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Was ich als Grundschullehrerin an einer Problemschule erlebe

Wir sehen täglich viel Schmerz in den kleinen Schülern, der sich zunehmend in Gewalt äußert.

23/01/2018 12:01 CET | Aktualisiert 23/01/2018 12:34 CET
vadimguzhva via Getty Images
Die Grundschüler sind zum Teil gerne in der Schule, zum Teil äußern sie aber tagtäglich genau das Gegenteil.

Woran mangelt es Problemschulen am meisten? Meine Antwort darauf hört sich erstmal selbstüberschätzend an: “An mir!”

Ich bin Lehrerin, aber ich meine damit nicht mich persönlich. Ich meine die wache, offene, agile und gesunde Persönlichkeit einer jeden Lehrerin und eines jeden Lehrers. Ich denke nämlich, dass wir Lehrer nur mit diesen Eigenschaften in der Lage sind, an Problemschulen ein Lernen in einer friedlichen und fördernden Umgebung zu sichern.

Das ist schließlich auch unser zentraler Lehrauftrag.

Das Hamburger Schulgesetz besagt, dass wir unter anderem die Bereitschaft für die folgenden Lebensthemen zu stärken haben: 

  • die Beziehungen zu anderen Menschen nach den Grundsätzen der Achtung und Toleranz, der Gerechtigkeit und Solidarität
  • sowie der Gleichberechtigung der Geschlechter zu gestalten und 
  • Verantwortung für sich und andere zu übernehmen sowie
  • das eigene körperliche und seelische Wohlbefinden ebenso wie das der Mitmenschen wahren zu können

Früher, als ich als Lehrerin in einem Brennpunkt in Bremen gearbeitet habe, hatte ich jedoch selbst den Eindruck, dass mein Job mir jegliche Energie raube und mich krank und ausgebrannt zurücklasse.

Ich habe mich damals tagtäglich darum bemüht, individuell lobende Worte im Klassenraum zu verteilen – um zu signalisieren, dass ich den wertvollen Beitrag eines jeden Schülers (an)erkenne.

Doch war das genug? Eigentlich nicht. Wir Lehrkräfte können zu einer positiven Entwicklung von Problemschulen zwar einen großen Teil leisten. Aber es ist nicht alles. Besonders fehlt es in Problemschulen an drei Punkten: 

1. Es fehlt an finanzieller Unterstützung

Ich habe mich früher selbst oft nicht genug akzeptiert gefühlt. War auf das Lob von außen angewiesen. Was in Bremen – einem armen Bundesland, konfrontiert mit vielen sozialen Schwierigkeiten – schwer war. Jeder Lehrer kämpft im Brennpunkt hart, es fehlt an finanzieller Unterstützung und teilweise an systematischen Unterstützungs- und Auffangsystemen.

Mittlerweile bin ich in Hamburg angestellt. In unserem Stadtteil arbeiten viele externe Träger aus dem Stadtteil, christliche Institutionen und Logopäden, mit der Schule zusammen.

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Unser sonderpädagogisches Förderkonzept fokussiert unter anderem genau diese Verzahnung.

Trotzdem bleibt da der Geldmangel. Wir können nur mit dem arbeiten, das wir haben. Da heißt es dann, kreativ zu sein. 

2. Es fehlt an Lehrern, die den Luxus haben, sich fit und wach zu halten

So vielfältig wie die Schülerpersönlichkeiten in unseren Grundschulklassen, so sind auch unsere Kollegien durchmischt: Ein Potpourri aus Lehrern mit persönlichen Idealen, Interessen und Orientierungen.

In meiner Karriere als Mensch, Praktikantin und Lehrerin bestätigte sich folgender Eindruck: Glückliche Personen haben immer einen Überblick – und sind so in der Lage, ihren Lehr- und Erziehungsauftrag gewissenhaft und selbstbewusst zu erfüllen. Außerdem kennen sie ihre Ressourcen.

An Problemschulen fehlen meiner Meinung nach oft Menschen, die den Luxus haben, sich selbst fit und wach zu halten. In den Schulklassen müssen die Mitarbeiter teilweise viel Verständnis und Kraft für Extremsituationen aufbringen.

Wir sehen nämlich viel Schmerz in den kleinen Schülern, der sich zunehmend in Gewalt äußert. Die Grundschüler sind zum Teil gerne in der Schule, zum Teil äußern sie aber tagtäglich genau das Gegenteil.

