POLITIK
12/12/2017 11:44 CET | Aktualisiert 12/12/2017 11:45 CET

"Viele lassen sich gerne ausbeuten": Publizist Tichy treibt bei "Hart aber fair" SPD-Politikerin in den Wahnsinn

"Die machen das freiwillig, die werden nicht in Ketten vorgeführt.”

Screenshot / ARD
  • Bei “Hart aber fair” ist der Publizist Roland Tichy mit der SPD-Politikerin Leni Breymaier aneinander geraten
  • Der Journalist versuchte, prekäre Arbeitsbedingungen zu verteidigen – und gab den Beschäftigen selbst eine Mitschuld

Sind wir nicht alle ein bisschen Siemens? Das fragte Wirtschaftsjournalist und Publizist Roland Tichy in der ARD-Sendung “Hart aber fair” am Montagabend.

Gemeint war damit: Sind wir nicht alle Ausbeuter?

Thema der Talkshow waren prekäre Beschäftigungsmodelle wie in der Paket-Branche oder vermeintlich gierige Großkonzerne wie Siemens. Der deutsche Tech-Konzern will weltweit 6.900 Stellen streichen.

Statt über Unternehmen zu schimpfen und sie für miserable Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne verantwortlich zu machen, drehte der frühere Chefredakteur der “Wirtschaftswoche” den Spieß um: 

Natürlich sei das schlimm. “Aber haben wir denn dem Paketboten, dem Geknechteten, einen Fünf-Euro-Schein in die Hand gedrückt, wenn er uns das Paket nach oben in den zehnten Stock geschleppt hat?”

Die Antwort lieferte er für alle Zuschauer gleich mit: “Nein, haben wir nicht.”

Plasberg und Tichy liefern Anekdoten vom Trinkgeld

Tichy sah eine Mitschuld für Niedriglöhne bei den Konsumenten. “Wir haben uns auch daran gewohnt, dass das Paket nichts kostet”, sagte er. 

Moderator Frank Plasberg versuchte, zu widersprechen. Kürzlich habe er sein Portemonnaie nicht in der Hand gehabt, um dem Paketboten Trinkgeld zu geben. Doch der habe gar keine Zeit gehabt, um zu warten, bis Plasberg sein Kleingeld holen konnte.

Tichy ließ sich von dieser persönlichen Anekdote des ARD-Moderators nicht überzeugen. Er kenne einen Paketboten, der wollte das Trinkgeld gar nicht annehmen – das sei Korruption. “Also wir spinnen auch ein wenig”, sagte der Wirtschaftsjournalist.

“Außerdem, das ist das Zweite: Viele lassen sich auch gerne ausbeuten”, versuchte Tichy noch ein weiteres Argument anzubringen – und brachte damit einen anderen Gast gegen sich auf.

Tichy: “Die machen das freiwillig”

Seinen Gedanken konnte Tichy gar nicht ausführen, denn da waren schon die Seufzer von SPD-Politikerin und Gewerkschafterin Leni Breymaier zu hören.

Tichy warf noch ein: “Die machen das freiwillig, die werden nicht in Ketten vorgeführt.”

Breymaier wusste erst nicht, was sie sagen sollte. Rief einmal “Hallo” und atmete ein paar Mal tief durch.

Tichy sprach noch über den Tech-Riesen Amazon, der alle deutschen Unternehmen vor sich hertreibe und den Preiskampf massiv verschärfe. 

Breymaier ließ den Journalisten noch ausreden, um dann den Frontalangriff zu starten. “Also das ist wirklich zynisch im Quadrat. Den Leuten vorzuwerfen, dass sie bereit sind, sich ausbeuten zu lassen.”

Denn Menschen wollten ebenso gut leben, ihre Miete zahlen und so weiter. “Denen vorzuwerfen, sie würden sich bewusst ausbeuten lassen, ist ziemlich schräg.”

Tichy verlor kurz die Fassung und herrschte Breymaier an: “Jetzt hören Sie mal auf mit Ihrem Geschrei.”

Die Worte gingen kurz durcheinander. Tichy beschimpfte die SPD noch als “Minderheiten-Partei”.

Hier griff dann Plasberg ein, um die beiden Streithähne zu beruhigen – und wieder eine gesittetere Debatte über prekäre Arbeitsbedingungen führen zu können.

(ujo)