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08/02/2018 18:04 CET | Aktualisiert 09/02/2018 12:19 CET

Grundeinkommens-Experiment in Afrika könnte Entwicklungshilfe revolutionieren

Über 6000 Menschen sollen jeden Monat umgerechnet 18 Euro bekommen.

Reuters Photographer / Reuters
Fischer am Viktoriasee (Archivbild)
  • Die US-NGO GiveDirectly zahlt seit November 2017 armen Menschen in Kenia ein monatliches Grundeinkommen
  • Es soll die Menschen effektiv und nachhaltig aus der Armut befreien – doch kann das gelingen?

Jeden Monat ploppt in einigen Dörfern Kenias auf den Handybildschirmen der Bewohner eine SMS auf.

Dann wissen sie: Sie haben Geld bekommen. Wieder einmal. Geld für ihre Familien. Geld für Essen und Trinken. Geld zum Überleben.

Es stammt von der Wohltätigkeitsorganisation GiveDirectly aus New York. An einem nahen Kiosk mit dem sogenannten M-Pesa-System, einem mobilen Bankingsystem, können die Menschen die Summe abholen.

GiveDirectly überweist ihnen seit November 2017 jeden Monat 2250 kenianische Schilling, umgerechnet sind das etwa 18 Euro.

Die US-Organisation führt laut eigenen Angaben das größte Experiment mit einem bedingungslosen Grundeinkommen weltweit durch.

► Das Ziel: Erreichen, woran die europäische Entwicklungshilfe oft gescheitert ist. Nämlich die extreme Armut in Afrika wirkungsvoll zu bekämpfen.

Jeder Fünfte in Kenia gilt als extrem arm

Trotz massiver wirtschaftlicher Fortschritte und einer stabilen Politik hat Kenia noch immer ein Armutsproblem. 

► Fast jeder Zweite in dem afrikanischen Land gilt laut der Weltbank und dem Kinderhilfswerk UNICEF als arm.

► Jeder Fünfte ist “extrem arm”.

► Diese Menschen haben weniger als zwei US-Dollar am Tag zum Leben.

Vier Studenten der US-Eliteuniversität Harvard und MIT haben 2009 der Armut den Kampf angesagt.

Ihre Idee ist, den Menschen mit direkten Cash-Transfers zu helfen. So soll kein Geld in der Bürokratie und in den Händen korrupter Beamter versickern.

Mehr zum Thema: Nobelpreis-Ökonom erklärt, weshalb Entwicklungshilfe wirkungslos ist

Nach ersten Versuchen mit direkten Zahlungen an extrem arme Menschen in Afrika begann GiveDircetly 2016, ein groß angelegtes Grundeinkommensexperiment in Kenia zu planen. Die Organisation will herausfinden, wie sich verschiedene Arten der Zahlungen auf das Leben der Menschen auswirkt.

Der Plan sieht vor:

► Über 6000 Menschen in rund 40 Dörfern sollen monatlich rund 18 Euro bekommen. Seit November 2017 laufen die ersten Geldtransfers. GiveDirectly will das bedingungslose Grundeinkommen 12 Jahre lang zahlen.

► Menschen in rund 80 Dörfern werden das Grundeinkommen zwei Jahre lang bekommen.

► Um herauszufinden, wie sich das Grundeinkommen auf das Leben der Menschen auswirkt, will die Organisation auch Menschen in etwa 100 weiteren Dörfern beobachten, die keine Zahlungen erhalten.

Insgesamt 30 Millionen US-Dollar will GiveDirectly ausgeben. Rund 26 Millionen Dollar seien bereits durch Spenden gesichert, berichtet der “Spiegel”.

Menschen das Leben leichter machen 

Das Geld ist an keine Bedingungen geknüpft. Die Mitarbeiter von GiveDirectly überprüfen die Bewerber für das Programm vorab, um Bestechung oder Korruption auszuschließen und sicherzugehen, dass das Geld wirklich dort landet, wo es hin soll.

Auch in Europa findet die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens immer mehr Anhänger. In Finnland und in einigen Regionen Frankreichs laufen erste Projekte. Allerdings geht es dabei nicht um Armutsbekämpfung, sondern um die Zukunft von Arbeits- und Sozialmodellen.

In Kenia soll das Grundeinkommen dagegen spürbar und schnell einen Unterschied im Leben der Menschen machen. Da wäre etwa der kenianische Fischer Erick Odhiambo, den der “Spiegel” im Rahmen eines Berichts über GiveDirectly besucht hat.

Wie das Grundeinkommen das Leben eines Fischers verändert hat

Der Mann lebt mit seiner Frau Norah und seinen Kindern in einem Dorf nahe des Viktoriasees. Seit November 2017 erhält er monatlich 2250 Schilling.

