vater hatte wohl anfangs einen gut bezahlten Job. Den er aber nach wenigen Jahren verlor.

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Danach fand er keinen festen Arbeitsplatz mehr, es folgten nur noch Gelegenheitsjobs.

Pakete ausfahren, Regale einräumen, in Büros putzen.

In dieser Zeit wurde sie geboren. Sie erzählte mir, das sie als kleines Mädchen oft im Paketauto mitfuhr. Weil sie noch zu klein war, um allein gelassen zu werden, während die Eltern arbeiteten.

Sie erinnerte sich auch daran, wie sie in den Büros unter den Tischen spielte, während ihre Mutter die Teppiche saugte.

Irgendwann wollten ihre Eltern dieses Leben nicht mehr – und gaben den Kampf mit den Gelegenheitsjobs auf.

Kein Geld und keine Anerkennung

Sie erklärt es sich so, dass ihr Vater nicht damit zurechtkam, dass er stundenlang Knochenarbeit leistete und damit nicht nur kaum über die Runde kam, sondern auch für seine Arbeit nicht wertgeschätzt wurde.

Wenn er Pakete übergab oder beim Regale einräumen auf Kunden oder andere Mitarbeiter traf, war er für sie nur der “Dumme”, der das macht, was keiner machen will.

Und so rutschte die Familie in Hartz IV. Ihr Vater hielt dieses Leben nicht aus. Als sie um die 17 war, brachte er sich um.

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Kurz danach zog sie aus. Sie wollte all dem entkommen.

Zu dem Zeitpunkt, als ich sie kennenlernte, war das etwa drei Jahre her. Nachdem ich ihre Geschichte kannte, faszinierte sie mich noch mehr. Sie hatte so viel durchgemacht und war stark geblieben.

Glücklicherweise fand sie mich auch interessant und wir kamen zusammen. Da musste ich feststellen, dass trotz all ihrer Stärke, ihre Kindheit nicht spurlos an ihr vorbeigegangen war.

Ihre Kindheit ließ sie nicht mehr los

Da waren die kleinen Dinge. Zum Beispiel das Streiten über Geld. Dabei ging es nicht um große Summen. So kaufte ich zum Beispiel ganz zu Beginn der Beziehung Getränke für die Wohnung. Das endete im Streit. “Warum gibst du für sowas Geld aus? Es gibt Leitungswasser. Das ist dekadent und unnötig”, war in etwa ihre Reaktion.

Auch nur ein wenig Geld zu verschwenden, obwohl es uns während des Studiums nicht schlecht ging, war für sie undenkbar.

Sie aß wenig, meist nur Fischstäbchen – an schlechten Tagen stopfte sie sich zu mit Chips, Schokolade und anderen Süßigkeiten. Danach übergab sie sich in die Toilette.

Sie versuchte das geheim zu halten. Es nur zu tun, wenn ich nicht daheim war. Dann versteckte sie die Verpackungsreste, indem sie sie ganz tief in den Mülleimer stopfte und andere Sachen oben drauf legte.

Sie schämte sich dafür. Die starke unabhängige Frau, die sie sein wollte, durfte so etwas nicht tun. So verhielten sich Menschen wie ihre Eltern, Menschen, denen alles egal ist, die aufgegeben hatten. Die nicht darauf achten, was sie mit ihrem Körper machen.

Sie schlug manchmal vor Wut um sich

Manchmal wurde sie wütend. Einfach so, wie aus dem Nichts heraus. Sie schlug um sich und schrie, bis sie vor Erschöpfung und weinend zusammensackte.

An anderen Tagen war sie wiederum völlig kraftlos. Konnte kaum aufstehen, sprach davon, dass das alles keinen Sinn mehr hatte. In diesen Momenten erzählte sie mir auch von den heimlichen Fressattacken und der Angst, wie ihre Eltern zu enden.

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Sie hatte das Gefühl, immer die Beste sein zu müssen. Ihre Noten waren auch sehr gut, doch bereits kleinste Fehler lösten dunkle Gedankenspiralen aus.

Denn in jedem Fehler sah sie ein Anzeichen dafür, dass sie so werden würde, wie ihre Eltern.

