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10/01/2018 18:15 CET | Aktualisiert 11/01/2018 01:21 CET

Glyphosat-Streit: Milchbetriebe könnten schaffen, woran die Politik scheitert

Erste Bauern und Kommunen verbannen den Unkrautvernichter.

afp
Milchbauern in Bayern – viele von ihnen sehen Glyphosat kritisch.
  • Die Bundesregierung weigert sich, Glyphosat von heimischen Äckern zu verbannen
  • Molkereien, Käsehersteller und manche Kommunen verbieten nun das Pestizid – und machen vor, wie Naturschutz geht 

Für Umweltschützer war es ein Schlag ins Gesicht. 

Ende November hatte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt auf EU-Ebene für die Verlängerung der Zulassung von Glysophat gestimmt – ohne Absprache mit dem Koalitionspartner SPD. Die Bundesregierung hatte einen handfesten Skandal.

Der CSU-Politiker machte damit ein von Grünen und der SPD befürwortetes nationales Verbot des hochumstritten Unkrautvernichters unmöglich.

Doch es kann gut sein, dass Molkereien, Käsehersteller, Handel, Verbraucher und manche Kommunen schaffen, wozu die Bundesregierung bislang nicht willens ist: Glyphosat von heimischen Äckern zu verbannen.

Viele Verbraucher wollen kein Glyphosat

So gilt bei der Chamer Käserei Goldsteig seit dem 1. Januar für alle 3300 Milchlieferanten ein Verbot, auf ihren Futterflächen Glyphosat einzusetzen.

“Wir kommen damit nicht nur den Verbraucherwünschen nach einem starken Signal aus der Landwirtschaft zu diesem Thema nach, sondern positionieren uns auch gegenüber unseren Handelskunden – und das rechtzeitig und klar”, teilt das Chamer Unternehmen auf Anfrage mit.

Bereits Ende Oktober hatten die Milchwerke Berchtesgadener Land ihren Bauern den Einsatz von Pestizid untersagt. Mit rund 1800 zuliefernden Landwirten vom Watzmann bis zur Zugspitze und einem Umsatz von deutlich über 200 Millionen Euro ist die Firma eine der wichtigsten bayerischen Molkereien.

Mehr zum Thema: Krebsverdacht: Hornbach verbannt Glyphosat endgültig aus den Regalen

Auch ein weiteres Großunternehmen schließt offenbar nicht aus, Glyphosat von den Wiesen und Weiden ihrer Zulieferer zu verbannen. Die Privatmolkerei Bauer sei sich der Verunsicherung und der Ängste der Verbraucher bewusst, heißt es aus dem Umfeld des Wasserburger Unternehmens.

Manche Unternehmen denken gar nicht an einen Verzicht

Man verfolge deshalb die Entwicklung zum Umgang mit dem Planzenschutzmittel in der Branche intensiv: “Es wird genau geprüft, wie mit dem Thema Glyphosat zukünftig umgegangen wird.” Bauer macht mehrere Hunderte Millionen Umsatz, der Joghurt der Firma steht bei fast allen wichtigen Einzelhändlern in den Regalen.

Deutschlands größte Genossenschaftsmolkerei, das Deutsche Milchkontor (DMK), ließ eine Anfrage der HuffPost unbeantwortet. Marktriese Müller lehnt dagegen bislang ebenso wie die bayerische Konzerntochter Weihenstephan einen Glyphosat-Ausstieg ab.

“Wir sehen keine Veranlassung, durch weitergehende Vorschriften in die unternehmerische Freiheit und die gute fachliche Praxis der uns beliefernden Landwirte einzugreifen”, sagt ein Konzernsprecher.

Bei Greenpeace ist man sich dagegen sicher, dass weitere große Milchverarbeiter folgen werden.