Von dem ersten Transfer habe er sich zwei neue Fischernetze gekauft, erzählt Odhiambo den Journalisten des “Spiegels” vor seiner Lehmhütte. Jetzt könne er endlich wieder arbeiten.

Auch seine Frau Norah berichtet von ihren Käufen, einem Ventilator und anderen Dingen für den Haushalt.

Ihr Mann plant nun, Geld zu sparen. Er will sich bald ein eigenes Boot kaufen, um nicht mehr auf ein Leihboot angewiesen zu sein.

Das Geld von GiveDirectly schafft also Sicherheit. Die Menschen vertrauten mittlerweile darauf, dass die Transfers monatlich eintreffen würden und planten mit dem Geld ihre Zukunft, berichtet der “Spiegel” aus Kenia.

Wie bei der Entwicklungshilfe gilt bei den Cash-Transfers das Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe.

“Es ist ein effektives Mittel” 

Für Menschen, die man nur schwer aus ihrer Armut befreien könne, seien direkte Geldhilfen ein naheliegendes Instrument, sagt auch Jann Lay. Er forscht am GIGA Institut für Afrika-Studien in Hamburg und kennt das Projekt von GiveDirectly.

► “Unkonditionierte Sozialtransfers sind effektiv. Sie heben die Menschen direkt aus der extremen Armut”, betont Lay.

Aber sind die Transfers auch nachhaltig? Das sei ein entscheidender Punkt, den man nicht vernachlässigen dürfe, sagt der Afrika-Experte.

Bei den Sozialtransfers in Kenia stellen sich die gleichen Fragen wie bei Sozialtransfers – etwa der Sozialhilfe – in Europa:

► Bleiben die Menschen abhängig von der fremden Hilfe? Und: Geben die Menschen das Geld für die richtigen Dinge aus?

Nicht nur Schnaps und Kippen

GiveDirectly lässt sich bei seinem Experiment auch von Wissenschaftlern beraten.

Laut einer Studie von 2013 der Princeton-Universität haben die Menschen in Kenia bei ersten Versuchen von GiveDirectly mit bedingungslosen Sozialtransfers das Geld nicht einfach für Alkohol und Zigaretten ausgeben, wie Kritiker es vermutet hätten.

Vielmehr stiegen die Ausgaben für Essen, Trinken, aber auch für Bildung oder das eigene Haus gleichermaßen an.

Direkte Geldhilfen können extreme Armut also effektiv bekämpfen.

Ein Wundermittel gegen die Armut in der Welt seien sie dennoch nicht, sagt Afrika-Forscher Lay. Denn in der Entwicklungshilfe kämpfe man an vielen Fronten: Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung, der Bildung, der Gesundheit.

“All diese Dimensionen fehlen bei einem Ansatz wie dem bedingungslosen Sozialtransfer”, betont Lay. “Strukturelle Ursachen von Armut lassen sich damit nicht nachhaltig bekämpfen. Das ist der große Nachteil an diesem Instrument.”

Mehr zum Thema: “Das ist eine Milchmädchen-Rechnung”: Experte nimmt Merkels Afrika-Plan auseinander

Brauchen die Menschen Bedingungen für Geld?

Besser wäre etwa, wenn die kenianische Regierung selbst Geld an die Menschen zahlen würde – statt die Menschen von Spenden aus dem Ausland abhängig zu machen.

“Kenia ist nicht so arm, dass man Teilen der extrem armen Bevölkerung nicht aus heimischen Mitteln helfen könnte”, sagt Lay. 

Auch seien Sozialtransfers, die an Bedingungen geknüpft seien, vielleicht das bessere Mittel. Um das Geld zu erhalten, müssten Familien dann etwa bestimmte Vorgaben bei der Bildung der Kinder einhalten.

“Wir haben die Freiheit, das Geld nach eigenen Vorstellungen auszugeben” 

Dennoch: Welchen Vorteil das Projekt von GiveDirectly gegenüber der traditionellen Entwicklungshilfe hat, zeigt das Beispiel der Familie Odhiambo.

Norah berichtet dem “Spiegel” von den Hilfsorganisationen, die jahrelang Zement, Schulbücher oder Reissäcke in ihr Dorf geschleppt hätten.

Ob Ventilator oder Fischernetz, nun können Norah Odhiambo und ihr Mann Erick selbst entscheiden, was sie am dringendsten brauchen. “Wir haben die Freiheit, das Geld nach eigenen Vorstellungen auszugeben”, sagt Norah Odhiambo dem deutschen Nachrichtenmagazin.

Mit jeder weiteren SMS kann ihre Familie ihrer Zukunft weiter selbst in die Hand nehmen.