Ich wollte ihr helfen, machte aber alles nur schlimmer

Natürlich wollte ich ihr helfen. Ich ertrug die Schläge, wenn sie rasend wurde und sagte ihr, dass wir das zusammen schaffen werden.

Wenn sie sich nicht aufraffen konnte und nicht mehr weiterleben wollte, erzählte ich ihr von all den schönen Dingen, die wir zusammen noch erleben würden – ich ahnte ja nicht, dass ich damit alles nur noch schlimmer machte.

Mehr als einmal riefen wir den Krisendienst an. Wir sprachen über Therapeuten und fanden einen. Sie ging hin und die Situation besserte sich.

Die Ausbrüche wurden weniger und sie wurde ruhiger. Die kraftlosen Momente waren fast völlig weg. In den Mülleimern, die ich immer mal wieder komplett durchsuchte, waren keine Fast-Food-Verpackungen mehr.

Eine Kindheit in Armut kann man nicht mit genug Liebe einfach ungeschehen machen

Eines Tages kam ich heim, wir hatten Besuch, Kommilitonen von ihr, die zum Lernen da waren. Ich begrüßte die Gruppe und verzog mich in mein Zimmer. Irgendwann ging ich auf die Toilette bemerkte an der Wand hinter der Toilette einen kleinen rötlichen Fleck zwischen den Fugen der Fliesen.

Ich hatte ein komisches Gefühl. Als der Besuch weg war, sprach ich sie drauf an.

Es endete in einem der schlimmsten Streits unserer Beziehung.

Sie gab zu, sich wieder übergeben zu haben. Erzählte mir, dass sie jetzt immer den Müll ihrer Fress-Attacken direkt in die Tonne außerhalb der Wohnung werfe. Wie sehr sie mich dafür hasste, dass sie das tun müsse. Wie sehr sie mich dafür hasste, dass ich über sie urteile. Wie sehr sie mich dafür hasste, dass sie nicht sie selbst sein dürfe.

Sie sei Dreck und sie ertrage es nicht, dass ich sie so anhimmle. Wenn ich nur nicht mehr da wäre, dann dürfte sie ihr Leben endlich beenden. Sie wüsste dann, dass sie gehen könne, weil jemand wie sie eh von niemandem vermisst werden würde. Ich sei für sie nur ein Anker.

Wieder Krisentelefon, Medikamente vom Psychiater, lange Gespräche. Alles wieder von vorn und noch mehr. Doch tief im Inneren wusste ich, dass der Kampf verloren war. Ich konnte ihr nicht helfen und es war überheblich, das je geglaubt zu haben.

Wie naiv war ich eigentlich, zu glauben, dass ich eine komplette Kindheit und Jugend in Armut mit genug Liebe einfach ungeschehen machen könnte.

Armut, die ein Leben lang anhält

Irgendwann trennte sie sich. Und das war gut so.

Das Problem ist nämlich, wenn man zusammen im dunklen Loch sitzt, ist man zwar nicht einsam, der andere kann einen aber auch nicht rausziehen.

Sie beendete die Uni, mit einem Abschluss, um den sie wahrscheinlich die meisten Studenten beneiden. Fand schnell einen Job und reist regelmäßig mehrere Monate durch die ganze Welt.

Wir haben noch immer Kontakt und wenn all die Erfolgsgeschichten erzählt und all die Urlaubsfotos gezeigt sind, dann erzählt sie manchmal, wie es in ihrem Inneren aussieht.

Wie sehr ihre Kindheit und ihr Aufwachsen in Armut sie noch belasten. Wie sehr sie sich wünscht, noch weiter weg reisen zu können, so weit, dass sie nicht mehr auf ihr eigenes Leben zurückblicken kann.

Dieses Minderwertigkeitsgefühl wird sie wohl niemals verlassen, auch wenn sie inzwischen Geld hat.

Sie will trotzdem weitermachen. Sie ist zu stark, um aufzugeben. Doch hätte man ihr und ihrer Familie besser geholfen, wäre ihre Kindheit auch nur etwas besser verlaufen, könnte diese Stärke womöglich ganz anders eingesetzt werden.

Stattdessen, wird sie wohl ein Leben lang darauf verwenden, mit sich selbst zu kämpfen.

 

(amr) / (ks)