WIRTSCHAFT
12/01/2018 11:49 CET | Aktualisiert 12/01/2018 15:31 CET

An H&M-Kassen steht eine Kiste – das passiert, wenn ihr eure Kleidung hineinwerft

Wer glaubt, er tue damit etwas Gutes, sollte das hier lesen.

HuffPost
Seit 2013 stehen in H&M-Filialen auf der ganzen Welt Recycling-Boxen
  • Modeketten wie H&M geben sich als Umweltschützer, indem sie Altkleider recyceln
  • Doch steckt dahinter wirklich etwas Gutes?

Mithilfe von H&M kann jeder etwas Gutes tun. Das behauptet zumindest H&M. An seinen Kassen hat das Unternehmen Recycling-Boxen aufgestellt.

Seit 2013 können Kunden in H&M-Filialen auf der ganzen Welt so ihre alten Kleider abgeben. Der Modekonzern wirbt damit, der alten Kleidung ein neues Leben zu schenken.

In Deutschland läuft das so: Gesammelte Kleidung landet in Wolfen in Sachsen-Anhalt beim Unternehmen I:collect. Dort werden die Textilien nach etwa 350 verschiedenen Kriterien sortiert.

Ein Teil wird recycelt und zu neuer Kleidung verarbeitet, ein weiterer Teil als Second-Hand-Ware auf der ganzen Welt verkauft. Und wieder ein anderer Teil wird zu Putzlappen oder ähnlichen Produkten verarbeitet. Der letzte Teil schließlich, der übrig bleibt, wird verbrannt. Dieser Anteil liegt laut H&M aber bei nur einem Prozent.

Nur ein geringer Anteil kann tatsächlich recycelt werden

Und wie groß ist der Anteil der Kleidung, die tatsächlich recycelt wird? Damit wirbt H&M ja schließlich.

Auf HuffPost-Anfrage antwortet die Modekette ausweichend: “Die jeweiligen Verwendungszwecke sind stets von den aktuell abgegebenen Textilien abhängig, und sind daher temporär unterschiedlich.”

“Ich schätze, dass unter 5 Prozent der Kleidung, die abgegeben wird, tatsächlich recycelt werden kann”, sagt Mode-Expertin Madeleine Alizadeh, die mit ihren Beiträgen Hunderttausende Menschen erreicht. Die 28-Jährige ist bekannt als “dariadaria”, hat einen eigenen Podcast und betreibt eine nachhaltige Mode-Linie.

Mehr zum Thema: Vor zwei Jahren beschloss ich, nur noch Second-Hand-Kleidung zu kaufen – das habe ich seitdem gelernt

Die Herausforderung: Viele Klamotten enthalten Mischfasern. Bislang ist der Ressourcenaufwand riesig, solche gemischten Fasern voneinander zu trennen und so wiederzuverwerten.

Die Modeindustrie treibt das Wegwerfverhalten der Käufer an – mit fatalen Folgen

Das Problem hat natürlich nicht nur der Moderiese aus Schweden. Es betrifft eine ganze Branche. Und schuld daran ist vor allem die Modeindustrie selbst.

Unternehmen wie Zara, Primark oder eben H&M bringen immer billigere Ware auf den Markt, wechseln im Wochen-Rhythmus ihre Kollektionen und treiben die Verbraucher so an, immer mehr zu kaufen. Jährlich landen tausende Tonnen Klamotten im Müll.

“Wir begrüßen es sehr, dass Modeunternehmen aktiv werden und umweltfreundlichere Alternativen entwickeln”, sagt Textil-Expertin Johanna Fuoß von der Tierschutzorganisation Peta. “Aber momentan ist das vor allen Dingen ein Tropfen auf den heißen Stein.”

Fast Fashion lässt sich nicht mit Umweltschutz vereinbaren

Das gibt auch H&M zu. Langfristig ist es das Ziel, einen geschlossenen Textilkreislauf zu entwickeln, aber: “Leider ist es heute noch nicht möglich, den Kreislauf vollständig zu schließen und alle Arten von Material zu 100 Prozent in neue Textilfasern zu recyceln”, sagt das Unternehmen.

Mode-Expertin Alizadeh ist skeptisch, dass sich das überhaupt irgendwann ändert: “Günstige Kleidung, die sich an Modetrends orientiert, wird sich niemals mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz vereinbaren lassen”, sagt Alizadeh. “Das ist einfach nicht das Konzept, das dahinter steht.”

Kleidung wird im Fast-Fashion-Zeitalter nur kurz oder sogar nie gebraucht, Klamotten werden immer mehr zur Wegwerfware, T-Shirts oft kaum länger getragen als Plastiktüten, warnt Greenpeace.

Aber wir erinnern uns: Es gibt ja noch den Teil der abgegebenen Kleidung, der als Second-Hand-Kleidung weiterverkauft wird. Das ist doch auch nicht schlecht. Zumindest in der Theorie.

Nutzt es wirklich, Altkleider zu spenden?

“Auch das ist nicht unbedingt eine gutes Sache”, sagt sie. “Viele der Altkleider aus Europa landen beispielsweise in Afrika und werden dort so günstig verkauft, dass es die Menschen vor Ort davon abhält, sich Kleidung zu kaufen, die von lokal ansässigen Menschen hergestellt wurde.”

In Tansania etwa ist eine ganze Bevölkerungsschicht verarmt, weil die örtliche Textilproduktion zusammengebrochen ist.

Für Alizadeh ist es ohnehin Blödsinn, Kleidung zu spenden. “Jeder Mensch auf der Welt hat Kleidung, wir brauchen keine neue”, sagt sie.

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“Viele denken, dass sie etwas Gutes tun, wenn sie ihre alten Klamotten spenden. Und noch schlimmer: Sie denken, dann können sie guten Gewissens neue kaufen.”  

H&M und andere nutzen dieses moralische Scheingeschäft aus. Denn wer einen Sack alte Kleidung abgibt, bekommt von den Modeketten etwa als “Belohnung” Gutscheine – um sich neue zu kaufen.

Tja. Wie kommt man nun raus aus diesem Dilemma? Alizadehs Antwort: “Am besten grundsätzlich wenig kaufen, am besten nur Gebrauchtes und die eigenen Altkleider mit auf Tauschpartys nehmen. Und alte Fetzen können auch gut als Putzlappen verwendet werden.”

(jds)

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