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Gastronomin: "Wer in unserer Branche nicht belästigt wurde, hat Glück"

Warum sollte eine Frau “froh” sein müssen, dass sie das Glück hatte, nicht sexuell belästigt zu werden?

08/02/2018 17:03 CET | Aktualisiert 08/02/2018 17:29 CET
Julia Sullivan
Chefköchin Julia Sullivan sagt, es sei wichtig, dass weibliche und männliche Führungskräfte mit einem Beispiel voran gehen.

Die #MeToo-Bewegung hat in den vergangenen vier Monaten in Hollywood dazu geführt, dass endlich ernsthaft über das Thema sexuelle Belästigung gesprochen wird und dass die Täter allmählich zur Verantwortung gezogen werden. Mittlerweile haben auch Frauen aus anderen Branchen begonnen, über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch, sexueller Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz nachzudenken und öffentlich darüber zu sprechen.

In diesem Beitrag erzählt Julia Sullivan, Miteigentümerin und Chefköchin des Restaurants Henrietta Red im amerikanischen Nashville von den Erfahrungen, die sie im Lauf ihrer Karriere in verschiedenen Küchen gemacht hat. 

Die Arbeit in einer professionellen Küche kann man auf gewisse Weise mit Teamsport vergleichen. Im schlimmsten Fall geht es mühsam, chaotisch, langsam und unkoordiniert zu.

Im besten Fall verläuft die Arbeit wie eine Symphonie ― eine Person erteilt die Anweisungen und schon setzen sich alle anderen in Bewegung. Die bestellten Speisen werden ohne einen überflüssigen Schritt weitergereicht, angenommen und angerichtet.

Die Gäste werden schnell bedient und alle Mitarbeiter haben ein Erfolgsgefühl. Sie gehen mit guter Laune nach Hause und sind bereit, auch den nächsten Arbeitstag wieder erfolgreich zu meistern.

Es wird keine Rücksicht auf anwesende Frauen genommen

Ich habe dieses Spiel zu seinen absoluten Hochzeiten erlebt, und zwar sowohl in Michelin-Sterneküchen als auch in kleinen Eckkneipen. Diese Küchen sind zwar meist kleiner und einfacher ausgestattet, die Abläufe sind jedoch auch dort perfekt durchgeplant.

Ich beobachte dieses Spiel mittlerweile fast jeden Abend in meinem eigenen Restaurant und es ist ein tolles Gefühl.

Ähnlich wie bei Sportmannschaften bestehen auch professionelle Küchen meist komplett oder zumindest zum überwiegenden Teil aus einem rein männlichen Team. Die Unterhaltungen driften oft in lockere “Umkleidekabinen-Gespräche” ab. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, ob Frauen anwesend sind, die diese Gespräche eventuell mithören könnten.

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Es blieb keine Zeit für ein derartiges Verhalten

So lief es in einigen Küchen ab, in denen ich gearbeitet habe. In Spitzenrestaurants ist mir das jedoch bisher noch nie passiert. Dort fühlte ich mich als Frau niemals unwohl und ich wurde auch noch nie wegen meines Geschlechtes diskriminiert.

Die Zubereitung der Speisen in diesen Restaurants war so anspruchsvoll, dass für ein derartiges Verhalten keine Zeit blieb. Außerdem wäre es auch nicht toleriert worden.

Das bedeutet nicht, dass es in diesen Küchen keinerlei Aggressionen oder Mobbing gab. Doch all dies schien in einem Raum voller ehrgeiziger Spitzenköche, die sowohl um ihren Platz als auch um Aufmerksamkeit buhlen mussten, völlig im Bereich des Normalen zu liegen.

Julia Sullivan
Sullivan sagt, dass die Erfahrungen, die sie für ihr Team schafft, mit der Erfahrung Hand in Hand geht, die ihr Team für die Gäste des Restaurants schafft. 

Wenn ich zurückschaue, bin ich “froh” darüber

Die Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe, die momentan in vielen Bereichen ans Licht kommen, sind wie ein verknotetes Garnknäuel, das allmählich aufgerollt wird. Auch in meiner Branche wird mittlerweile über das Thema diskutiert.

Aus diesem Grund habe auch ich lange und ausführlich darüber nachgedacht, welche Erfahrungen mit sexueller Belästigung ich im Laufe meiner Karriere am Arbeitsplatz und auch außerhalb gemacht habe.

Die unangenehmsten Annäherungsversuche kamen meist von Gästen, die mir anzügliche Angebote machten. Oder von Lieferanten, die meine Position untergruben, indem sie mich “Schätzchen” oder “Kleines” nannten, während ich die Bestellungen aufgab. Wenn ich so zurückschaue, bin ich froh, dass dies das Schlimmste war, was mir zugestoßen ist ― doch eigentlich ist es ein komischer Ausdruck, dass ich “froh” darüber bin.