Manche Kinder sprechen davon, dass sie nicht gerne leben. Es ist schön, als Lehrpersonal zäh und zuversichtlich zu sein – aber eben nicht immer leicht.  Wir müssen unsere Kräfte auch wieder irgendwie aufladen. Helfen könnten hier entlohnte Zeiten mit Kollegen zum Austausch von Ideen und Erfahrungen anderer motivierter Lehrkräfte.

Das bringt mich gerade in brenzligen Grenzsituationen weiter, in der mein Job mich mehr Energie und Überlegungen kostet, als dass ich sie in meiner Freizeit wieder auffüllen könnte.

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In diesem Bereich sehe ich in meinem Arbeitsalltag momentan eine gute Entwicklung, die noch ausbaufähig ist: Wir haben eigene Jahrgangsbüros, in denen ich meine Kollegen treffen kann, wir unser persönliches Material lagern und vorbereiten können.

Um unseren Unterricht gemeinsam zu planen, gibt es teilweise feste Zeiten. Wir haben an der Schule ausreichend PCs für die Lehrer und es ist vorgesehen, dass wir uns regelmäßig über problematische Situationen mit unserer Sonderpädagogin austauschen.

Jedoch fehlt mir und einigen anderen Kollegen eine Zeit, die fest in den Arbeitsalltag integriert ist, in der wir - ohne die Forcierung eines Produktes, oder bestimmter Beschlüsse - Zeit miteinander verbringen.

3. Es fehlt an einer gerechten Bezahlung

Drittens fehlen an Grundschulen die männlichen Lehrkräfte. Eine heterogene Mischung in unseren Kollegien ist noch nicht gegeben. Meines Eindrucks nach liegt das an der schlechteren Bezahlung. Es ist überfällig, dass die Bundesrepublik die Gehälter angleicht und A13 für alle einführt. Denn wir Grundschullehllehrer und einige Stadtteilschullehrer erhalten die niedrigere Besoldung der Gehaltsstufe A12.

Mit mehr Gehalt könnten wir Grundschullehrer an Ganztagsschulen im Brennpunkt vielleicht auch einfacher eine Teilzeitstelle annehmen und unseren Berufsalltag noch locker mit einem erfüllten Privatleben ausgleichen.

Denn schon im Referendariat habe ich leicht nachempfinden können, dass Lehrer tagtäglich einer Entscheidungsüberfrachtung entgegenblicken, die der eines Topmanagers entspricht.

Hier hilft vor allem eines: fragen. Kollegen um Hilfe bitten. Oder die Kinder nach Lösungsvorschlägen fragen und ihre oft kreativen Ratschläge annehmen.

Gemeinsam mit den Kindern konnte ich schon viele alltägliche Situationen stressfrei lösen. Seien es ihre zielführenden Vorschläge für neue Sitzordnungen, die mehr Ruhe in die Klasse gebracht haben, oder bestimmte Bedürfnissen, die teilweise die Fachinhalte bestimmen.

Als ich fragte, was sie dieses Jahr in der Schule lernen möchten kam der Wunsch nach einem neuen Klassenmaskottchen auf. Also habe ich Stoffe herausgesucht und bringe den Kindern gerade nähen bei. So haben die Kinder die nächsten Wochen Kunstunterricht bestimmt.

Nur so sind wir in der Lage, Chancengleichheit zu schaffen

Allen Lehrern in Deutschland wünsche ich also vor allem Ruhe – zum Unterrichten, zum Entwickeln neuer Ideen und zum Regenerieren. Und da kann die Politik sich bitte kreative Lösungsvorschläge überlegen: Gönnt uns Auszeiten, erkennt uns an, ermöglicht uns in Form von finanzieller und personeller Unterstützung die Möglichkeit, uns durch Freizeit weiter zu bilden und ein Leben lang zu lernen. 

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Ich habe das Glück, dass ich mich an meiner Schule von der Schulleitung gesehen fühle. Ich werde von Kollegen unterstützt, von den Eltern wert geschätzt und von meinen Schülern respektiert.

Das hält mich fit und gesund. Ich plädiere für einen entspannten gemeinschaftlich Zusammenschluss aller Kollegen, damit wir in der Lage sind, eine chancengleiche Zukunft für die Kinder zu ermöglichen, die wir unterrichten.

(ks)