Der Handel und die Verbraucher würden nun den nötigen Druck aufbauen, sagt Dirk Zimmermann, Agrarexperte bei der Umweltschutzorganisation: “Auch bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln hatte die Politik ein Verbot gescheut. Doch sehr viele Hersteller und Einzelhändler haben sich aufgrund der Nachfrage der Kunden entschlossen, komplett auf Gentechnik zu verzichten.”

Der Kunde erreiche das, “wozu die Politik nicht in der Lage ist.” Tatsächlich hat etwa DMK den Anteil an gentechnikfreier Milch gerade erst erheblich ausgeweitet.

Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein

Gisela Sengl, Verbraucherschutzexpertin der bayerischen Landtags-Grünen, prophezeit ebenfalls. “Die Verarbeiter schaffen, was die CSU nicht schafft.” Die Kunden sehnten sich “nach Produkten ohne Chemie und Gifte”.

Glyphosat steht unter dem Verdacht, krebserregend zu sein – zudem schreiben ihm Kritiker eine Mitschuld am Insektensterben zu.

Mehr zum Thema: Warum die Diskussion um die Glyphosat-Zulassung auf ein viel größeres Problem verweist

Während das Bundeslandwirtschaftsministerium an seiner Linie festhält, übt der Bayerische Bauernverband Kritik an der Entscheidung der Molkereien.

Aus fachlicher Sicht wäre das Glyphosat-Verbot bei Goldsteig nicht notwendig, sagt Josef Wutz, Bezirkspräsident des Verbands in der Oberpfalz. Dieses sei “vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Einzelhandel”, sagte er dem “Bayerischen Rundfunk”.

► Verbots-Kritiker argumentieren, wenn die Bauern kein Glyphosat verwendeten, würden sie eben auf weit weniger erforschte und damit womöglich problematischere Pestizide zurückgreifen.

Auch ohne Glyphosat war die Landwirtschaft erfolgreich

► Greenpeace-Mann Zimmermann argumentiert dagegen, dass ja bereits heute viele Bauern ohne das Gift arbeiten. Und auch vor dessen Erfindung vor gut drei Jahrzehnten sei die Landwirtschaft ertragreich gewesen.

“Der Bauer muss dann eben wieder mehr selbst mechanisch machen oder beispielsweise besser darauf achten, dass er nicht immer dasselbe anbaut.”

Klar sei aber auch: “Die Landwirte müssen für die Mehrarbeit entschädigt werden. Und am Ende muss der Verbraucher bereit sein, dafür zu zahlen.”

Doch auch manche Lokalpolitiker versuchen, den Einsatz des umstrittenen Pestizids einzudämmen.

Zwar würde ein bundesweites Verbot aufgrund der Zustimmung Schmidts in Brüssel wohl rechtswidrig sein – doch manche Kommune hinderte dies zuletzt nicht, den Unkrautvernichter aus seinen Stadtgrenzen zu verbannen.

Erste Kommunen verbieten das Herbizid

► So hat etwa Rostock die Nutzung des Pflanzenvernichtungsmittels Glyphosat auf all ihren Flächen untersagt.

► Das oberbayerische Dachau hat auf städtischen Ackerflächen bereits im März 2017 das Sprühen des Gifts verboten. Landwirte, die neue Pachtverträge mit der Stadt abschließen oder bestehende verlängern wollen, müssen sich seither verpflichten, das Pestizid nicht mehr einzusetzen.

► Auch Artland bei Osnabrück verbietet seit diesem Jahr den Einsatz des Pflanzenschutzmittels auf Äckern und Weiden, die von der Gemeinde verpachteten werden.

Wer als Kunde derweil weitgehend sicher gehen will, dass seine Lebensmittel ohne den Einsatz von Glyphosat erzeugt wurden, hat zwei Möglichkeiten:

Zum einen kann er auf Produkte von Herstellern wie Berchtesgadener, die versichern, dass sie auf den Unkrautvernichter verzichten, zurückgreifen - oder er kauft gleich Bio-Produkte.

(ben)