POLITIK
12/01/2018 16:37 CET | Aktualisiert 12/01/2018 18:37 CET

Für eine WDR-Sendung trug ein Mädchen Kopftuch – jetzt flippt die AfD aus

Die Rechtspopulisten wettern wieder über angebliche "Islamisierung" – doch der Vorwurf ist lächerlich.

Screenshot WDR/Du bist kein Werwolf
Screenshot aus der Sendung des WDR
  • AfD-Politiker empören sich erneut über eine Sendung des Kika
  • Wieder werfen sie den Redakteuren “Islamisierung” vor – und wieder ist der Vorwurf lächerlich

Der Magdeburger AfD-Bundestagsabgeordnete Frank Pasemann und sein Parteikollege Ronny Kumpf kritisieren auf Twitter einen Beitrag der Sendung “Du bist kein Werwolf – Über Leben in der Pubertät”.

Sie werfen dem WDR, der die Sendung für den öffentlich-rechtlichen Kinderkanal Kika produziert, Islamisierung und Skrupellosigkeit vor.

“Du bist kein Werwolf” beschäftigt sich mit Dingen, die für Jugendliche in der Pubertät relevant sind. Da geht es um Sexualität – und um gesellschaftlich relevante Themen.

Die Challenge: ein Tag mit Kopftuch

Die Redaktion stellt Jugendlichen Aufgaben für Selbstversuche – und begleitet sie dann mit der Kamera. Mal müssen die Jugendlichen einen Tag ohne Plastik auskommen, mal eine Zeit lang aufs Handy verzichten.

Für den Beitrag, der aus dem Jahr 2012 stammt und seit August 2016 online geschaltet ist, soll die Schülerin Alina einen Tag lang ein Kopftuch tragen. “Cool” und “krass” findet die damals 14-Jährige die Aufgabe.

Als sie am Morgen das Tuch anzieht, fühlt sich Alina paradoxerweise “nackt, weil ich meine Haare nicht sehe”. Ihre Schwester attestiert ihr: “Du siehst total bescheuert aus.” Im Bus glaubt Alina “eigenartige Blicke” auf sich zu spüren.

“Das ändert ja nichts an ihrer Person”

Die Mitschüler allerdings reagieren entspannt. “Sie ist ja trotzdem noch meine beste Freundin”, sagt ein Mädchen, “das ändert ja nichts an ihrer Person.”

Ein Junge sagt: “Wenn meine Freunde nett sind, ist mir das egal, ob die Muslime sind oder Christen oder was auch immer.” Und schließlich findet sogar die Schwester, dass der ungewohnte Aufzug doch nicht so schlimm aussehe.

Für den Schulgottesdienst legt Alina das Tuch zwischendurch ab. Und freut sich am Abend, es ganz los zu sein. Besonders beim Tanzen sei es doch recht heiß darunter gewesen.

Alinas Fazit: Es nötige ihr Respekt ab, wenn jemand immer ein Kopftuch trage. Und sie nimmt aus der Erfahrung für sich mit: “Ich muss vielleicht nicht darauf achten, was die anderen von mir denken.”

► Die nun auf den Plan tretenden AfD-Politiker allerdings sehen das weniger entspannt. Das Kopftuch sei “ein frauenverachtendes Symbol des Islam”, aus dem man kein “lustiges Spielchen” machen dürfe.

Angesichts der AfD-Posts kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass AfD-Politiker entweder mangels aktueller Aufgaben in der Übergangszeit bis zur Regierungsbildung nichts anderes zu tun haben, als alte Kindersendungen anzusehen.

Oder einfach nur an die Aufmerksamkeit anknüpfen wollen, die ihre Kritik an einer weiteren Kika-Sendung aus dem Jahr 2017 kürzlich erregt hatte. Auch da war es um den Islam gegangen, um die Beziehung zwischen der deutschen Christin Malvina und dem muslimischen Flüchtling Diaa.

Kopftuch ist umstritten

Die Diskussion über das Kopftuch aus religiösen Gründen flammt in Deutschland immer wieder auf. Viele Muslimas sagen, sie trügen es aus eigener Überzeugung. 

Kritiker des Islam verweisen darauf, dass Frauen etwa im Iran zu dieser Verhüllung gezwungen und so unterdrückt würden. 

Kritik ist grotesk überzogen

So ein großes Fass wird bei “Du bist kein Werwolf” gar nicht aufgemacht.

Der fünfminütige Beitrag über Alina arbeitet mit nur wenigen Sätzen Moderation aus dem Off. Die Geschichte wird hauptsächlich über die O-Töne der Jugendlichen erzählt.

So wird ihre Skepsis deutlich, aber auch ihre Erkenntnis, dass es nicht auf Etiketten ankommt, sondern auf den Menschen.

► Eine Diskussion auf der Meta-Ebene ist in so einem Format schwierig. 

Im Begleitmaterial zum Beitrag im Internet schreibt die Redaktion vor allem über die Geschichte des Kopftuch von den Trümmerfrauen (praktisch, weil sie sich nicht um die Frisur kümmern mussten), über das Kopftuch als modisches Accessoire der 60er bis hin zum Kopftuch als Sonnenschutz oder Hygiene-Maßnahme. “Manche Frauen tragen Kopftücher auch als Zeichen ihrer Religion.” 

Das ist tatsächlich etwas dürftig. Ein Hinweis auf die Kritiker des muslimischen Kopftuchs hätte die Geschichte gehaltvoller gemacht.

Aber deswegen so einen Aufstand zu machen wie nun die AfD-Politiker, ist lächerlich. Und durchschaubar.

Update um 18:35: Der WDR hat auf eine Anfrage der HuffPost mit einer Stellungnahme reagiert: 

“Bei dem Beitrag handelt es sich um eine Sendung aus dem Jahr 2012, 
die 2016 wiederholt wurde und seither auf den Online-Seiten der WDR-Sendung ‘Du bist kein Werwolf’ steht. Die Kritik haben wir aufmerksam im Blick.”

(jg)