Wir sind “froh” über professionelles Verhalten

Warum sollte eine Frau “froh” darüber sein müssen, dass sie das Glück hatte, an irgendeinem Ort nicht sexuell belästigt zu werden? Vor allem nicht, wenn es sich dabei auch noch um einen Ort handelt, an dem sie stets unermüdlich für den Nutzen anderer schuftet.

Warum sollte eine Frau “froh” darüber sein müssen, dass sie für Chefs arbeiten darf, die ihre Mitarbeiter wegen ihres Talents und ihrer Leistungen befördern und nicht wegen ihres Geschlechts oder wegen irgendwelcher Privilegien?

Wie Tamar Adler es erst kürzlich sehr wortgewandt in der “New York Times” ausdrückte: “Wohin soll es führen, dass wir im Kampf um Gleichberechtigung das schlimmste Verhalten von der Gruppe der Privilegierten selbst erwarten?”

Und dass wir deshalb bereits “froh” darüber sind, wenn wir menschlich und professionell behandelt werden.

Kolleginnen haben sich mitschuldig gemacht

In letzter Zeit haben einige meiner Kolleginnen im Zuge der #MeToo-Bewegung von ihren eigenen Erfahrungen berichtet. Andere Kolleginnen haben zugegeben, dass sie sich mitschuldig gemacht haben, weil sie weggeschaut haben oder weil sie nur auf ihren eigenen Schutz und Vorteil bedacht waren.

Sie haben sich mitschuldig gemacht, weil sie ihre Kolleginnen nicht beschützt haben und weil sie es um jeden Preis vermieden haben, die Täter öffentlich anzuklagen.

Ich glaube jedoch, dass das ganz normal ist. Und viele von uns werden wohl noch eine ganze Weile über dieses Thema nachdenken müssen.

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Sie wollten wissen, wie es ist, für eine Frau zu arbeiten

Und während wir uns damit auseinandersetzen, sollten vor allem wir Führungskräfte in der Gastronomie-Branche ― und zwar sowohl die weiblichen als auch die männlichen ― diese Gelegenheit nutzen und in unseren eigenen Restaurants und Netzwerken mit gutem Beispiel vorangehen.

Im vergangenen Frühjahr habe ich zusammen mit einer weiblichen Geschäftspartnerin ein Restaurant eröffnet. Wir haben ein bunt gemischtes und sehr ausgewogenes Mitarbeiter-Team. Das Küchenpersonal ist jedoch überwiegend weiblich.

Ich werde oft gefragt, warum das so ist. Und ich kann darauf immer nur die Antworten weiterleiten, die mir die Angestellten selbst geben. Bei ihrer Einstellung wollten sie ausprobieren, wie es ist, für eine Frau zu arbeiten.

Und ich glaube, dass sie mittlerweile das Umfeld, das Gemeinschaftsgefühl und die Aufstiegsmöglichkeiten zu schätzen wissen. Und sie schätzen auch das Gefühl, dass ihr Arbeitsplatz ein sicherer Ort ist, an dem sie sich weiterentwickeln können.

Bloß weil uns selbst noch nichts Schlimmes zugestoßen ist, können wir nicht einfach die Erlebnisse von anderen ignorieren.

Wir können die Erlebnisse nicht einfach ignorieren

Wir haben unser Restaurant vor acht Monaten eröffnet. In der Zeit gab es einen Vorfall, bei dem ein Angestellter wiederholt eine Kollegin bedrängt und belästigt hatte. Es ist erstaunlich, wie sehr ich diesen Vorfall anfangs heruntergespielt habe.

Ich dachte mir: “Vielleicht hat sie Unrecht. Vielleicht ist es eine kulturell bedingte Angelegenheit.” Am Ende haben wir ihn jedoch rausgeworfen und sie arbeitet noch immer bei uns. Rückblickend verstehe ich, warum ich Zweifel an ihrer Geschichte hatte. Doch ich schäme mich auch dafür, dass ich ihr nicht geglaubt habe.

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Die Tatsache, dass wir selbst “Glück hatten”, entbindet uns nicht von der Verantwortung, unangenehme Themen anzusprechen. Bloß weil uns selbst noch nichts Schlimmes zugestoßen ist, können wir nicht einfach die Erlebnisse von anderen ignorieren.

Wir sind Vertrauenspersonen für unsere Angestellten und Kollegen. Und wir dürfen ein derartiges Verhalten nicht einfach herunterspielen oder tolerieren.

Ich will, dass wir uns alle weiter entwickeln

Wenn ich mein Team jeden Abend bei der Arbeit beobachte, versuche ich kritisch zu sein und mich selbst zu hinterfragen. Ich will, dass wir uns alle weiterentwickeln, dass wir bessere Arbeit leisten und dass wir unseren Gästen die bestmögliche Erfahrung bieten.

Doch die Erfahrungen, die mein Team mit mir macht, sind mir genauso wichtig. Denn diese zwei Faktoren gehen Hand in Hand. Man erkennt das an den Speisen, die wir servieren und an der Atmosphäre, die wir erschaffen.

Und zwar an jedem einzelnen Abend, an dem wir uns ans Werk machen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.