POLITIK
28/12/2017 19:55 CET | Aktualisiert 29/12/2017 16:36 CET

Wenn die Stadt für Flüchtlinge und Obdachlose Luxusmieten zahlen muss

Die Kommunen sind den Vermietern ausgeliefert.

Fabrizio Bensch / Reuters
Eine Notunterkunft für Flüchtlinge 
  • Vermieter verdienen mit Mieten für Flüchtlings- und Obdachlosenunterkünfte immense Summen

  • Darunter leiden besonders die Städte und die Kommunen 

Es ist eine Zahl, die veranschaulicht, vor welchen großen Herausforderungen Deutschland in den kommenden Jahren steht: 19,33. Denn genau so viel kann der Quadratmeter Wohnraum in der Kleinstadt Leimen bei Heidelberg kosten – ohne Strom, ohne Wasser, ohne Heizung.

Eine Einzimmerwohnung mit rund 25 Quadratmetern wird dort mit rund 490 Euro Kaltmiete zu Buche schlagen. Günstig ist anders. Es ist ein Preis, der die örtliche Gemeinde in Alarmbereitschaft versetzt.

Und der nicht nur für die Kleinstadt mit rund 27.000 Einwohnern ein Problem darstellt, sondern sinnbildlich für die Gründe wachsender Altersarmut und Ungleichheit in Gesamtdeutschland steht. 

Luxusmieten für Flüchtlingsunterkünfte

Auf den ersten Blick ist da natürlich der deutschlandweite Krisenherd “bezahlbarer Wohnraum” - und der ellenlange Rattenschwanz den dieses generationsübergreifende Problem hinter sich herzieht.

► Die Obdachlosenzahlen etwa wachsen ebenso unaufhaltsam an, wie die Mietpreise in den Städten. 

Laut der Bundesarbeitergemeinschaft Wohnungslosenhilfe soll es 2016 rund 860.000 Menschen ohne festen Wohnsitz in Deutschland gegeben haben. Dazu kommen circa 54.000 Obdachlose. 

► Ein Anstieg von 150 Prozent seit 2014. Für 2017 rechnen Experten mit einem weiteren Zuwachs von 350.000 Wohnungslosen. 

Und auch die hohen Zahlen von Aslybewerbern bringen seit Herbst 2015 viele Städte in Bedrängnis. Denn für geflüchtete Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, haben die Kommunen Unterbringungspflicht.

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Eine Regelung, die zurück nach Leimen bei Heidelberg führt. Dort beriet der Stadtrat diese Woche über die Preise, die für diverse Unterbringungsmöglichkeiten von Obdachlosen und vor allem Flüchtlingen zu bezahlen sind: von 5,84 Euro pro Quadratmeter für ein Zimmer mit Ölofenstandard bis hin zu besagten 19,33 Euro für eine Immobilie mit Dusche und Elektroheizung. Darüber berichtete die Rhein-Neckar-Zeitung.  

Denn wie zahlreiche andere Städte in Deutschland ist die Stadt Leimen durch die Unterbringungspflicht gezwungen, auch Luxusmieten um die 20 Euro pro Quadratmeter zu bezahlen.

“Da verdienen sich Leute eine goldenen Nase”, erklärt die Lokalpolitikerin Christa Hassenpflug der “RNZ”.

Zum Vergleich: Der Quadratmeter für eine Mietwohnung im Münchner Szeneviertel Lehel liegt mit 19,47 Euro nur 14 Cent über dem Preis für Flüchtlings- und Obdachlosenunterkünfte in Leimen.

Ein gutes Geschäft für die Vermieter

Ein ähnlich interessantes Bild offenbarte sich bereits im September 2015 in Duisburg. Eine Recherche der Neuen-Rhein-Zeitung zeigte damals, dass die Preise für potentielle Flüchtlingsunterkünfte die Preise für Mietwohnungen in Top-Lagen weit übertrafen.

Während der Quadratmeter für eine Bürofläche am Innenhafen 2015 bei circa 13,50 Euro kalt lag, bezahlt die Stadt für eine Flüchtlingsunterkunft in der Holtener Straße samt Nebenkosten 20,23 Euro pro Quadratmeter.

► Mit 1,5 Millionen Euro Jahresmiete gehört die Unterkunft im Norden Duisburgs zu den teuersten der Stadt.

Das erscheint besonders fragwürdig, wenn man bedenkt, dass der Innenhafen direkt am Rhein und inmitten des Duisburger Stadtzentrums und die Oberere Holtener Straße weit im Norden liegt.

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“Am Ende bleibt es ein Geschäft, bei dem der Vermieter den Preis diktieren kann, und die Stadt keine andere Wahl hat”, schlussfolgerte die “WAZ” damals.

Der Druck bei der Unterbringung von Flüchtling sei auf die Stadt so hoch, dass sie fast jeden Preis zahlen muss. Die einzige Alternative wären demnach Zelte.

2017 scheint sich daran nicht viel geändert zu haben. Ab April 2018 sollen in Duisburg fünf der 18 Flüchtlingsunterkünfte geschlossen werden. Dazu gehört auch die Flüchtlingsunterkunft in der Oberen Holtener Straße.

Die Stadtverwaltung errechnete im September diesen Jahres, dass ein Unterbringungsplatz in einem Heim mit rund 700 Euro knapp fünfmal so teuer ist, wie die monatlichen Mietkosten von rund 145 Euro für einen Platz in einer Mietwohnung.

► Die Stadt fördert daher jetzt vermehrt Wohnprojekte für Flüchtlinge.

Das Ziel sei es die Menschen langfristig in den Wohn- und Arbeitsmarkt zu integrieren. Damit könnte die Stadt enorme Kosten sparen.

Auch Flüchtlinge selbst zahlen absurde Summen

Doch nicht nur der Stadt würde diese Entwicklung zu Gute kommen.

Denn aktuell gibt es neben den Städten und Kommunen wahrscheinlich nur eine Gruppe Menschen in Deutschland, die ähnlich absurde Summen für Flüchtlingsunterkünfte bezahlt - und das sind die Flüchtlinge selbst.

Allerdings zahlen sie das Geld nicht etwa an profitgierige Immobilien-Gruppen, nein. Sie zahlen das Geld an den Staat selbst. 

Im Juli ergaben Recherchen des “rbb”-Magazins “Kontraste”, dass Flüchtlinge die über ein eigenes Einkommen verfügen, in Bayern rund 280 Euro Miete im Monat für ihre Unterkunft zahlen. In Thüringen sind es 150, in Hamburg 141 Euro. 

► Allerdings nicht etwa für ein eigenes Zimmer, sondern für ein Bett in einem Raum mit bis zu vier anderen Asylbewerbern.

Auf den Quadratmeter gerechnet macht das der “Welt” zufolge rund 30 Euro Miete pro Monat - für einen Platz in einer bayrischen Flüchtlingsunterkunft.

Dafür könnte man übrigens auch in diese Luxuswohnung im Herzen Münchens mit Blick auf die Frauenkirche ziehen. Der Quadratmeterpreis ist mit circa 34 Euro ähnlich hoch.

Allerdings gibt es dort noch eine groß angelegte Dachterrasse oben drauf. Warm kosten das 121 Quadratmeter große Objekt allerdings nicht 280, sondern 4200 Euro.

Für wohlhabende Menschen in Deutschland gibt es dem Anschein nach also genügend Wohnraum.

► Für Asylbewerber, Geringverdiener und Rentner wird der Platz allerdings immer knapper. Und genau dieses Problem wird Deutschland 2018 vor große Herausforderungen stellen.

(jg)

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